Ruhm und Ehre? Als der britische Telegrafist J. Croad am Morgen nach der Skagerrakschlacht das Deck seines Schiffes betrachtete, hatte er dafür nur noch Sarkasmus übrig. "48 Mann unserer Besatzung waren tot und die meisten bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Wir brauchten fünf Stunden, um aufzuklauben und über Bord zu werfen, was von unseren Kameraden übrig geblieben war - das waren der Ruhm und die Ehre, die wir hatten", schrieb er später.

250 Schiffe und knapp 100 000 Männer trafen am 31. Mai 1916 vor der Küste Dänemarks aufeinander - die gesamte britische Grand Fleet, der Stolz des Empires, und die von Kaiser Wilhelm II. hochgerüstete Hochseeflotte. Schwimmende Festungen aus Stahl, vor Geschützen strotzend, fuhren qualmend, wie Unheil bringende Monster, gegeneinandern.

Das erste Aufeinandertreffen bezahlten mehrere Tausend britische Seeleute mit dem Leben.
Im Hagel der deutschen Geschosse explodierten die Munitionsdepots der Schlachtkreuzer "HMS Indefatigable" und "HMS Queen Mary". Von den beiden Schiffen blieb nichts als eine gigantische Rauchwolke. Mehr als 2000 Mann waren auf der Stelle tot.

Das Blatt wendete sich, als die britische Hauptflotte mit den gefürchteten Dreadnought-Schlachtschiffen eintraf. Admiral John Jellicoe lenkte seine Flotte so geschickt, dass die Deutschen in eine Phalanx blitzender Kanonenrohe blickten. Admiral Reinhard Scheer gelang es durch ein gewagtes Wendemanöver, den Großteil seiner Flotte außer Reichweite zu bringen, doch die Vorhut wurde vom britischen Geschützfeuer zersiebt.

Wo die Geschosse ihr Ziel verfehlten, stiegen meterhoch Wassersäulen in den Himmel, wo sie einschlugen, durchlöcherten sie zentimeterdicke Stahlwände wie Aluminiumfolie. Splitter, groß wie Fußbälle, rissen alles in Stücke, was ihnen ihn den Weg kam. Bald war im Durcheinander von Schiffen und Rauch kaum noch Freund von Feind zu unterscheiden.

Als die Dunkelheit hereinbrach, konnte die Deutschen dem Inferno mit knapper Not entkommen. Doch in der Nacht kreuzten sich die Wege der beiden Flotten noch einmal. Die Nachhut der Briten, von den deutschen Suchscheinwerfern geblendet, wurde schwer getroffen.

Die deutsche Flotte kehrte zuerst heim - und wurde als Sieger gefeiert. 6094 Tote hatten die Briten zu beklagen, die Deutschen "nur" 2551. Auch die Anzahl der britischen Schiffsverluste war deutlich höher. Das war in Deutschland Grund genug, die Schlacht als historischen Triumph zu verklären. Bis in die Siebzigerjahre wurde in Wilhelmshaven am Jahrestag ein Großer Zapfenstreich aufgeführt.

Dabei hatte die deutsche Hochseeflotte nichts erreicht. Die übermächtigen Briten waren kaum geschwächt. Die Seeblockade führte weiterhin zu Engpässen in der deutschen Industrie und der Nahrungsmittelversorgung. Deutschland trat in den uneingeschränkten U-Boot-Krieg ein - und provozierte den Kriegseintritt der USA. Der Matrosenaufstand in Kiel leitete schließlich das Ende des Kaiserreichs ein.

In Großbritannien bezeichnete man den Anspruch auf einen deutschen Sieg im "Battle of Jutland", wie die Schlacht dort heißt, umgehend als "Lüge der Hunnen". Zufrieden war man mit dem Ausgang aber nicht. "Die Öffentlichkeit hatte nichts anderes erwartet als ein zweites Trafalgar", sagt Nick Hewitt, konzeptioneller Leiter des National Museum of the Royal Navy in Portsmouth. Die Deutschen hätten von der überlegenen Grand Fleet genauso vernichtet werden sollen wie die spanisch-französische Flotte im Jahr 1805 - alles andere war eine Enttäuschung.

Dass man in Deutschland und Großbritannien trotz gemeinsamer Gedenkveranstaltungen noch heute zuweilen ganz unterschiedliche Blicke auf die Schlacht hat, zeigen die Titel der Ausstellungen zum 100. Jahrestag. Während die Schau des Deutschen Marinemuseums in Wilhelmshaven mit "Skagerrak. Schlacht ohne Sieger" überschrieben ist, heißt es in Portsmouth "The battle that won the war", die Schlacht, die den Krieg gewonnen hat.
Dem Briten Nick Hewitt geht es dabei vor allem darum, zu zeigen, dass die Marine einen entscheidenden Anteil am Verlauf des Krieges hatte. Er deutet die Schlacht als Sieg für sein Land. Mit Nationalismus habe das nichts zu tun, meint er. "Der Krieg musste nun einmal gewonnen werden." Zu bewerten, ob er gar nicht hätte stattfinden sollen, "ist nicht unsere Aufgabe", sagt Hewitt.

Das sieht Stephan Huck vom Deutschen Marinemuseum ganz anders: "Es geht nicht mehr darum, wer gewonnen oder verloren hat", so Huck. Er sieht die Relevanz der Schlacht darin, dass die Menschen heute versuchen, aus der Geschichte des Ersten Weltkriegs zu lernen, weil sie Parallelen zur multipolaren Welt der Gegenwart erkennen - und die Fehler von damals vermeiden wollen.

Die beiden Museumsleiter kennen und schätzen sich. Sie haben in der Vorbereitung ihrer Ausstellungen zusammengearbeitet. Huck hat einen Beitrag an prominenter Stelle des britischen Ausstellungskatalogs verfasst. Für einen gemeinsamen Blick auf die Skagerrakschlacht hat es aber selbst 100 Jahre nach dem Gemetzel noch nicht ganz gereicht.