Berlin

Resistente Keime im Putenfleisch: 88 Prozent aller Proben verseucht

Laut einer Untersuchung des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) waren 88 Prozent aller getesteten Putenfleischprodukte von deutschen Discountern mit Antibiotika-resistenten Keimen verseucht. Schuld sei der übermäßige Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung.
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Symbolfoto: Robert Koch-Institut/dpa
Symbolfoto: Robert Koch-Institut/dpa
Ein Großteil des in Deutschland verkauften Putenfleisches ist einer Untersuchung des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zufolge mit antibiotika-resistenten Keimen verseucht.

Auf 88 Prozent der bei Discountern gekauften Putenfleisch-Proben seien sowohl MRSA-Keime als auch ESBL-bildende Keime nachgewiesen worden, sagte die BUND-Agrarexpertin Reinhild Benning am Montag in Berlin. Gekauft wurde das Fleisch in Aldi-, Lidl-, Netto-, Penny- und Real-Filialen in und im Umland von zwölf großen Städten wie Berlin, Hamburg, Dresden, Hannover oder Stuttgart. Insgesamt wurden nach Angaben von Benning bundesweit knapp 60 Proben auf antibiotika-resistente Keime getestet.

"Von 57 Proben wiesen 50 durchgängig hohe Belastungen auf", sagte Benning. Von den sieben, die keine Belastung aufwiesen, kämen drei von Netto, zwei von Penny, sowie jeweils eine von Real und Lidl. Das Fleisch stamme von den Top-Ten der deutschen Geflügelwirtschaft - wie der PHW-Gruppe, Sprehe-Gruppe oder Heidemark, sagte die Agrarexpertin. Vier weitere Putenfleischproben kamen jeweils aus hofeigener Schlachtung und waren unbelastet. Die Studie sei allerdings nicht repräsentativ, betonte Benning

Über 90 Prozent der Puten erhielten während der Mast Antibiotika, kritisierte die Agrarexpertin. Das begünstige die Bildung antibiotika-resistenter Keime in der industriellen Putenhaltung - wie auch bei anderen Tierarten in Massentierhaltungsanlagen. Mit dem Fleisch gelangten die Antibiotika-Resistenzen bis in die Küchen der Verbraucher.

Insbesondere bei anfälligen Menschen könnten ESBL-produzierende Darmkeime (Extended Spectrum Beta-Lactamase) eine Behandlung mit Antibiotika extrem erschweren, MRSA-Keime (Methicillin-resistente Staphylococcus aureus) wiederum könnten auch direkt schwere Infektionen auslösen. Nach Schätzungen der deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene stürben in Deutschland jährlich 40.000 Menschen, weil Antibiotika nicht mehr wirken, so Benning.

Der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger sprach von einem fortgesetzten Antibiotika-Missbrauch in der deutschen Geflügelwirtschaft und forderte eine Senkung des Antibiotika-Einsatzes in der Tierhaltung um mindestens 50 Prozent. Länder wie Holland, Dänemark oder Österreich hätten dies vorgemacht, sagte Weigert. Hier wurde der Einsatz vom Gesetzgeber um bis zu 75 Prozent reduziert. "Es geht also auch anders", sagte Weiger. So dürften Tierärzte nicht mehr gleichzeitig zuständig sein für das Verschreiben und den Verkauf von Arzneimitteln - inklusive lukrativer Rabatte bei Großeinkäufen für Riesenställe - sondern der Verkauf müsse über eine neutrale staatliche Stelle erfolgen.

Der Masseneinsatz von Antibiotika sei überhaupt die Voraussetzung für die "artwidrige industrielle Tierhaltung", so Weiger. Ihn zu verbieten sei deshalb kein Angriff auf bäuerliche Strukturen, sondern agrarindustrielle Tierhaltungssyteme. Schätzungen, die von der Pharmabranche selbst in Auftrag gegeben wurden, gingen von 900 Tonnen eingesetzten Antibiotika pro Jahr allein im Tierbereich aus, mit einem Umsatz von 800 Millionen Euro. Das sei mehr als doppelt so viel wie in der Humanmedizin mit jährlich 250 bis 300 Tonnen. Doch ist das auch eine Frage des Geldes: Um Fleisch billig zu produzieren, wird häufig auf potenziell schädliche Produktionsmethoden zurückgegriffen. Die Frage ist also: Wie viel darf Fleisch kosten? rw