Bamberg
Wanderserie

So macht Wandern Spaß: Profi Sven Hähle gibt Tipps für die richtige Ausrüstung

Im ersten Profi-Tipp unserer Frühjahrsserie erklärt Sven Hähle von der Bayerischen Wanderakademie, welche Ausrüstung man fürs Wandern braucht.
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Sven Hähle. Foto: Barbara Herbst
Sven Hähle. Foto: Barbara Herbst
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Um fünf Uhr früh ist Wandertrainer Sven Hähle in Oberbayern losgefahren, dreieinhalb Stunden später steigt er in Bamberg aus dem Zug und zieht einen Koffer mit seltsamem Inhalt hinter sich her: keine Zahnbürste, aber mehrere Paar Wanderschuhe. Der 43-Jährige zeigt heute, worauf's bei der Ausrüstung ankommt.

Hähle lebt in Oberbayern, kennt Franken aber sehr gut: In den schönen Landschaften der Fränkischen Schweiz, im verstecktesten Dorf im Frankenwald und dem letzten Winkel der Haßberge hat er Wanderführer ausgebildet. Als Beauftragter für Nordbayern hat er begonnen; inzwischen leitet der 43-Jährige die Heimat- und Wanderakademie des Bayerischen Wanderverbands. In unserer Serie verrät er immer donnerstags seine besten Tipps aus der Wander-Praxis. "Die Leute wollen einem eine bestimmte Marke verkaufen und dass etwas chic ist und viele Accessoires hat. Aber was man braucht, ist abhängig vom Vorhaben", sagt er und hievt den Koffer ins Redaktionsauto.

Also: Was braucht der Wanderer?

Schuhe Im Fachgeschäft kaufen und ausgiebig testen - auch den Verkäufer: "Fragen Sie, welche Farbe besser ist." Eine Fachkraft weiß, dass die Farbe egal ist. Und sie kennt sich mit den Sohlen aus: Die sogenannte A-Sohle ist sehr biegsam: für leichte Wanderungen auf befestigten Wegen. Die B-Sohle ist eine halb-biegsame Universal-Sohle, geeignet im Mittelgebirge und auf guten Hochgebirgs-Wegen. "In Franken ideal." C- Sohlen sind stabil, wenig biegsam, für Gebirge, leichte Gletschertouren und einfache Steigeisen-Montage. D-Sohlen braucht's beim Spezialschuh für Hochtour, Eisklettern und Expedition.

Wer einen Allrounder sucht, nimmt den robusten Halbwanderschuh (B- Sohle) mit guter Schnürung, wasserabweisend oder wasserdicht. Für anspruchsvolleres Terrain (Hochgebirge mit Steigen, weglosem Gelände) einen robusten Stiefel (B- oder C-Sohle) mit guter Schnürung, unbedingt wasserdicht. "Leder lässt sich leicht reinigen, hat guten Tragekomfort, ist aber schwerer als Kunstmaterial, in dem der Fuß meist weniger schwitzt." Für Mittel- und Hochgebirge ist der Halbstiefel ein Kompromiss (nicht in schwierigem Terrain), außerdem gibt's Leichtwanderschuhe (A-Sohle, ähnlich wie Laufschuhe) für kurze Touren im Flachland. "Trekking bedeutet Mehrtageswandern, Trekkingschuh ist eher ein Marketingbegriff." Ein gutes No-Name-Produkt zu finden sei bei Schuhen schwer. Der Wandertrainer empfiehlt aber keine Marke. "Jeder Fuß hat eine individuelle Form - da hilft nur probieren!" Und zwar nachmittags oder abends, wenn der Fuß leicht geschwollen ist. Wanderschuhe eine halbe bis eine Nummer größer kaufen als Straßenschuhe. Probe laufen auf den Kunstbergen im Laden und mit den passenden Socken probieren. Socken Wandersocken polstern den Fuß durch Verstärkungen an Ferse, Ballen, Zehen und Knöcheln. Sie transportieren Schweiß nach außen und senken so das Blasenrisiko. Je höher der Wollanteil, desto wärmer (wintertauglicher), je höher der Kunststoffanteil, desto atmungsaktiver (sommertauglicher). Anders als Baumwolle leitet Merinowolle Feuchtigkeit gut nach außen. Wichtig: "Socken müssen faltenfrei sitzen."

