Igensdorf
Natur und Tee

Kirschblüten-Hanami auf Fränkisch

Die Japaner nennen es Hanami, aber auch in der Fränkischen Schweiz ist die Kirschblüte ein Fest. An einem Kirschwanderweg lebt Gerhardt Staufenbiel. Unter den Bäumen flötet er auf der Shakuhachi, und er bereitet Tee zu, der schmeckt wie Gras so grün.
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Unter einem blühenden Kirschbaum klingt die Shakuhachi doppelt so schön. Gerhardt Staufenbiel beherrscht die japanische Bambusflöte meisterlich und gibt Interessenten Unterricht. Foto: Ronald Rinklef
Unter einem blühenden Kirschbaum klingt die Shakuhachi doppelt so schön. Gerhardt Staufenbiel beherrscht die japanische Bambusflöte meisterlich und gibt Interessenten Unterricht. Foto: Ronald Rinklef
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Eingehüllt in einen blauen Zengoromo steht ein grauhaariger Mann bis zu den Knien im Gras unter einem Kirschblütentraum. Er spielt Shakuhachi. Mit geschlossenen Augen entlockt er der Bambusflöte eine Melodie so rein, so tief und sehnsuchtsvoll, dass der Zuhörer sofort spürt, was Gerhardt Staufenbiel ist und was er beherrscht: die Ruhe selbst.

Garten mit Meditationsplätzen
Er lebt mit fränkischer Natur und japanischer Kultur. Er ist Physiker, Teelehrer, Buchautor, Japankenner, Shakuhachi-Spieler. Vor allem aber ist er - studierter - Philosoph. Sein Gefühl für das Hier und Jetzt, für Entschleunigung und Stille, für Wahrheit und Erkenntnis überträgt sich auf den Besucher, sobald er durch die Gartentür mit dem Schild "Myoshinan Chadojo - Japanisches Teehaus" tritt. Es liegt an einem von Kirschbäumen gesäumten Wanderweg in Oberrüsselbach (Kreis Forchheim). Die Blüte wird heuer wohl nicht so lange halten, weil sie durch den sonnigen März schon so früh begonnen hat - trotzdem lässt einen der Ausblick wie angewurzelt vor dem Haus am Hang stehen bleiben. Staufenbiel lächelt wissend, schaut freundlich durch seine große Brille und zeigt in die Natur, übers Tal. "Sowas dürfte es gar nicht geben." Bis Erlangen kann man schauen. Den Ausblick nutzt er für den Einblick, den Menschen in sich gewinnen wollen: Im Garten hat er Meditationsplätze gebaut.

Shakuhachi-Bauen als Meditation
Bauen ist seine Leidenschaft. Shakuhachi zum Beispiel. Die Bambusflöten entstehen an der Werkbank auf der Terrasse. Zurzeit hat Staufenbiehl eine aus 50 Jahre altem Holz in Arbeit. Er hat es im Internet gekauft und es hat eine lange Geschichte - es kommt aus Hiroshima. "Vielleicht hat jemand die Werkstatt des Großvaters ausgeräumt", sinniert Staufenbiel. Er bläst in die Flöte, lauscht den Tönen nach: "Die wird ganz gut." Er nickt zufrieden. Eine Shakuhachi herzustellen ist ein langsamer Prozess, genau das Richtige für Staufenbiehl. Holz vorbereiten, vorsichtig Löcher hineinbohren und mit einem elektronischen Messgerät abstimmen. Liegenlassen, von Zeit zu Zeit hineinblasen. "Das ist wie Meditation. Und eine gute Atemtherapie."

Atmen spielt auch eine wichtige Rolle bei einer weiteren Profession des gebürtigen Thüringers: der Teezeremonie. 1972 kam Staufenbiel in München, wo er 30 Jahre lebte und als Abteilungsleiter an der Volkshochschule arbeitete, mit Chado in Berührung: dem japanischen Teeweg und der damit verknüpften Zen-Philosophie . "Das springt einen einfach an", sagt er, "man weiß nicht warum." Zur Olympiade richtete ein japanischer Teemeister im Englischen Garten ein Teehaus ein, in dem Staufenbiel die Zeremonie erlernte. Später wurde er Präsident des Teehauses, 20 Jahre lang zeigte er im Englischen Garten bei öffentlichen Vorführungen die Teebereitung. Bei Studienaufenthalten in Japan verfeinerte er seine Kenntnisse und wurde selbst zum Teemeister.

