Der "Sonntags-Stammtisch" des Bayerischen Rundfunks zählt sicher nicht zu den Fernsehsendungen, von denen bahnbrechende Nachrichten erwartet werden. Was "Focus"-Herausgeber Helmut Markwort an diesem Sonntagmorgen in der Gaststätte "Brunnerwirt" bei Weißbier und Brezn verkündet, hört sich allerdings ziemlich sensationell an.

"Ich habe aus zuverlässiger Quelle gehört, dass der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel zurücktreten will", sagt er. Die Nachfolge sei auch schon geregelt. "Olaf Scholz wird der neue Vorsitzende der SPD, der Hamburger Bürgermeister, und als Spitzenkandidat, als Kanzlerkandidat, ist der Schulz im Gespräch, Martin Schulz vom Europaparlament. Also Schulz und Scholz statt Gabriel."

Die Reaktionen prominenter SPD-Politiker auf Twitter ließen nicht lange auf sich warten. "Quatsch", "absoluter Quatsch", "Blödsinn", hieß es da.
"Nächste Woche erklärt Helmut Markwort uns dann, wer Fußballeuropameister wird und wo Elvis Presley heute lebt", schrieb der Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil. Und SPD-Vize Ralf Stegner meinte, Markwort sei wohl der vierte Meistertitel der Bayern in Folge zu Kopf gestiegen.

Am Abend meldet sich der angeblich Amtsmüde dann selbst zu Wort, nennt das Gerücht im Sender RTL "dummes Zeug" und bemüht einen großen Schriftsteller: "Mark Twain hat, als es die Nachricht über seinen Tod gab, eine Anzeige veröffentlicht, dass die Nachricht über sein vorzeitiges Ableben deutlich übertrieben gewesen sei. Ähnlich ist es bei mir auch."

Die angeblichen Rücktrittspläne sind also offenbar nur heiße Luft. Die große Resonanz auf Twitter und bei den Online-Medien zeigt dennoch, dass ein solcher Schritt nicht als völlig unplausibel angesehen wird. Sollte Markwort tatsächlich eine "Top-Quelle" haben, wie er sagt, dann scheint jemand Gabriel bewusst schaden zu wollen.
Der Goslarer gilt spätestens seit dem Parteitag im Dezember als angeschlagen. Damals gaben nur 74 Prozent der Delegierten ihm das Vertrauen. Die Zweifel an seiner Eignung für die Kanzlerkandidatur 2017 wachsen - auch wenn weiter klar ist, dass er den ersten Zugriff hat.

Aber will er überhaupt? Erst vor wenigen Tagen gab es Anzeichen, die dafür sprechen. Gabriel verkündete, dass sein Vertrauter und bisheriger Sprecher im Wirtschaftsministerium, Tobias Dünow, zurück ins Willy-Brandt-Haus wechselt. In der Parteizentrale übernimmt der 43-Jährige die neu geschaffene Stelle eines Leiters Kommunikation.

An diesem Montag will Gabriel die Diskussion über das Wahlprogramm auf einer Gerechtigkeitskonferenz in der SPD-Zentrale einläuten. Es wird sein erster Auftritt nach einer gut einwöchigen schmerzhaften Krankheit sein, wegen der er unter anderem eine wichtige Reise in den Iran abgesagt hat. Miese Umfragen, eine Partei, der er es nie recht machen kann, ein angeschlagener Körper - da wollten schon ganz Andere nicht mehr weitermachen. Gabriel aber ist eine Kämpfernatur.

Schmeißt so einer einfach hin und macht kaputt, was er seit 2009 für die SPD aufgebaut hat? Bei allem Genöle über Gabriels Zickzack-Kurs in Sachen Griechenland, Flüchtlinge oder Rente - keiner aus der Führungsmannschaft hatte bisher den Mumm, öffentlich zu sagen, dass er es besser kann als Gabriel. Andrea Nahles, Olaf Scholz & Co. warten in der Deckung auf bessere Zeiten. Gabriel soll sich 2017 die Niederlage gegen Merkel abholen und dann abdanken.

Der Twitter-Einsatz interner Gegner am Sonntag für Gabriel belegt nämlich auch, wie groß die Angst der Partei ist, der Vizekanzler könnte tatsächlich in einer Kurzschlussreaktion alle Ämter abgeben. Zugleich haben die Strippenzieher in der SPD zuletzt kühl kalkuliert: Ein Putsch gegen Gabriel wie einst gegen Kurt Beck am Schwielowsee würde der SPD in der Wahrnehmung massiv schaden und weitere 3 bis 5 Punkte in den Umfragen abstürzen lassen. 

Doch Gabriel bleibt ein Vorsitzender auf Bewährung. In Parteikreisen wurden ein Bericht der "Bild am Sonntag" bestätigt, dass die Kanzlerkandidatur erst nach der NRW-Landtagswahl im Mai 2017 entschieden werden soll. Gabriel nennt im Sender RTL zwar auch dies "Unfug". Wie ein zu früh ins Rennen geschickter Kandidat wundgerieben wird, erlebte die SPD aber zuletzt mit Peer Steinbrück. Auch kann Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen unbeschwerter Wahlkampf machen, wenn der unbeliebte Gabriel nicht schon im Frühjahr als Kanzleraspirant alle Blicke auf sich zieht.

Verliert die SPD an Rhein und Ruhr die Macht, wäre noch genug Zeit bis zur Bundestagswahl, die Partei in Berlin neu aufzustellen. Würde Gabriel gehen, müsste Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz wohl als Parteichef ran. Martin Schulz würde sich vermutlich in den Wahlkampf stürzen müssen. Zumindest mit dieser prognostizierten Arbeitsteilung für den Fall eines Rücktritts lag Markwort beim Frühschoppen in Bayern vielleicht nicht ganz falsch.