Altenkunstadt

Der Kreis kann sich für Janorschke schließen

Der Altenkunstadter Grischa Janorschke fährt wieder in einem Profiteam und träumt vom zweiten Start beim Klassiker Paris - Roubaix.
Artikel drucken Artikel einbetten
Frühling auf Mallorca. Bei der Challenge auf der Balearen-Insel stand der Altenkunstadter Grischa Janorschke (rechts) als Gewinner der Kombinationswertung aus Sprint- und Bergpunkten schon auf dem Podium. Bei den Frühjahrsklassikern will der 28-Jährige erneut zuschlagen.  Foto: Team-Roth
Frühling auf Mallorca. Bei der Challenge auf der Balearen-Insel stand der Altenkunstadter Grischa Janorschke (rechts) als Gewinner der Kombinationswertung aus Sprint- und Bergpunkten schon auf dem Podium. Bei den Frühjahrsklassikern will der 28-Jährige erneut zuschlagen. Foto: Team-Roth
+2 Bilder
Nein - der Februar in Deutschland ist nichts für Radrennfahrer. "In der vergangenen Woche habe ich täglich ein paar Stunden Regenerationstraining gemacht und bin prompt zweimal in Eisregen oder Schneefall geraten", erzählt Grischa Janorschke. Der Altenkunstadter kam gerade von der fünftägigen Rundfahrt Etoile de Bessèges (Kat. 2.1, siehe rechte Spalte) zurück. Dort in Südfrankreich, auf der iberischen Halbinsel oder auf Mallorca werden die Trainingslager und die ersten Rennen des Jahres absolviert.
In wenigen Wochen beginnt dann in Mitteleuropa wieder die Radsportsaison. Wenn in Belgien, Frankreich und Holland die Eintages-Klassiker und kurzen Rundfahrten anstehen, dann haben die Radprofis schon einige Tausend Kilometer in den Beinen - so auch Grischa Janorschke, der auf eine Jahresleistung von rund 25 000 km in Training und Rennen kommt.


Elfte Saison auf hohem Niveau

Der Oberfranke geht inzwischen in seine elfte Saison auf hohem Niveau. Zum zweiten Mal fährt der 28-Jährige in einem Profi-Rennstall. In diesem Jahr tritt er für das Schweizer Team Roth in die Pedale. Die Equipe hat für 2016 eine Pro-Kontinental-Lizenz und tritt in der so genannten zweiten Liga an - unterhalb der World-Tour-Teams.
Im Jahr 2012 stand Janorschke schon einmal als Vollprofi beim Team Net-App unter Vertrag. Ansonsten war der Altenkunstadter für die deutschen Kontinental-Teams Milram und Nutrixxion sowie zuletzt für das österreichische Team Vorarlberg am Start. Daneben schloss er das Studium internationales Management ab und baute sich als Handelsvertreter für einen Nahrungsergänzungsmittelhersteller ein zweites Standbein auf.
In den "Konti-Teams" hat sich der Franke auf nationaler und internationaler Ebene einen Namen gemacht. "Der Lohn ist jetzt der Vertrag bei Roth", weiß der Profi, was er geleistet hat. An die Ungewissheit, sich von Jahresvertrag zu Jahresvertrag zu hangeln, habe er sich gewöhnt. "Man weiß nie, was kommt. Es gibt im Leben keine Garantie. Springt der Sponsor ab, steht man plötzlich auf der Straße. Die Vergangenheit hat mich gelehrt, sich keine großen Ziele zu setzen." Rückblickend war 2015 ein Glücksjahr für den Altenkunstadter. Sturzfrei geblieben, gute Leistungen gezeigt, Profivertrag unterschrieben und zum Jahresabschluss noch "seine" Sandra geheiratet.