Teehaus-Bauer
Doch Staufenbiel beherrscht nicht nur die hohe Kunst der Teezeremonie - er weiß, wie das richtige Umfeld dafür aussehen muss. Knapp ein Dutzend Teehäuser hat er schon gebaut, eines davon in Nürnberg. Dort war er Gründer und Präsident des Jikishiin Chadokai, gab Kurse für die Teezeremonie. Weil Aufwand und Kosten für das Pendeln zwischen München und Nürnberg irgendwann zu hoch waren, hat eine Teeschülerin für ihn eine Wohnung gesucht - und in Oberrüsselbach gefunden, im Haus mit der umwerfenden Aussicht Am Rosenberg. Dort lebt Staufenbiel seit 2005 als freier Teelehrer, dort, in Nürnberg und München gibt er Unterricht in der Teezeremonie und veranstaltet philosophische Seminare und Meditationskurse. Davon leben kann er allerdings nicht, seinen Alltag finanziert er mit seiner Rente.



Mit den Teehäusern ist das so eine Sache. "Ein Architekt könnte das nicht", sagt Staufenbiel. "Der wüsste nicht, wo man hineingeht, wie man sitzt." Auch ein befreundeter Schreiner weiß das nicht, war aber mit dem Bau eines Teehauses in einem Schweizer Kloster beauftragt. Also machte Staufenbiel die Pläne für ihn und schwärmt, wie schön das Projekt geworden sei. Den Schreiner konnte er sich für den Bau des Teehauses in seiner eigenen Wohnung nicht leisten. Trotzdem ist es schön geworden und überrascht den unbedarften Besucher angenehm: Es sieht aus wie im Film, mit Bambusböden, viel Holz, Papier verkleideten Schiebetüren, Klangschalen, japanischen Schriftzeichen. Und es riecht gut, man fühlt sich sofort geborgen. "Mein Schreiner sagt, du pfuschst wie Sau, aber deine Räume haben Atmosphäre", erzählt Staufenbiel und lacht.

Er bewegt die Geräte im Rhythmus seiner Atmung
Sein Teehaus nimmt die Hälfte seiner Wohnung ein. Besucher müssen die Schuhe ausziehen, dann heißt es durch einen schmalen, niedrigen Eingang einzutreten in eine andere Welt. Erst in den Meditationsraum, in dem zehn Personen Platz haben. Auch eine ganze Schulklasse hatte sich schon einmal hineingequetscht, "denen hat es so gut gefallen, die wollten gar nicht mehr raus", erinnert sich Staufenbiel. Hinter dem Meditationsraum liegt ein kleinerer Raum, der für die Teezeremonie. Dort setzt sich der Teemeister auf seine Fersen und erklärt, dass er anders unterrichtet als die Japaner. "Ich fange mit den Leuten sofort an zu atmen." Das ist nicht nur für die Entschleunigung wichtig - Staufenbiel bewegt die Geräte für die Teebereitung nicht mit Kraft, sondern im Rhythmus seiner Atmung. "Ich benutze niemals die Hände", sagt er. "Aber das ist nichts Esoterisches, das ist ein rationaler Ablauf. Wenn man ihn einmal gelernt hat, vergisst man ihn nicht mehr. Das ist wie Radfahren."

Jede Handbewegung von Staufenbiel sitzt, alles sieht fließend und schwerelos aus. "Im Grunde kann man immer die gleiche Zeremonie machen und wird ruhig dabei", sagt er. Die Teezeremonie bedeutet für ihn völliges Loslassen, zu sich selbst zu kommen, Achtsamkeit, den Lärm im Kopf abzuschalten. "Ach, das ist einfach toll", entfährt es dem sympathischen Mann begeistert, während er die Zubereitung erklärt. Es gibt 800 unterschiedliche Abläufe, die zusätzlich nach Jahreszeiten variieren. Bis zu zwei Stunden können sie dauern, weshalb für Lernende am Anfang vor allem das Sitzen und die ungewohnte Haltung schwierig sind. Doch Staufenbiel wäre kein Teemeister, wenn er nicht auch daraus eine philosophische Lehre ziehen würde: "Das Sitzen im Hohlkreuz macht den Rücken stark."

