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 EM 2016

Em 2016:Wir bewerten die Nationalelf nach der Vorrunde

Nicht nur Bastian Schweinsteigers Jubellauf nach seinem Treffer gegen die Ukraine prägte die Vorrunde. Eine augenzwinkernde Bewertung der Nationalspieler
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In seinen Augen brennt das EM-Feuer: Bastian Schweinsteiger bei seinem fulminanten Jubellauf nach dem Treffer gegen die Ukraine Foto: Laurent Dubrule, dpa
In seinen Augen brennt das EM-Feuer: Bastian Schweinsteiger bei seinem fulminanten Jubellauf nach dem Treffer gegen die Ukraine Foto: Laurent Dubrule, dpa
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Tor

Manuel Neuer: Die Torhüterkünste der Nummer eins waren bislang nur gegen die Ukraine gefragt. Wenn der Ersatzkapitän gebraucht wurde war er da. Den Rest erledigt Jérôme Boateng. Seit 360 Minuten ohne Gegentor.

Bernd Leno: Wenn Neuer nicht der Himmel auf den Kopf fällt, ist diese EM für den 24-Jährigen von Bayer Leverkusen ein kostenloses Trainingslager unter Luxusbedingungen: Top Hotel. Leckere Verpflegung. Beste Plätze im Stadion. Keiner ist so nah dran und doch so weit weg vom Rasen wie Leno.

Marc-André ter Stegen: Was für Leno gilt, gilt auch für ter Stegen. Darf sich nicht mal einen Kampf um die Nummer zwei liefern, weil Deutschlands bestbezahlter Bällezuspieler Andreas Köpke hinter Neuer "alles offen" lässt.



Abwehr

Jérôme Boateng: Schenkte dieser EM die spektakulärste Abwehraktion, als er gegen die Ukraine im Rückwärtsfallen den Ball von der Linie drosch. Der Berliner würde wahrscheinlich auch die Titanic vor dem Untergang retten - oder die SPD.

Emre Can: Der 22-jährige Außenverteidiger vom FC Liverpool bereichert die multikulturelle Vielfalt in der Mannschaft und ist definitiv der mindestens zweitbeste Spieler aus der Premier League im deutschen Kader. Seit Kimmichs Einsatz auf rechts sackten Cans Chancen auf einen Einsatz unter Grasnarbenhöhe.

Jonas Hector: In Kimmichs Alter kickte der Saarländer noch in der Oberliga. In Köln wird der Spätstarter "Schlaubi" genannt, nach dem Schlumpf mit der Brille. Nicht nur wegen seines BWL-Studiums kein Profi klassischer Prägung. Dafür, dass er als Mann ohne Eigenschaften gilt, macht er seine Sache auf der linken Seite gut. Drei Spiele über die komplette Distanz.

Benedikt Höwedes: Ein Teamplayer, wie ihn sich jeder Trainer wünscht. Musste im dritten Spiel für Joshua Kimmich weichen und lobte Löw sogar noch für diese "richtige Entscheidung". Der Mann aus Haltern am See ist trotz Weltmeisterstatus angenehm geerdet geblieben und könnte in der K.-o.-Phase noch gut gebraucht werden.

Mats Hummels: Der Mann mit dem d´Artagnan-Gesicht macht nicht nur als Hugo-Boss-Model eine gute Figur, sondern nach überstandener Wadenverletzung auch in der Innenverteidigung. Sehr gutes Auge. Durch ihn lernen wir auch unbekannte Worte kennen wie "multidirektionales Training" und "Missverständnis-Alarm".

Shkodran Mustafi:
Sensationelle Vorrunde des Abwehrspielers: Erzielte sage und schreibe ein Drittel aller deutschen Tore und damit so viel wie der gesamte deutsche Sturm. Okay, Deutschland traf nur dreimal bislang und Mustafi einmal. Aber Statistik lügt nicht. Musste für Mats Hummels weichen und sorgt seitdem beim Aufwärmen im Stadion mit technischen Kabinettstückchen für Staunen. Kein Witz!

Jonathan Tah: Aus dem Urlaub in den Urlaub? Ganz so ist es nicht für den Verteidiger von Bayer Leverkusen, der für Antonio Rüdiger (Kreuzbandriss) nachnominiert wurde. Der Jüngste im Kader ist fleißiger Sparringspartner im Training, wird die EM aber wohl ohne Einsatz beenden.