Professionelles Umfeld

Und auch der Start beim neuen Team ist vielversprechend. "Das Team Roth ist von der Professionalität noch eine Stufe höher als das, was ich bei Net-App erlebt habe", weiß Janorschke zu berichten. "Nach dem Rennen können wir im Team-Bus gleich etwas essen, duschen und werden massiert", schwärmt der 28-Jährige vom Umfeld. Sein bisheriger persönlicher Trainer, der Sportwissenschaftler Dennis Sandig, ist - auch auf Empfehlung von Janorschke - beim Team Roth nun unter Vertrag und schreibt die Trainingspläne der Profis. Mit Uwe Peschel haben die Schweizer einen renommierten Ex-Profi als sportlichen Leiter eingestellt, der in dieser Position im vergangenen Jahr beim russischen World-Tour-Team Katusha tätig war.


Die Youngster einbremsen

"Dieses professionelle Umfeld will ich nutzen, um einen Leistungssprung zu machen. Klar ist Radsport eine Teamsache. An Tagen, wo alles passt, will ich Akzente setzen, mal eine Flucht zu Ende bringen oder auf Ergebnis fahren", nennt Janorschke seine Ziele für 2016. Ansonsten soll der 28-Jährige seine Erfahrungen an die jungen Schweizer Fahrer weitergeben. "Die musste ich im Trainingslager schon mal bremsen, wenn sie nach viereinhalb Stunden noch nicht nach Hause fahren wollten. Dann sage ich: Warte ab, das Jahr ist lang. Vor sechs, sieben Jahren hätte ich mich für ein solches Team im Winter wohl auch schon kaputt trainiert", versteht der Routinier seine jungen, übermotivierten Kollegen, die sich im 23-köpfigen Team aufdrängen wollen.
Nach Trainingslagern in Calpe an der Costa Blanca und auf Mallorca ließen sich die ersten Einsätze bei der Mallorca-Challenge und bei Etoile de Bessèges gut an. Seit dem gestrigen Mittwoch läuft für Janorschke die Algarve-Rundfahrt (2.1), eine schwere Fünf-Etappen-Tour, bei der sich der Sprinter den Schliff für sein Rennprogramm bis 18. März in Belgien und Holland holen will.
Nach einer kleinen Rennpause hofft das Team auf eine Einladung für Paris - Roubaix am 10. April. "Mit dem Rennen habe ich noch eine Rechnung offen. Dann könnte sich ein Kreis schließen", sagt der Altenkunstadter, der 2012 in einer Ausreißergruppe schwer stürzte und aufgeben musste.



Radsportimage in Deutschland auf dem Weg der Besserung

Das Image des Profi-Radrennsports ist weiter von Doping behaftet. Erst vor drei Wochen wurde wieder ein Profi erwischt. Der Russe Eduard Worganow ist vom Radsport-Weltverband UCI nach einem positiven Dopingtest vorläufig gesperrt worden. Dem Profi vom Team Katusha war bei einer Trainingskontrolle das durchblutungsfördernde Mittel Meldonium nachgewiesen worden, das ab diesem Jahr auf der Dopingliste steht.
Doch auch im Biathlon, der Leichtathletik oder im Fußball ist Doping gang und gäbe. Der Teamarzt des Bundesliga-Aufsteigers SV Darmstadt 98, Klaus Pöttgen, meint: "Sie können in jeder Sportart durch die Anwendung unerlaubter Substanzen eine Leistungssteigerung erzeugen." Allerdings werde im Fußball mittlerweile sehr häufig kontrolliert. "Heute ist das Risiko, erwischt zu werden, extrem hoch. Ich denke, das ist inzwischen ein gutes System."
Das sagen auch die Radsportler. Ihr Image ist aber nachhaltig beschädigt. Dass die Freiburger Ärzte Armin Klümper und Joseph Keul seit den 70er Jahren nicht nur Radfahrer, sondern auch Ringer, Leichtathleten sowie die Fußballer des SC Freiburg und des VfB Stuttgart versorgten, wurde inzwischen zweifelsfrei ermittelt. Das Image der Radsportszene hat sich aber seit der Festina-Affäre 1998 und dem Fuentes-Skandal 2006 nur wenig verbessert.


