Kulmbach
Entdeckerwochen

Verpackte Stadtgeschichte(n)

Kein Museum kann all seine Stücke gleichzeitig präsentieren. Auch im Depot des Landschaftsmuseums Obermain auf der Plassenburg schlummern diverse Schätze in Kisten. Die sind immerhin mittlerweile alle katalogisiert. Museumsleiterin Astrid Frick hat für infranken.de manchen Deckel gelüftet.
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Gut behütet: Museumsleiterin Astrid Fick ist im Depot des Landschaftsmuseums Obermain Herrin über tausende Projekte der Kulmbacher Stadtgeschichte. Fotos: Jochen Nützel
Gut behütet: Museumsleiterin Astrid Fick ist im Depot des Landschaftsmuseums Obermain Herrin über tausende Projekte der Kulmbacher Stadtgeschichte. Fotos: Jochen Nützel
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In einem unscheinbaren Grab auf dem Soldatenfriedhof im französischen Belleau ruhen die sterblichen Überreste von Wilhelm Scheiding. In einer unscheinbaren grauen Schachtel im Depot des Landschaftsmuseums Obermain liegen die letzten Hinterlassenschaften des Kulmbacher Soldaten aus Lebzeiten. Seine "Hundemarke" aus Metall etwa, die ihn als Angehörigen der 14. Bayerischen Pionierkompanie ausweist. Dazu sein Testament und Feldpost-Briefe, unter anderem aus dem Lazarett.
Kunsthistorikerin Astrid Fick fördert noch etwas zu Tage aus der Pappschachtel: eine Karte, gezeichnet auf Pergament, das sich anfühlt wie dreilagiges Butterbrotpapier. Darauf verzeichnet sind die Orte der Gefechtseinsätze des Gefallenen sowie die Stelle, wo er in der Schlacht verwundet wurde und starb. Von Wilhelm Scheiding ist bekannt, dass er am 31. Juli 1896 in der Langgasse 9 zur Welt kam und am 15. Juli 1918 im Feld der Ehre blieb, wie es im Militärjargon so schön verklausuliert heißt. Mehr weiß man nicht über einen Rekruten wie ihn, wie sie zu Hunderttausenden umkamen.

Toter Industrieller in Gips

Wesentlich besser bekannt ist schon die Person, von der Astrid Fick mit spitzen Fingern die Totenmaske aus der schützenden Schicht Holzwolle hebt. Der Gipsabdruck zeigt das Gesicht von Fritz Hornschuch, Gründer der Kulmbacher Spinnerei. "Dieses Stück haben wir relativ neu ins Depot aufgenommen", sagt die Museumsmitarbeiterin. Gut möglich, dass es zu einer Sonderausstellung zum Thema Spinnerei respektive Industriegeschichte gezeigt wird. Bis dahin wandert das Archivgut mit der Registriernummer 7722 zurück ins Regal.
Apropos Nummer: Wer einen Bestand von mehr als 10 000 Objekten zu überblicken hat, der verliert leicht die Übersicht angesichts der Materialfülle. "Wir können natürlich aus Platzgründen nur einen kleinen Teil unserer Bestände dauerhaft zeigen. Deshalb versuchen wir durch Sonderausstellungen immer wieder Möglichkeiten zu schaffen, um unsere Schätze aus dem Depot ans Tageslicht zu bringen. Leider verfügen wir nicht über ein Schaudepot, durch das wir zusätzlich zu den normalen Ausstellungsbereichen der Öffentlichkeit unsere Bestände zeigen könnten."
Aus diesem Grund wurde 2009 ein Inventarisierungsprojekt gestartet. Eine wissenschaftliche Hilfskraft unterstützte die Museumsmitarbeiter. Dabei wurden die Bestände in einer Datenbank katalogisiert, vermessen und mit Fotos versehen. Eine unschätzbare Hilfe beim Wiederauffinden seltener Pretiosen aus der Geschichte der Stadt.
Doch auch die beste Archivierung nutzt nichts, wenn sich über einen Gegenstand jener Schleier des Vergessens gesenkt hat, der eine Zuordnung schwer bis unmöglich macht. "Solche Dinge, deren Zweck wir nur erahnen können, haben wir auch im Depot", sagt die Kunsthistorikerin und stellt ein Beweisstück auf den Tisch in ihrem Büro. Ein Stück Holz, sichtlich vom Zahn der Zeit angefressen.

Schlegel oder Eisstock?

Schulterzucken und Rätsel raten selbst bei Experten. Der Boden des kegelförmigen Gebildes ist beschlagen mit einem Blechschild, darauf die Gravur "G.G.M. 1775". Vielleicht ein Schlegel zum Anzapfen eines Fasses? Oder doch ein Sportgerät, womöglich zum Eisstockschießen? "Die Metallplatte mit der Inschrift wurde wohl erst später angefügt. Für irgendjemand war dieses Stück von ideellem Wert", mutmaßt Astrid Fick. Es ist nicht einmal genau bekannt, über welche verschlungenen Pfade das Fundstück überhaupt ins Depot gelangte. "Solche Objekte unbekannter Herkunft haben wir einige hier bei uns."
Nicht immer machen es die Stücke den Archivaren so einfach wie die weinrote Hutschachtel, ein Überbleibsel der Kürschnerei Neubauer Hut-, Mützen- und Pelzwaren. Ein Zylinder aus jener Manufaktur entschwebt für einen Moment dem Dunkel. Schwarz wie die Nacht ist der Kopfschmuck aus der Jahrhundertwende, hergestellt in der Fischergasse 15. Tragbare Stadtgeschichte.
Die fand dereinst sozusagen eine Bleibe unter dem Dach des Luitpoldmuseums, 1910 gegründet. Die Sammlungen wanderten später in die des Landschaftsmuseums Obermain auf die Plassenburg. Ob einige der Stücke je wieder den Weg vor das Auge des Betrachters finden? "Das ist schwierig zu beantworten, vielleicht zu thematischen Sonderausstellungen." Astrid Fick lupft ihre rotumrandete Brille und blickt auf ein Kistchen, in dem so genannte Posamentier-Arbeiten in Reih und Glied erscheinen. Diese Schmuck-Elemente, hergestellt von einem gewissen August Besold Mitte des 19. Jahrhunderts, sind gefertigt aus Stoff oder wahlweise Metallfädchen. Die Bommel dienten der Verzierung von Möbeln oder auch Uniformen. Womit sich der Kreis schließt zu Wilhelm Schirding, über dessen tragisches Ableben die Museumsleiterin den Schachteldeckel senkt. Vergessen ist der Kulmbacher damit nicht, das Depot als Gedächtnis der Stadt und seiner Menschen bewahrt ihn für die Nachwelt.


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