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"Schwarz-tot-gold": Koalition träumt von der Auferstehung

Angeblich kümmert sich die Koalition gerade Tag und Nacht um Kinder, Kranke und Rentner. In Wirklichkeit aber will sie das Volk vor allem darüber hinwegtäuschen, dass sie schon längst nicht mehr existiert.
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Symbolbild
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Wer eine Ahnung bekommen will davon, was der Republik aus Berlin noch alles droht, ehe die nächste Regierung gewählt werden wird in knapp einem Jahr, der ist in diesen Tagen mehr noch als sonst in den Hinterzimmern der Hauptstadt am richtigen Fleck. Nach zwei, drei Abenden hat der Ahnung Suchende genug gehört, um alle Hoffnung fahren zu lassen, aus der amtierenden Koalition könnte auf der Zielgeraden doch noch eine regierende werden.

In den trauten Runden lassen die Führenden ihre geheimste Sehnsucht frei. Die immerhin teilen alle. Sie heißt Wenn-es-nur-endlich-vorbei-wäre. Draußen, natürlich, reden sie ganz anders. Sagen, wie Angela Merkel es vorgibt, dass sie die Koalition 2013 aber ganz unbedingt fortsetzen wollen. Weil es ja gerade so schön ist miteinander.

Einer von so sonnigem Gemüt wie Rainer Brüderle kann dabei fast lyrisch werden. Mittwoch spätvormittags beginnt er vom "schwarz-goldenen Oktober" zu reden. "Wir werden", fügt er an, "viele Dinge entscheiden."
Es dauert dann nur gut zwei Stunden, bis Brüderles Sprecherin eine Mail in die Berliner Korrespondentenbüros schickt, in der steht, Brüderle sei "optimistisch, dass alle offenen Fragen bis Weihnachten geklärt werden. Deutschland wird erfolgreich regiert."


Mantra


In einem fort sagen sie das. Es ist ihr Mantra. Nicht obwohl, sondern weil sie wissen, dass niemand es glaubt. Schon gar nicht der FDP. Die glaubt es ja selbst nicht. Gerade ist, zum sicher fünften Mal, das Gezerre ums Betreuungsgeld zu betrachten. Die CSU beharrt darauf, die FDP hat schon zweimal zugestimmt - jetzt aber will sie für ihr Ja eine Gegenleistung, das Streichen der Praxisgebühr. Die Opposition kann ihr Glück kaum fassen. "Kuhhandelskonferenz" stichelt die SPD, wenn es um das in Rede stehende Treffen der Koalitionsspitzen geht, und "Merkels Resterampe".

In den Koalitionsvertrag hatten sie geschrieben, dass sie sich alle vier Wochen treffen wollten. Es ist dann ein sehr großzügiger Halbes-bis-Dreiviertel-Jahr-Turnus geworden. Will man es glauben, erfuhr der FDP-Fraktionschef das aktuelle 4.-November-Datum "aus der Presse". Umgekehrt hat die CSU-Landesgruppenchefin jüngst gesagt, die FDP-Vorstellungen zum Betreuungsgeld habe sie "in der Zeitung gelesen".

Wenn Angela Merkel Europa nicht hätte und seine andauernde Krise - die Koalition wäre ihr längst um die Ohren geflogen. Nichts gibt es, was die drei Teilhaber verbindet, keine Inhalte, keine Ziele. Am Dienstag zieht die Koalition drei Gesetzes-Projekte zurück, die der Bundestag Donnerstag und Freitag hätte beschließen sollen. Die Union verschweigt es gleich ganz; die FDP redet von "Beratungsbedarf" bei den Unionisten und erklärt sich für nicht zuständig. Sie teilen das Interesse am Machterhalt; mehr nicht.


"Signale aussenden"


Es gibt Koalitionäre, die in den Hinterzimmern durchaus zugeben, dass sie noch keine Ahnung haben, wie sie es anstellen sollen, dass die Wähler vier weitere Jahre Schwarz-Gelb nicht nur hinnehmen würden, sondern wirklich wollen. Bewusst. Klar, sagen sie, da sei die Kanzlerin. Und die wolle das Volk behalten. Man müsse, sagen sie, jetzt endlich "Signale aussenden". Es gehe darum, dass die Wähler "diese Vorstellung attraktiv finden".

Das ist ungefähr so, als sollte das Volk sich in eine Leiche vergucken, in der Hoffnung darauf, wenn man sie nur lange genug liegen lasse, werde sie schon auferstehen. Kräftig und begehrenswert. Schwarz-tot-gold ist die Koalition nach drei Jahren. Und Brüderle weiß das vielleicht länger als alle anderen. Das Betreuungsgeld hat er längst abgehakt. Überflüssig - aber wenn die CSU es unbedingt will...


Keine Antwort


Genauso verfährt, umgekehrt, die Union mit der Praxisgebühr. Wenn die FDP darauf besteht... In Wahrheit denken sie alle ohne Pause darüber nach, wie sie das Volk dazu bringen könnten, dass es nicht glaubt, was es doch seit mehr als drei Jahren sieht. Aber nicht einmal in den Hinterzimmern wissen sie eine Antwort.