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Dietersheim
Sommerserie InFranken trifft (14)

Sommerserie 2018: InFranken trifft Dottenheim und entdeckt Bahnhofs-Gschichtla wie in Astrid Lindgrens Welt

Sie kamen aus Brandenburg, den USA und dem Ruhrgebiet: Warum Einwohner Dottenheims gerne an der Bahnstation dieses Dörfchens leben.
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Ein Ort des Wohlfühlens mit vielen Plätzen zum Verweilen: Brigitte Schreima hat mit ihrer Familie den Dottenheimer Bahnhof stilgerecht renoviert. Praktisch ist der direkte Zugang zum Gleis. Türla auf, Türla zu und nach zehn Schritten direkt in den Zug einsteigen. Foto: Barbara Herbst
Ein Ort des Wohlfühlens mit vielen Plätzen zum Verweilen: Brigitte Schreima hat mit ihrer Familie den Dottenheimer Bahnhof stilgerecht renoviert. Praktisch ist der direkte Zugang zum Gleis. Türla auf, Türla zu und nach zehn Schritten direkt in den Zug einsteigen. Foto: Barbara Herbst
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E infach bleiben. Am Holztisch mit den frischen Blumen sitzen, den Rücken an die gelbe Hauswand gelehnt. Sonnenstrahlen stehlen sich unters Vordach. Ihre Wärme verlangsamt wohlig den ewigen Strom der Gedanken. Träge folgen die Augen dem Zug, der mal von rechts, mal von links heranbummelt. Hin und wieder steigen Fahrgäste ein und aus. Das Leben am Dottenheimer Bahnhof, wo nur ein paar Schritte zwischen Gartenzaun und Gleis liegen, ist wahr gewordene Landidylle aus Astrid Lindgrens Welt.

Damit hätten Fotografin Barbara Herbst und ich bei unserer Ankunft nicht gerechnet. Denn der Ortsteil der Gemeinde Dietersheim im mittelfränkischen Landkreis Bad Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim wird von der B 470 durchschnitten - und der Verkehrslärm wabert tief hinein in die Wohngebiete jenseits der Bundesstraße.

Kommen, gehen: Zwischenstation

Ganz still dagegen ist es an unserem Zielort in freier Natur oberhalb von Dottenheim. Natürlich habe ich wieder in einen Acker gespickert! Wir nehmen es mit Humor und stellen Wurf und Landung des Pfeils mit viel Rumgehopse auf dem Feld nach. Da spaziert Christine Rogosch mit Hund Amy vorbei. Sie erzählt, dass sie zu Besuch ist, um das Haus ihrer Tochter zu hüten.

Diese war mit ihrem Mann nach Franken umgesiedelt, weil sie in der brandenburgischen Heimat keine Arbeit fanden. In Dottenheim bauten sie ein Haus und zogen zwei Kinder groß. Die Oma geht zweimal am Tag mit Amy Gassi und genießt die Landschaft. "Die Ruhe hier ist herrlich", schwärmt Rogosch. Sie ist die erste "Neigschlaafte", der wir begegnen. In dem 350-Einwohner-Dörfchen ist viel Bewegung, viel Verkehr. Menschen kommen, gehen. Manche machen kurz Station. Andere bleiben.

Endstation: Über das Bleiben

Auf dem Weg zurück in den Ort überqueren wir ein Gleis. Nach rechts zweigt die Straße "Am Bahnhof" ab. Vor dem kleinen Wartehäuschen steht ein Grüppchen. Während der Zug einfährt, können wir schnell noch ein paar Worte wechseln: "Wir fahren eine Station weiter nach Ipsheim auf den Spielplatz", erzählt Stefan Kampe und steigt mit seinen Kindern Elena, Elias, Leonie und Hund Edda ein. Der Lokführer steckt den Kopf aus dem Fenster und will wissen, was wir hier machen. Er selbst lässt sich allerdings nicht befragen oder fotografieren. "Es sei denn, ich bekomme eure Handynummern", sagt er und lacht.

