Bamberg
Psychische Gesundheit

Seelische Krise: Wer und was kann helfen? Zwei Experten geben Tipps

Bei unserer Telefonaktion bekamen Betroffene und Angehörige von zwei Experten Tipps für Therapien und Anlaufstellen in Krisensituationen.
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Für Menschen in Krisen gibt es  viele  Anlaufstellen, an die sich Betroffene und Angehörige wenden können. Ronald Rinklef
Für Menschen in Krisen gibt es viele Anlaufstellen, an die sich Betroffene und Angehörige wenden können. Ronald Rinklef

Die bundesweiten Wochen der seelischen Gesundheit, die mit dem internationalen "Tag der psychischen Gesundheit" am 10. Oktober starteten, neigen sich dem Ende zu. Auch in Franken fanden viele Veranstaltungen wie Vorträge, Ausstellungen, Workshops und Klinik-Führungen statt. Zum Abschluss bot diese Zeitung eine Telefonaktion zum Thema "psychische Gesundheit" an, bei der zwei Experten unseren Lesern zwei Stunden lang Rede und Antwort standen.

Das Interesse bei Angehörigen und Betroffenen war groß: Die Gelegenheit, anonym und kostenlos über psychische Probleme zu sprechen, gibt es nicht oft. Nicole Fischer, Psychologin und Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes in Bamberg, und Thomas Hammann, Oberarzt und Leiter der Institutsambulanz am Klinikum Michaelsberg in Bamberg, beantworteten zahlreiche Fragen.

Im Folgenden fassen wir die wichtigsten Themenbereiche, die in der Telefonaktion angesprochen wurden, zusammen.

Mein Sohn ist psychisch krank. Er leidet unter Depressionen und nimmt Drogen. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll und ihm helfen kann.

Das ist eine schwierige Situation. Die Betroffenen können aus ihrer Erkrankung heraus Hilfe nur schwer annehmen. In familiären Systemen stößt man schnell an Grenzen, oft ziehen sich die Patienten zurück. Es kann auf die Schnelle helfen, Freunde hinzuzuziehen, denen sich Ihr Sohn eher öffnet als den Eltern. Am besten aber wenden Sie sich gleich an Spezialisten, die einen anderen Blickwinkel haben und eine entsprechende Therapie vorschlagen können.

Wichtig ist es, mit Betroffenen den eigenen Leidensdruck zu betrachten und darüber die Behandlungsmotivation zu erhöhen. Das geht nur mit professioneller Hilfe.

Mein Mann leidet schon länger unter schweren Depressionen. Mir gelingt es überhaupt nicht, mich abzugrenzen. Ich fühle mich selbst bereits ausgebrannt.

Das passiert oft, dass Angehörige unter der psychischen Erkrankung mitleiden. Sie machen sich richtig kaputt, wollen helfen, aber das geht einfach nicht. Deshalb sollten Sie lernen, sich eigene Freiräume zu schaffen und abzugrenzen, damit es Ihnen selbst wieder besser geht. Auch für Angehörige gibt es Hilfs- und Beratungsangebote, zum Beispiel bei den sozialpsychiatrischen Diensten. Ebenso machen die Gesundheitsämter in den Städten und Gemeinden entsprechende Beratungen, teilweise sogar Zuhause. Auch in Kliniken gibt es Gruppen für Angehörige von Patienten.

Seit Monaten ist meine Stimmung im Keller, ich bin lust- und antriebslos. Was stimmt mit mir nicht? Und an wen kann ich mich wenden?

Für einen Erstkontakt ist der sozialpsychiatrische Dienst eine gute Anlaufstelle. Dort kann geklärt werden, ob hier eine psychische Erkrankung vorliegt oder eine schwierige Lebenssituation mit daraus entstandener Krise. Wenn deutlich wird, dass es sich um eine tiefgreifendere Problematik handelt, sollte eine medikamentöse oder psychotherapeutische Behandlung in Betracht gezogen und ein Facharzt oder Psychotherapeut kontaktiert werden.

Wie kann ich einen Therapeuten finden?

Sie können bei der Terminvergabestelle für Fachärzte und Psychotherapeuten anrufen (siehe Infobox). Dort gibt es auch eine Liste mit Adressen aus der Region. Auch können Sie im Telefonbuch nach Adressen schauen oder Sie rufen direkt beim Facharzt oder Psychotherapeuten an. Aufgrund des Erstzugangsrechts braucht man keine Überweisung.

Kann ich in einer Krisensituation direkt in die Klinik gehen?

Ja, das können Sie jederzeit, auch ohne Einweisung.

Ich nehme seit einiger Zeit ein Medikament, das mir gegen meine Depressionen ganz gut hilft. Jetzt soll ich das nicht mehr bekommen, sondern ein Ersatzpräparat. Was kann ich da tun?