Wenn Atmung und Haltung eingeübt sind, ist alles andere "eigentlich ganz einfach". Wasser holen, Holzkohle legen, Feuer bereiten, Teegeräte hereintragen, reinigen, Tee mit einem vorher eingeweichten Bambusbesen schlagen - und trinken. Natürlich bereitet Staufenbiel seinen Tee nicht jedes Mal zeremoniell zu, aber zumindest das Schlagen - es sieht aus wie Quirlen - muss schon sein, wenn er sich mit einer Tasse an seinen Rechner setzt. Dort, in seinem gemütlichen Wohnzimmer, "schreibe ich wie ein Geisteskranker Bücher" - Philosophisches, Märchen, Geschichtliches. Und er kommuniziert mit Gleichgesinnten und Teekennern in aller Welt.

Grundnahrungsmittel Tee
Tee ist Staufenbiels Grundnahrungsmittel. Beutel kämen ihm nie ins Haus, er verwendet speziellen grünen Tee, den einer seiner Schüler aus Japan importiert und über einen Onlineshop vertreibt. Das grüne Pulver ist so fein wie Staub und schmeckt zubereitet überraschend: grün. Wie Gras. "Das ist pures Chlorophyll", erklärt Staufenbiel und preist die positiven Wirkungen: "Der Tee enthält essentielle Amonisäuren. Danach wird man süchtig. Er macht ruhig, man hat keine kalten Hände und Füße mehr. Und, das haben Wissenschaftler herausgefunden, er ist ein gutes Anti-Aging-Mittel."

Genießerisch hebt er die Porzellanschale an den Mund und trinkt bedächtig, Schluck für Schluck. Dabei gleiten die Ärmel seine Zengoromos ein wenig nach hinten. Der Mantel zum Binden ist aus schwerem, blauen Leinen und weiter als ein Kimono. "Ich mag ihn", sagt Staufenbiel, "da fühle ich mich umhüllt." Umhüllt wird man auch bei der Teezeremonie, wenn der Teemeister philosophische Gedanken ausspricht. "Man hat nur Angst vor dem, was man sich einbildet", sinniert er, oder: "Alles muss fließen, nichts darf stocken. Sonst entstehen Schmerzen."

Staufenbiel sagt zum Schluss, er mache Tee, um in die Stille zu kommen. Für den Besucher ist der Effekt der gleiche. Mit der Teezeremonie ist es wie beim Kirschblütenschauen: Für eine Weile schweigt der Lärm im Kopf.


Mehr Infos: Wandern und Tee trinken
Sie stammt aus Kleinasien, wurde durch römische Krieger verbreitet und wächst in Franken seit dem 11. Jahrhundert: die Kirsche. Wenn sie ihre Blüten öffnet und die Fränkische Schweiz in einen weiß-rosa getupften Traum verwandelt, öffnet das den Betrachtern das Herz. Außer auf bekannten Wegen z.B. rund um Pretzfeld lässt sich die Kirschblüte auch auf dem ruhigeren Wanderweg (Start: Wasserspielplatz Kirchrüsselbach) entdecken, der oberhalb von Oberrüsselbach am Teehaus des Teemeisters Gerhardt Staufenbiel vorbeiführt. Dort kann man nach Anmeldung unter Telefon 09192/993805 eine Teezeremonie erleben, sich im Teeweg und Shakuhachi unterrichten lassen, Meditationskurse und philosophische Seminare belegen.

Feste
Walberlafest Auf dem Berg im Landkreis Forchheim findet jedes Jahr am ersten Mai-Wochenende eines der ältesten Frühlingsfeste Frankens statt. Heuer beginnt die Bewirtung bereits am 1. Mai, das Programm startet am 2. Mai.

Kirschblütenfest In Oberrüsselbach wird die Kirschblüte am Sonntag, 4. Mai, von 12 bis 18 Uhr gefeiert.

Japanfest Am 24./25. Mai findet in der Mehrzweckhalle Eschenau ein Japanfest statt (www.bonsaifreunde-eckental.de). Gezeigt werden japanische Künste, u.a. tritt Gerhardt Staufenbiel mit seiner Shakuhachi auf.