Groß war das Geschrei, als sie vor 15 Jahren auf den Markt kam: Die Potenzpille Viagra. Manche verteufelten sie als Liebesdroge, andere freuten sich, ihr Sexproblem damit lösen zu können. Definitiv war Viagra vor allem eines: Eine Lizenz zum Gelddrucken für Pfizer. Der Hersteller setzte allein im vergangenen Jahr 2,1 Milliarden Dollar mit Viagra um. Doch damit ist jetzt Schluss: Der Patentschutz für Viagra ist am 22. Juni ausgelaufen.
Für den Kulmbacher Apotheker Hans-Peter Hubmann, Vorsitzender des Bayerischen Apothekerverbandes (BAV), ist das Ende des Patentschutzes und das, was anschließend passierte, eine neue Erfahrung. Noch am selben Tag nämlich standen 28 Anbieter mit ihren Generika (wirkstoffgleiche Kopien eines bereits unter einem Markennamen auf dem Markt befindlichen Medikaments) zur Verfügung. "Das war eine der schnellsten Einführungen von Generika auf dem Markt, die man in der Geschichte beobachten konnte", sagt Hubmann.

Genauso bemerkenswert findet er den schnellen Preisverfall, der sich sonst erst Monate nach einem Patentablauf einpegelt. "Doch hier haben komplett auf einen Schlag 28 Anbieter vom ersten Tag an einen durchschnittlichen Preisnachlass von 60 bis 70 Prozent eingeräumt." Hubmann glaubt, dass der Preisverfall noch ein bisschen weitergehen und sich auf Dauer bei 20 bis 30 Prozent vom Original einpendeln wird.

Bisher hat eine Tablette Viagra 50 Milligramm gut 10 Euro gekostet. Generika, von denen auch Pfizer selbst eines auf den Markt brachte, liegen nach Hubmanns Recherche bei 2,50 Euro, etwa 4 Euro kostet eine Pille mit 100 Milligramm Wirkstoff.

Warum die 28 Anbieter der luststeigernden Tabletten in diesen Preiskampf eingestiegen sind, liegt für Hubmann auf der Hand: "Der Wirkstoff von Viagra ist einer der bekanntesten Wirkstoffe überhaupt. Wenn jemand in diesen Markt rein will, muss er über den Preis gehen."

Lieber nicht im Internet

Der BAV-Vorsitzende wertet diese Entwicklung als positives Zeichen für die Arzneimittelsicherheit. Denn: Wenn der offizielle Preis für Potenzmittel deutlich niedriger ist als bisher, ist die Versuchung geringer, sie im Internet zu bestellen. Von dieser Bezugsquelle rät auch der Bamberger Urologe Reinhold Will ab. "Da kursieren viele angebliche Nachbauten von Viagra, in denen teilweise Giftstoffe oder gar keine Wirkstoffe drin waren. Manche Anbieter wollen damit nur das schnelle Geld verdienen." Zum Thema Potenzmittel aus dem Internet sagt Will deshalb: "Ganz klar nein."

Er empfiehlt stattdessen, sich die Medikamente in der Apotheke zu holen. Ohnehin sind Viagra und co. weiterhin verschreibungspflichtig. Das ist Will zufolge auch gut so, denn die Potenzmittel wirken sich zwar positiv auf die Lust aus, können aber Nebenwirkungen verursachen. Deshalb sollten sich Betroffene hausärztlich oder urologisch beraten lassen.

Wer Probleme mit dem Herzen oder Bluthochdruck hat und bestimmte Medikamente dagegen verschrieben bekommen hat, darf keine Potenzmittel einnehmen. Auch sollte man sich nicht mal eben von einem Kumpel eine Pille zum Ausprobieren ausleihen: "Da hat es schon Todesfälle gegeben", sagt Will.

Der Urologe begrüßt es sehr, dass seit einer Woche 28 Alternativen zur Luststeigerung und das auch noch billiger als bisher in den Apotheken liegen. Dass manche Pillen im Gegensatz zum Original teilbar sind, senke den Preis nochmals. In seiner Praxis betreut Will jetzt verstärkt Patienten, die sich möglichst das billigste Potenzmittel verschreiben lassen wollen. Deshalb glaubt der Arzt ebenso wie Apotheker Hubmann, dass der Preiskampf noch nicht entschieden ist.

Potenz: Schwieriges Thema

Der Urologe findet es gut, dass Männer sich Viagra und co. jetzt leichter leisten können und sich nicht aus Angst vor dem hohen Preis im Internet irgendwelches Zeug bestellen. Angst ist ohnehin ein ständiger Begleiter betroffener Männer: "Viele genieren sich da einfach", sagt Urologe Will. "Über Potenzprobleme spricht man nicht gern." Auch hätten die Frauen oft Angst um ihren Mann, wenn er Potenzmittel schluckt. Nicht nur wegen der Nebenwirkungen - viele denken, ihr Partner will nur mit ihnen schlafen, weil er die Tablette genommen hat. "Das ist aber falsch", sagt Will. "Diese Pillen machen nichts an der Lust. Wenn der Mann keine Lust hat, könnte er drei Tabletten nehmen und nichts würde sich rühren."

Will übertreibt bewusst: Drei Tabletten stehen natürlich überhaupt nicht zur Diskussion, eine Überdosierung ist lebensgefährlich. Aber ihm ist es wichtig, zu betonen: "Die natürliche Lust muss da sein. Und wenn der Mann merkt, dass er besser kann durch die Tablette, dann wird er auch mehr Lust kriegen."

Der Verdienst von Viagra

Für Will als Urologen ist es selbstverständlich, dass ein Mann bei seinen sexuellen Bedürfnissen nachhilft. "Gegen Bluthochdruck nimmt man doch auch eine Tablette", sagt der Mediziner. Er bezeichnet es als Verdienst von Viagra, dass Sex und Lust "ein bisschen aus der Ecke rausgekommen sind". Will befürchtet zwar auch, dass mehr Männer ein Potenzmittel nehmen als nötig. "Aber es ist schön, dass es für die, die es brauchen, jetzt günstiger ist."

Die Potenzmittel haben alle denselben Wirkstoff - Sildenafil - als Basis und somit eine vergleichbare Wirkung. "Man kann sie bedenkenlos nehmen", sagt Urologe Will. Und Apotheker Hubmann sagt, da der Wirkstoff schnell freigegeben wird - muss er ja! - mache es keinen Unterschied, für welches Mittel ein Mann sich entscheidet. Und: "Alle 28 Anbieter sind renommiert. Die pharmazeutische Qualität ist bei allen gegeben."