Generika wirken ebenso gut wie Originalpräparate, manche Patienten sind allerdings empfindsam. Nur wenn das Generikum nicht die gleich Wirkung oder stärkere Nebenwirkungen als das Originalpräparat verursacht, hat der behandelnde Arzt die Möglichkeit, das Originalpräparat zu verordnen ("Aut-idem-Regelung", Anm. d. Red.).

Meine Schwiegermutter hatte einen Schlaganfall und wurde danach depressiv. Was kann ich machen?

Sprechen Sie mit dem Arzt und suchen Sie sich Rat bei Beratungsstellen. Auch Antidepressiva können in solchen Fällen helfen sowie eine Psychotherapie. Die gilt auch in höherem Alter als Kassenleistung, da gibt es keine Begrenzung.

Ich bin 78 Jahre alt und lebe allein. Ich leide deshalb unter einer schlimmen Depression. Was kann ich tun?

Wenden Sie sich an einen Arzt, er kann Ihnen Medikamente verschreiben oder nennt Ihnen einen Psychotherapeuten. Überwinden Sie Ihre Hemmschwelle, psychische Erkrankungen sind genauso schlimm wie körperliche.

Mein Vater leidet schon seit vielen Jahren an einer Depression. Ich habe immer wieder Angst, dass er sich etwas antun könnte.

Das Suizidrisiko steigt im Alter noch mal an. Das muss man ernstnehmen. Es gibt auch spezielle, gerontopsychiatrische Behandlungen für Menschen im höheren Alter.

Meine Tochter leidet plötzlich an Verfolgungswahn und fürchtet sich vor unerklärlichen Dingen. Was soll ich tun?

Das muss stationär abgeklärt werden. Am besten bringen Sie sie in eine Klinik.

Ich habe permanent Verlustängste. Meiner Familie gehe ich damit auf die Nerven und auch mich selbst schränkt ich damit ein. Was raten Sie mir?

Das sollten Sie abklären lassen. Hier kann eine echte Angststörung die Ursache sein, vielleicht sind es aber auch andere Auslöser. Wenn eine psychische Erkrankung vorliegt, könnte eine Verhaltenstherapie helfen. Löst eine akute Belastung Ihre Ängste aus, können Sie sich an eine Beratungsstelle wenden und dort gemeinsam mit den Experten schauen, wie man das Problem bewältigen kann.

Mein Reha-Antrag wurde jetzt zum dritten Mal abgelehnt. Was kann ich jetzt noch tun?

Unterstützung bieten in diesen Fällen die Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatungen (kurz: EUTB), die Anfang 2018 von der Bundesregierung eingerichtet wurden.

Fränkische Anlaufstellen bei psychischen Erkrankungen

Beratungsdienste In Franken gibt es vielerorts sozialpsychiatrische Beratungsdienste, die häufig bei Wohlfahrtsverbänden und anderen Institutionen aus dem psychosozialen Bereich angesiedelt sind. Sie dienen Menschen in Krisensituationen als erste Anlaufstelle. Gesundheitsämter Ansprechpartner sind auch die kommunalen Gesundheitsämter. Sie halten die Kontaktdaten zu allen Beratungs- und Therapiestellen vor, die sich mit psychischen Erkrankungen befassen. Broschüre Die Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft Bamberg/Forchheim gibt einen "psychosozialen Beratungsführer" heraus. Dort finden sich Angebote im psychosozialen Bereich wie Schuldnerberatung, Suchtprobleme, Unterstützung bei psychischen Krisen sowie die Kontakte zum jeweiligen Träger. Der Beratungsführer liegt als Flyer vor oder kann unter www.psbf-bamberg.de eingesehen werden. Terminvermittlung Ohne lange Wartezeiten einen Termin beim Psychotherapeuten finden: Dabei helfen die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen, in Bayern unter Telefon 0921/787765-55030. EUTB Ergänzende unabhängige Teilhabeberatungen unterstützen behinderte Menschen sowie von Behinderung bedrohte Menschen bei allen Fragen der Teilhabe. Die Beratungsstellen sind bei unterschiedlichen Trägern und Selbsthilfeorganisationen angesiedelt. Es sie unter anderem in Bamberg, Bayreuth, Kulmbach, Kronach, Coburg, Lichtenfels, Bad Staffelstein, Herzogenaurach, Gremsdorf, Erlangen, Fürth und Nürnberg. Eine Liste mit Adressen gibt es unter www.teilhabeberatung.de Telefonseelsorge Ratsuchende können sich in Krisensituationen kostenlos und rund um die Uhr an die Telefonseelsorge wenden. Träger sind die katholische und evangelische Kirche. Die ausgebildeten Mitarbeiter sind unter 0800/1110111, 0800/1110222 und 116123 zu erreichen. Kummernummer Ausgebildete Ansprechpartner sitzen auch an den Telefonen des gemeinnützigen Vereins "Nummer gegen Kummer". Das Angebot richtet sich speziell an Eltern und Kinder. Das Elterntelefon ist unter 0800/1110550 zu erreichen, das Kinder- und Jugendteleton unter 116 111.