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Kulmbach
InFranken trifft (7)

Sommerserie InFranken trifft: Pralinen, Porsche und Multikulti im Kulmbacher Stadtteil Grafendobrach

Ein Ausflug, der auf dem Acker beginnt, endet wie so oft in unserer Sommerserie mit überraschenden Begegnungen: Was wir in Grafendobrach erlebt haben.
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Für Künstlerin Soojin Kang und ihren Mann, Filmemacher Markus Schröder, ist Grafendobrach zur zweiten Heimat geworden. Foto: Barbara Herbst
Für Künstlerin Soojin Kang und ihren Mann, Filmemacher Markus Schröder, ist Grafendobrach zur zweiten Heimat geworden. Foto: Barbara Herbst
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M adla, hast du schon wieder einen Acker getroffen? Yes. Und das ist gut so. Denn auch landwirtschaftliche Flächen haben etwas Erhabenes. Also steuern den Spielregeln gemäß Fotografin Barbara Herbst und ich als erstes den Ort an, den der Dartpfeil auf unserer Landkarte durchbohrt hat. Guten Morgen, du edler Acker!
Braun und bröckelig liegst du am Waldrand bei Grafendobrach und hast einen schönen Ausblick ins Kulmbacher Land. Dass sich an diesem Vormittag kein Gräschen und kein Häschen regen, macht dem Acker ist es nichts aus. Es ist ihm zu heiß. Uns auch. Deshalb steigen wir wieder ins Auto, fahren ins nahegelegene Grafendobrach und parken.


Eine Liebesbeziehung führt nach Grafendobrach

Nach ein paar Schritten hören wir in einer Seitenstraße aus einem Radio am offenen Fenster eines Bauernhofs klassische Musik, eine asiatisch aussehende Frau im Sommerkleidchen huscht hin und her. Mal Hallo sagen? Gern laden uns Soojin Kang und Markus Schröder auf ein Glas Wasser ein. Auf englisch und deutsch erzählen der gebürtige Kulmbacher Filmemacher und seine koreanische Frau, wie sie sich 2008 in Buenos Aires kennenlernten.
Schröder studierte dort Film, Künstlerin Kang machte in Argentinien Urlaub. Der Franke folgte ihr frisch verliebt nach London, wo er sein Studium beendete. Obwohl sie lange für ein eigenes Haus sparten, blieb es in der Weltstadt ein unerreichbarer Traum. "Also haben wir uns in meiner Heimat umgeschaut", berichtet Schröder. In Grafendobrach wurde das freischaffende Ehepaar fündig - und kaufte für 70  000 Euro das Anwesen mit Nebengebäuden.


Ein Himmel voller Holz

So cool es am Anfang war: "Wir haben schnell gemerkt, dass wir viel Arbeit reinstecken müssen." Vor allem das Haus ist stark renovierungsbedürftig. Fünfmal im Jahr reisen sie aus London an, dann werkelt Schröder in der Wohnung, Kang an ihrer Kunst. Sie öffnet die Scheune und zeigt auf riesige Holzstapel, übrig vom Vorgänger. "Für mich ist das hier der Himmel", sagt sie, strahlt und wirft mit Getöse eine Schleifmaschine an.
Die ersten Kunstwerke, die am Zweitwohnsitz unter freiem Himmel entstanden, transportierte das Ehepaar im Auto-Anhänger nach London. Alle sind bereits verkauft. Kang hat Kunden in der Schweiz und New York, ihre Arbeiten sind auch im Victoria&Albert Museum in London zu sehen. Bald will sie befreundete Künstler zum Schaffen nach Grafendobrach einladen, dann wird der Bauernhof ein großes Multikulti-Atelier. Ihr Sohn Emil (1) ist bereits multikulti: Er wächst viersprachig auf. "Englisch, koreanisch, deutsch und bei mir lernt er fränkisch", sagt Opa Karl-Heinz, der gerade aus Kulmbach zu Besuch ist.


Die Pralinen der Confiserie Esther

Wenn man weiter durch den Kulmbacher Stadtteil läuft, stößt man unweigerlich auf ein verheißungsvolles Schild: "Pralinen-Fabrik". Peter-Alexander Pelz von der Confiserie Esther ist ein bisschen überrumpelt. Was wir denn wissen wollen? Alles. Also: "Weil meine Eltern häufig schlechte Pralinen gegessen haben, dachten sie, das könnten sie besser." 1989 eröffneten sie ihren Laden und verkauften zunächst Fremdprodukte. Drei Jahre später, da hatte sich der Vater - ein Maschinenbauer - mit Fachbüchern und Ausprobieren in das Thema reingefuchst, begannen sie mit der Eigenproduktion.


Schon als kleiner Bub Schokoladen gefüllt

"Ich habe schon als kleiner Bub für Taschengeld Schokoladen gefüllt", erzählt Pelz. "Ich bin da reingewachsen." Heute ist er Chef von 15 Mitarbeitern und kümmert sich ums Geschäftliche, Mutter Inge hilft noch in der Produktion. Das Naschwerk wird außer in Grafendobrach in eigenen Läden in Kulmbach und Coburg verkauft, außerdem werden Fachhandel und Firmenkunden beliefert. Hochsaison sei zwischen September und Ostern. "Wir arbeiten mit leichten Abwandlungen immer noch nach den Rezepten meines Vaters", erklärt Pelz und zeigt den Klassiker: Marc de Champagne.


Türleisten für Luxusschlitten

Mit dem kühlen Schmelz einer spendierten Praline am Gaumen fragen wir, was es im 149-Seelen-Ort noch zu sehen gibt. Pelz schickt uns zu einer großen Firma die Straße 'rauf. Am Empfang werden Manager Stephan Kurz und Produktionsleiter Matthias Fleischer herbeigerufen. "Novem Car Interior Design ist Weltmarktführer für Zierteile und Funktionselemente im Innenraum von Autos des Premiumsegments", berichten die beiden.
Die Gruppe habe an elf Standorten in Europa, Nord- und Mittelamerika sowie Asien über 6500 Mitarbeiter. In Grafendobrach fertigen 132 Beschäftigte noble Zierleisten aus Edelhölzern, Carbon, Aluminium, Premiumsynthetik oder Leder für Türen im Porsche Panamera. "So ein Auto kostet zwischen 80 000 und 210 000 Euro", erklären Kurz und Fleischer. "Da sind hochpreisige Sonderausstattungen selbstverständlich." Nach so viel Luxus steigen wir wieder in unseren schnöden Dienstwagen. Ohne Zierleisten, Swarovski-Steinen in den Scheinwerfern oder goldenen Schriftzügen am Armaturenbrett - gibt's alles im Premiumsegment, wie wir erfahren haben - fahren wir angereichert mit schönen Erlebnissen zurück in die Redaktion. InFranken trifft war einmal mehr ein Volltreffer.
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