Mittelfeld

Julian Draxler: Komisch. Spielt für Wolfsburg, ist aber irgendwie immer noch unter Schalke 04 abgespeichert. Rechtfertigte Löws Vertrauen mit zwei guten Spielen im linken Mittelfeld zum Turnierstart, musste dann aber Mario Gomez Platz machen.

Sami Khedira: Hat auf seiner Dachterrasse in Turin keinen Pool, sondern einen Käfig für Kraftübungen. Kommt immer besser in Tritt, durchpflügt das Mittelfeld mit kräftigen Schritten. Schrubbt die meisten Kilometer im deutschen Team.
Joshua Kimmich: Ist er der Philipp Lahm 2.0, der Außenverteidiger einer neuen Generation? Der 21-Jährige bestand die Feuertaufe gegen zweitklassige Nordiren und wird wohl auch im Achtelfinale gegen die Slowakei beginnen. Ob der Baden-Württemberger alles kann außer Hochdeutsch? Wissen wir noch nicht, spricht erst heute auf der Pressekonferenz in Évian.

Toni Kroos: Im Team aus dem Land der Dichter und Denker ist er der Richter und Lenker. Ordnet das Spiel. Das Zauberfüßchen spielte in der Vorrunde insgesamt 348 Pässe, 323 kamen an. Rekordverdächtig.

Thomas Müller: Der Hobbygolfer hat leider ein Handicap: Er trifft das Tor nicht mehr. Was ihm ein wenig die Laune verhagelt. Ist aber eloquent wie eh und je, und immerhin führt der weltbeste Müller in einer Statistik. Wurde bislang am meisten gefoult im deutschen Team: fünf Mal.

Mesut Özil: 30 Millionen Facebook-Fans haben nicht mal Robbie Williams, U2 und Helene Fischer zusammen. Beherrscht die Kunst des effektiven Altruismus: Lässt durch seine Ideen und Pässe andere Akteure besser aussehen als sich selbst. Löws Liebling: 22 Turniereinsätze in Folge - und kein Ende in Sicht.

Lukas Podolski: Der Erfahrenste (128 Länderspiele) stand bei seiner vierten EM zwar noch keine Sekunde auf dem Platz, ist für den Bundestrainer trotzdem das Gelbe vom Ei: Wie Poldi auf kölsche Art Löws Hosen-Affäre beerdigte, war ganz großes Kino und sichert ihm noch einen Kaderplatz für die WM 2026 in Island.

André Schürrle: Er galt einmal als große Offensiv-Offenbarung, steckt aber seit dem WM-Finale in einer Art Dauerkrise. Könnte durch seine Schnelligkeit noch eine wichtige Rolle einnehmen - als Joker.

Bastian Schweinsteiger: Hoch-Zeit für den Hochzeiter! Vor dem Jawort mit Ana Ivanovic knackte der älteste Spieler im DFB-Kader einen Rekord: Hat jetzt mit 15 EM-Spielen die meisten auf dem Buckel in der deutschen Fußballgeschichte. Verschenkte bei seinem Jubellauf nach dem Treffer zum 2:0 gegen die Ukraine so viel Freude, dass ganz Lille heute noch lächelt.

Julian Weigl: Für den jungen Himmelsstürmer, der von den Münchner Löwen kam und bei Borussia Dortmund Stammspieler wurde, kommt diese EM noch zu früh. Scharrt mit den Hufen, muss sich aber im Mittelfeld weiter gedulden.


Sturm

Mario Gomez: Zurück in die Zukunft: Der Marty Mcfly des deutschen Fußballs findet über den Umweg Türkei wieder Zugang in die Eliteklasse. Der Mittelstürmer ordnet sich klasse ein im Team. Das Siegtor gegen Nordirland war sein vierter EM-Treffer. Nur noch Jürgen Klinsmann ist vor ihm (5 Tore). Auch wenn er viele Stürme erlebt hat: Die Frisur sitzt wie eh und je.

Mario Götze: Wäre gerne mal der Hund, ist aber der Baum. Eine Art Weihnachtsbaum. Einst lichterglänzend und mit Goldlametta geschmückt, nadelt er doch mittlerweile kräftig. Nach einem fehlerbehafteten Nordirland-Spiel wechselte ihn Löw zornig aus. Bis Weihnachten dauert´s noch.

Leroy Sané: Vielleicht das größte Offensivversprechen des deutschen Fußballs. Durfte seine Künste bislang nur im Wiegeschritt mit den Damen des Tanzclubs Ludwigshafen zeigen. Jetzt will Sané aber Salsa im Stadion tanzen. Vielleicht bittet ihn Löw schon gegen die Slowakei aufs große Parkett. Achim Muth