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Russlands Sanktionen regional kaum spürbar

Im Konflikt mit dem Westen verbietet Russland nun die Einfuhr von Agrarprodukten. Franken ist davon nur wenig betroffen. Aber die Unsicherheit bei den Handelsbeziehungen wächst.
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Wladimir Putin Foto: dpa
Wladimir Putin Foto: dpa
Die EU-Staaten und die USA dürfen seit gestern keine Milchprodukte und kein Fleisch mehr nach Russland liefern. Von dem bereits am Mittwoch angekündigten einjährigen Einfuhrverbot sind laut Regierung in Moskau auch Obst und Gemüse betroffen. Die Sanktionen gelten demnach auch für Australien, Kanada und Norwegen.
Nach Angaben von Kremlchef Wladimir Putin wollte die Regierung noch eine detaillierte Liste der Produkte ausarbeiten, die verboten oder begrenzt werden. Deutsche Exporteure seien massiv betroffen, teilte der Bundesverband Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen (BGA) in Berlin mit.

Beim Bayerischen Bauernverband (BBV) in München hingegen sieht man die Situation derzeit noch gelassen. Was den Export bayerischer Lebensmittel betreffe, spielten EU-Länder die wichtigste Rolle. 80 Prozent der Exporte gingen dorthin. Im übrigen sei Asien zum Beispiel bei Milchprodukten ein bedeutenderer Absatzmarkt als Russland. "Russland hat die Importe von Schweinen und Schweinefleisch aus der gesamten EU eh schon seit Ende Januar gesperrt", berichtet BBV-Referent Josef Wasensteiner. Als Grund hierfür habe Moskau die Schweinepest angegeben. "Eine fadenscheinige Argumentation", meint Wasensteiner. Er sieht darin versteckten Protektionismus. "Die Russen wollen große Mastbetriebe aufbauen, den Inlandsmarkt schützen und das Preisniveau erhöhen", sagt er.


Tee und Hopfen nicht betroffen

Bei der Martin-Bauer-Gruppe in Vestenbergsgreuth (Landkreis Erlangen-Höchstadt) beobachtet man indes die Entwicklung genau. Der Teeproduzent wartete gestern noch auf die Liste aus Russland, die konkrete Verbotsprodukte benennen wollte. "Derzeit sind wir nicht betroffen", sagt der geschäftsführende Gesellschafter Adolf Wedel. Aber immerhin entfielen zwölf Prozent des Umsatzes der Gruppe auf das Russlandgeschäft. Die Firma hat laut Wedel in Krasnogorsk in der Nähe von Moskau einen eigenen Produktionsstandort. "Dort werden Arzneitees für den russischen Markt hergestellt." Auch in der Ukraine hat die Martin-Bauer-Gruppe ein Werk.

"Durch den Wegfall des Marktes in der Ost ukraine haben wir hier ein Drittel Umsatzeinbruch", berichtet Wedel.
Erleichtert ist man derzeit bei der Firma Johann Barth & Sohn in Nürnberg. Der internationale Hopfenhändler hat von seinen russischen Geschäftspartnern gestern schon eine Ausfertigung der Verbotsliste in russischer Sprache erhalten. Hopfen ist demnach von den jüngsten Sanktionen nicht betroffen. Zum Glück. Denn der russische Markt ist riesig. Alle namhaften Braukonzerne in Europa seien dort vertreten, hieß es aus dem Nürnberger Unternehmen.

Dennoch: Die Sanktionen auf beiden Seiten belasten die Geschäftsbeziehungen - auch mit fränkischen Unternehmen. "Firmen berichten von neuen, bisher unbekannten bürokratischen Hemmnissen", sagt Marion Oker von der IHK Würzburg-Schweinfurt. Auch bei den Kammern in Nürnberg und Bayreuth spricht man von "Verunsicherung und Belastung".


Kommentar: Besser viel Geld als Menschenleben vernichten

Eines ist jetzt schon sicher: Der Konflikt zwischen dem Westen und Russland wird die Weltwirtschaft spürbar bremsen. Beide Seiten versuchen dabei, genau solche Sanktionen auszusprechen, die ihnen selbst möglichst wenig schaden oder vielleicht sogar Vorteile verschaffen könnten.

Auf Fleisch, Obst oder Gemüse aus der EU oder den USA kann ein Land wie Russland gut verzichten. Nebenbei betreiben die Russen ein wenig Handelsprotektionismus. Ihre Agrarbetriebe erhalten einen einjährigen Wettbewerbsschutz. Und wer weiß: Wenn Russlands Getreideernte heuer, wie prognostiziert, die 100-Millionen-Tonnen-Marke überschreitet, dann könnte neben Fleisch und Milchprodukten demnächst auch Getreide auf der Sanktionsliste stehen. Wobei die Russen bei Getreideimporten in der Regel sowieso auf den Nachbarn Kasachstan setzen.

In der jetzigen Situation ist eine schnelle Entschärfung des Konflikts eher unwahrscheinlich. Die Wirtschaftsbeziehungen werden noch lange leiden - zum Leidwesen der betroffenen Unternehmen.

Aber gibt es denn eine Alternative? Aus Rücksichtnahme auf Geschäftsbeziehungen heimischer Firmen auf ein Druckmittel wie Wirtschaftssanktionen zu verzichten, wäre nachlässig. Ein "Wirtschaftskrieg" ist immer die bessere Lösung. Denn er kostet Geld, mitunter viel Geld - aber nicht Menschenleben. Zumindest diese Lektion haben Europäer, Russen und Amerikaner hoffentlich gelernt.

Die Lösungsmöglichkeiten des Konflikts aber stecken in einer Sackgasse. Mit der forcierten Nato-Ost-Erweiterung hat der Westen den Bogen überspannt. Der herbeigeführte Umschwung in der Ukraine führte zur Eskalation. Russland wehrte sich. Doch Wladimir Putin hat sich dabei in seinen Aktionen verrannt. Jetzt schafft der egozentrische Kremlchef nicht mehr den Absprung ohne einen Gesichtsverlust. Also bleibt er stur.

Wenn zwei sich länger streiten, ist es am besten, wenn sie sich für eine gewisse Zeit aus dem Weg gehen. Statt immer neue Sanktionen zu verhängen und den Handelskrieg auszudehnen, wäre es jetzt angebracht, erst einmal passiv zu bleiben. Für Putin gilt das mehr als für die Gegenseite. Denn Russlands Wirtschaft ist längst nicht so stark wie die Propaganda des Kremls der eigenen Bevölkerung glauben machen will. Doch die wirtschaftlichen Auswirkungen dürfen nicht vom eigentlichen Brennpunkt ablenken. In der Ukraine herrscht ein realer Krieg. Ein Krieg, der sich gefährlich ausbreitet, wenn sich Russen und Amerikaner militärisch einmischen. Mäßigung ist eine Tugend. Der Westen sollte hier führend bleiben.