Kleidung Am besten mehrere dünne Schichten übereinander tragen: Mit dem "Zwiebelprinzip" lässt sich Kleidung schnell an Witterung und aktuelle Anstrengung anpassen. Wandertrainer Sven erklärt die verschiedenen Schichten. "Wobei nicht immer alle notwendig sind!" Die äußere "Witterungsschicht" besteht aus Kunststoffen wie Gore-Tex oder Texapore (Hardshell) und schützt vor Wind, Regen und Schnee. Darunter speichern eine oder mehrere "Isolations-Schichten" (Softshell) die Körperwärme. Funktions-Unterwäsche macht die "Basisschicht" aus. Der Untergrund ist die Haut. "Sie muss trocken und richtig temperiert sein." Alle Schichten müssen zusammenpassen, atmungsaktiv sein und Schweiß nach außen leiten. "Wo ein Baumwoll-Shirt den Schweiß aufsaugt, kann ihn die Funktionsjacke nicht rauslassen." Funktionskleidung kann man auch billig kaufen: "Das Material ist das selbe wie bei teuren Sachen." Rucksack Für kleine Wanderungen reicht ein Tagesrucksack (20 bis 30 Liter), für längere gibt's Touren- oder Trekking-Rucksäcke. Aber keiner braucht 1000 Fächer: "Das schadet der Stabilität und man sucht nur", sagt der Wandertrainer. Richtig zu packen ist grundlegend. Häufiger Fehler: "Die Leute hängen außen viel ran. Das ist Schwungmasse." Rückenschonend ist's, wenn der Schwerpunkt des Rucksacks überm eigenen Körperschwerpunkt und nah am Körper liegt (bergauf etwas niedriger, bergab höher): Schwere Sachen unten in Rückennähe, Leichtes in Bodenfach und Außenfächer stecken. Zum Rücken hin Luft lassen. "Den Rucksack beim Kauf im Laden packen und einstellen lassen!" Dabei werden zuerst alle Riemen gelockert, dann die Mitte der Hüftflossen auf Höhe des Hüftkammes platziert. Schulterträger nicht zu fest ziehen, die Hüfte trägt die Last. In der richtigen Position liegt der Schulterträgeransatz zwischen den Schulterblättern. Brustgurt schließen. Die Hüftgurt-Stabilisierungsriemen werden zuletzt angezogen - und je nach Gelände verändert. Packliste Was in den Rucksack gehört, hängt von der Tour ab, immer sinnvoll sind neben Ori entierungsmitteln, Kleidung, Getränk und Brotzeit ein kleines Ers te-Hilfe- Set, Sig nalpfeife, Bla senpflaster, Ta schenlampe, Schweizer Taschenmesser, empfangsstarkes Handy (geladen!), Stift und Zettel, Papiertaschentücher, etwas Toilettenpapier, eventuell Regenschutz. Zehn bis zwölf Kilo Gepäck schafft ein Normaltrainierter Sven Hähle zufolge - für eine Tagestour braucht's allerdings nicht mehr als fünf.

Wanderstöcke Unbedingt nötig, um durch Bäche oder Flüsse zu waten und an Gefahrstellen wie einer glitschigen Holzbrücke. Auch in sehr steilem oder rutschigem Gelände helfen Stöcke (vor allem beim Abstieg). So einstellen, dass der Ellbogen einen rechten Winkel bildet! Bergab nicht in die Schlaufen greifen: "Bleibt der Stock an einer Wurzel hängen, kann man nicht loslassen. Gefährlich!" Sven Hähle rät davon ab, in der Ebene mit Wanderstöcken zu laufen. "Das schadet dem natürlichen Gleichgewichtssinn." Kopfbedeckung Im Winter hilft eine Mütze gegen Kälte, im Sommer braucht's Sonnenschutz (auch Sonnencreme): "Ich empfehle einen leichten Hut aus gestärktem Stoff, der nicht rumschlappt." Ein Strohhut geht auch; Käppis gibt's mit Nackenschutz; bei längerem Haar sind Bandanas praktisch. "Diese Tücher sind universell einsetzbar. Man kann auch mal eine kleine Verletzung versorgen."