Ein grünes Holzhaus am Gleis

Denkste! Lieber wenden wir uns dem Mann zu, den wir im Garten gleich neben dem Gleis arbeiten sehen. Auf dem Grundstück steht ein grünes Holzhaus, das an amerikanischen Baustil erinnert. Gregory Göhner erzählt, dass seine Eltern 1987 nach einem Lebensabschnitt in den USA zunächst den alten Bahnhof in Dottenheim vor dem Abriss gerettet, gekauft und renoviert haben. Weil das Gebäude nicht altersgerecht ist, baute sein Vater - ein Architekt - 1998 gleich nebenan das Holzhaus.

"Als er pflegebedürftig wurde, bin ich aus Nürnberg wieder hergezogen", erzählt Göhner. Seit dem Tod des Vaters im Mai lebt er mit seiner 80jährigen Mutter allein im grünen Haus. "Es ist für mich selbstverständlich, sie zu unterstützen." Jetzt sucht er eine Halbtagesstelle und arbeitet viel im Garten, einem Biotop mit Bienen und Eidechsen. Er mag das Leben am Bahnhof. "Es ist ruhig hier. Pro Stunde halten zwei Züge. Ich finde es nett, wenn sich manchmal jemand zu mir verirrt und nach dem Weg fragt."

Die Nebenlinie der R1 zwischen Nürnberg und Kitzingen werde von Pendlern und Schülern genutzt. Auch Wanderer kommen mit dem Zug an und laufen zum Weintrinken nach Ipsheim. Logisch, dass Göhner selbst oft in den Zug direkt vor seiner Nase einsteigt. "Es ist einfach praktisch. In 35 Minuten bin ich in der Nürnberger Innenstadt." Zum Einkaufen muss er nach Dietersheim oder Ipsheim fahren, seit der Dorfladen in Dottenheim zugemacht hat.

Wohlfühlort: Angekommen

Als die Nachbarin "guten Morgen" herüberruft, empfiehlt uns Göhner, auch sie zu besuchen. Brigitte Schreima bittet uns auf ein Glas Wasser ans Ufer ihres kleinen Teichs. Sofort spüren wir sie: Die besondere Atmosphäre, die von diesem Ort ausgeht. Auch Schreimas sind zugereist. "Wir wollten raus aus dem Ruhrgebiet und mein Mann bekam eine Stelle in Erlangen."

Zunächst wohnten sie in Birnbaum. Eine Zwischenstation, bis sie 1997 den alten Bahnhof in Dottenheim entdeckten - genau zu dem Zeitpunkt, als Nachbar Göhner verkaufen wollte. "Es war Liebe auf den ersten Blick", schwärmt Schreima, die als Mediatorin auch Zuhause arbeitet.

Nach der Renovierung zog das Ehepaar mit seinen beiden Söhnen 1998 ein.

So schön wie in Bullerbü

2006 kam die Fassade - gelb! - an die Reihe, wurde das Vordach stilgerecht restauriert und entstand ringsum die grüne Oase mit unterschiedlichen Sitzplätzen und Pflanzen. Der Vorgarten ist vom Gleis nur durch einen Zaun getrennt. Hin und wieder fragen Leute nach Wechselgeld oder eine Omi kommt mit dem Fahrkartenautomaten nicht zurecht. Einmal, Schreimas saßen um die Ecke am Teich, packten Wanderer ihre Brotzeit im Vorgarten aus. "Wir haben sie gelassen", sagt die herzliche Frau und lächelt.

Bahnhofsbewegungen. Kommen, gehen. Früher fuhren die Söhne mit dem Zug zur Schule, heute pendelt ihr Mann ins Büro. Bald werden die neugeborenen Enkelkinder in Dottenheim-Bullerbü spielen. Schreima genießt ihr Idyll. "Wir haben uns einen Ort des Wohlfühlens geschaffen." Einen Ort zum Bleiben.