Neue, saubere deutsche Stars

In Deutschland hat sich durch die neue, wohl saubere Radfahrer-Generation wie John Degenkolb, Marcel Kittel, Tony Martin oder André Greipel die Stimmung wieder gebessert. Die ARD übertrug nach einer dreijährigen Pause 2015 wieder live die Tour de France. Ein wichtiger Aspekt, fußt doch der Bekannheitsgrad des Radsports während der Saison zu 80 Prozent auf der Tour.
Mit Giant-Alpecin gibt es wieder einen deutschen World-Tour-Rennstall. Auf den Werbeslogan des Shampoo-Herstellers ("Doping für die Haare - nur für die Haare") verzichtete man allerdings wohlweislich.
Rückschläge gibt es jedoch. Die Absage der Bayern-Rundfahrt, des einzigen hochkarätigen Mehrtagesrennens in Deutschland, wegen fehlender Sponsorengelder ist ein Schlag ins Kontor der nationalen Radsportszene.
Das Anti-Doping-Gesetz in der Bundesrepublik ist seit 1. Januar 2016 in Kraft. Ob die Strafandrohung bei Besitz von Dopingmitteln etwas bringt? Zweifel sind vorhanden.
Das gegenseitige Misstrauen innerhalb der Radprofiszene ist groß. Der Altenkunstadter Profi Grischa Janorschke hat sich für seinen - wie er sagt - sauberen Weg entschieden: "Ich weiß, dass ich mit meinen Voraussetzungen nur an ein paar Tagen im Jahr auf hohem Niveau konkurrenzfähig bin. Ansonsten kann ich Nischen besetzen, dem Team helfen oder kleine Akzente setzen. Andere haben vielleicht viel mehr Talent oder reizen andere Sachen noch mehr aus - und da gehört die Medizin dazu." Indizien gebe es, doch gesehen habe er Kollegen beim Dopen noch nicht. Als Profi unterliegt der 28-Jährige dem Nada-Meldesystem. Dabei ist täglich eine Stunde und ein Ort anzugeben, wo der Sportler für einen Test anzutreffen ist. Einen Blutpass mit mehreren Untersuchungen pro Jahr bei neutralen Ärzten hat jeder Fahrer ebenfalls zu führen. Vor Betrug schützt das nicht, wie jeder weiß. Das Hase-und-Igel-Spiel geht weiter.
Nach Angaben des deutschen Toxikologen Klaus Müller sei die gentechnische Herstellung von Dopingmitteln wie zum Beispiel von Wachstumshormonen längst üblich. "Die Gen-Manipulation an Organen ist das, worauf man sich am ehesten einstellen muss", meint Müller, Leiter des Instituts für Doping-Analytik in Kreischa.



Radsport-Glossar

World-Tour-Teams gibt es 18, an die der Radsport-Weltverband UCI (Union Cycliste Internationale) Lizenzen vergibt. Das Budget eines Top-Rennstalls wie Sky beträgt angeblich über 30 Millionen Euro. Im Schnitt liegt der Etat einer World-Tour-Equipe bei 15 Millionen Euro. Die Teams haben 28 bis 30 Fahrer unter Vertrag.

Pro-Kontinental-Teams sind derzeit 23 mit Lizenz ausgestattet. Sie bestreiten vor allem Rennen der Kategorie 1 und höher, sind aber nicht automatisch bei World-Tour-Rennen startberechtigt, sondern müssen hier auf eine Wild-Card hoffen. So startete das deutsche Team Bora-Argon im vergangenen Jahr als Pro-Kontinental-Team bei der Tour de France. Das Budget eines Pro-Kontinental-Teams liegt bei drei bis fünf Millionen Euro - bei im Schnitt 22 Fahrern.

Kontinental-Teams sind auf der Schwelle zum Profitum. Die rund 120 Teams weltweit (davon sechs aus Deutschland) bestreiten die kontinentalen Rennserien unterhalb der UCI-World-Tour. Die Fahrer sind keine Berufsfahrer, da von der UCI kein Mindesteinkommen festgelegt wird. Maximal 16 Fahrer können vertraglich an ein Kontinental-Team gebunden sein, wobei die Hälfte unter 28 Jahre alt sein muss.

Gehalt Als angestellter Fahrer in einem Pro-Kontinental-Team ist von der UCI für das Jahr 2016 ein Jahresmindestgehalt von 30 500 Euro festgelegt. Bei den World-Tour-Teams
liegt das Mindestgehalt nur wenige tausend Euro höher. Die Gehälter der Stars betragen ein Vielfaches.

Rennkategorien Jedes Radrennen wird klassifiziert. Bei den Zahlen-Kombinationen der Rennkategorie bedeutet die erste Ziffer, ob es sich um ein internationales Eintages- (1.) oder ein Mehrtagesrennen (2.) oder nationales Eintages- (3.) bzw.- Mehrtagesrennen (4.) handelt. Nach dem Punkt folgt die Einteilung in die Klassen. In der höchsten Klasse gibt es 28 Rennen der World-Tour (WT). Danach folgen die Ehrenkategorie HC, die mit den Ziffern 1 und 2 für kontinentale Rennen und ab 3 nationale Rennen. Der Eintagesklassiker Paris - Roubaix ist ein 1.WT-Rennen, die Bayern-Rundfahrt gilt als Rennen der Kategorie 2.HC, der Sparkassen-Giro in Bochum als 1.1- und das nationale Rennen Köln-Schuld-Frechen als 3.2-Veranstaltung.

Rennen in Deutschland
Das traditionsreichste Rennen findet am 1. Mai in Frankfurt statt. Den "Henninger Turm", wie er noch immer bei den Fahrern genannt wird, gibt es seit 1962. Das inzwischen unter dem Namen "Rund um den Finanzplatz Eschborn" firmierende Rennen der Kategorie 1.HC wurde 2015 wegen Terrorgefahr kurzfristig abgesagt. Das einzige World-Tour-Rennen sind die Vattenfall-Cyclassics am 21. August in Hamburg. Der Sparkassen-Münsterland-Giro (1.HC) am 3. Oktober gilt ebenfalls als Topveranstaltung. Hochkarätige 1.1-Rennen sind noch Rund um Köln am 12. Juni und die Velothon-Serie in Berlin (5. Juni) und in Stuttgart (24. Juli). Die einzige Mehrtagesveranstaltung, die Bayern-Rundfahrt (2.HC) wurde wegen Sponsorenmangels abgesagt.



Fränkische Radfahrer

John Degenkolb (Bild) ist zwar in Thüringen geboren, aber im mittelfränkischen Weißenburg aufgewachsen und hat dort mit dem Radsport begonnen. Beim einzigen deutschen World-Tour-Team, Giant-Alpecin, steht der 27-Jährige unter Vertrag. Nach einem Trainingsunfall in Spanien wird Degenkolb wie zehn weitere Teammitglieder erst drei Monate später in die Saison einsteigen. Der Ansbacher Manuel Porzner ist auf dem Sprung zum Profi. Der bald 20-jährige ehemalige Junioren-Weltmeister auf der Bahn fährt für das österreichische Team Vorarlberg. Florenz Knauer aus Lisberg (Lkr. Bamberg) machte dagegen einen Schritt zurück. Der 27-Jährige wechselte vom H&R-Block-Profiteam ins aufstrebende Herrmann-Radteam nach Baiersdorf bei Erlangen - eine Amateur-Equipe. Hier fahren auch der Kulmbacher Benjamin Korndörfer und Pascal Hartmann aus Altendorf.