Bamberg
Entdeckung

Flohmarkt-Fundstück: Zeitmaschine für Zweifuffzich

Ein Flohmarkt-Bummel kann zum Gute-Laune-Trip zurück in die Kindheit werden. Einfach mal ausprobieren!
Artikel drucken Artikel einbetten
Barbies? Nein Danke! Reine Zeitverschwendung.  Foto: Sabine Christofzik
Barbies? Nein Danke! Reine Zeitverschwendung. Foto: Sabine Christofzik
+4 Bilder
Geh zu Hennes! Du hast ja wohl angefangen. Also beschwer dich nicht. War doch pure Anmache, dieser Blick von schräg unten heraus aus dem Pappkarton.

Sieht eine Zeitmaschine aus wie ein Ziegenbock für Zweifuffzich? 2,50 Euro wollte er haben, der Händler beim FT-Spätaufsteher-Flohmarkt. Und ich wollte Dich haben. Trotz des vom vom Regen klammen Fells. Oder gerade deswegen.

Denn so habe ich den echten Hennes damals gesehen, das Maskottchen des 1. FC Köln. Klatschnass, am Spielfeldrand im Stadion von Bayer Leverkusen, beim einzigen Bundesligaspiel, das ich jemals besucht habe. Gegossen hat's wie aus Kannen und am Ende stand es 0:0. Aber Klaus Fischer war da.

Fußball? Nur mit Fischer!
Und nur wegen ihm bin ich 1978 bei der Fußball-WM in Argentinien Fan geworden (da war der Stürmer-Star aber noch ein Schalker). Allerdings immer nur Fischer-Fan - die Vereine, bei denen er spielte, waren Nebensache. Bis zum Ende seiner aktiven Karriere. Seitdem ist mir Fußball ziemlich wurscht. Tolle Tore und ein Saubermann-Image (na ja, das bisschen Bestechlichkeit...), das hatte was.

Hab' schon lange nicht mehr an ihn gedacht. Da muss erst ein Plüschbock mit keckem Augenaufschlag mein Herz erobern und mich vom pünktlichen Sonntagsdienst-Antritt abhalten.

Jetzt hör auf zu meckern, Hennes! Hättest Du mich halt nicht so angeschaut. Jetzt bist du Reiseleiter dieses Ausflugs zurück in die Kindheit. So schlimm ist das doch wohl nicht.

Fußballfan: vorbei. ABBA-Fan: ein Leben lang. Da muss es doch auch was geben, auf dem Flohmarkt. Also gründlich stöbern. Macht aber nicht so großen Spaß, wenn man schon weiß, was man wohl finden wird. Die Plattensammlung ist sowieso komplett.

Grellrosa Lillifee- und Filly-Krempel auf vielen Händler-Tischen und -decken. Sowas wäre mir nicht ins Kinderzimmer gekommen. Ganz bestimmt nicht. Und einem Fanclub für eine Spielzeugfigur beizutreten ... in den 70ern undenkbar. Aber was gab's denn damals (schon)?

Barbies. Drahthaarig, glotzäugig, missproportioniert. Kreuz und quer durcheinandergeworfen, wie im Abfallkarton. Nicht so damals bei der besten Freundin aus Grundschultagen. Zwei Mini-Koffer lauerten unter ihrem Bett. Einer voll mit den wasserstoffblonden Elendsgestalten (wohlsortiert), einer mit Klamotten für die Dämchen. Angelas Frage "Was spielen wir?" war meistens im Voraus beantwortet. Gut, manchmal sollte man zu Kompromissen bereit sein. Aber nicht den ganzen Nachmittag lang.

Irgendwann musste es die Verwandtschaft doch mal gecheckt haben und nicht ständig so ein Zeug angeschleppt bringen. Ach das schöööne Puppenservice. Mit Mohnblumen drauf. Da ist es. Nur in groß und in echt. Bitte was kann man mit einem Puppenservice anfangen? Leere Tässchen zum Puppenmündchen (ersatzweise zum Teddy-Schnäuzchen) führen. Welch ein Vergnügen.

Wird der Flohmarkt-Bummel plötzlich zum Anti-Trip? Ja, macht doch Laune! Gesucht ist jetzt: das Grauen in Plüsch und Plastik. Monchichis. Daumenlutschende Chimären aus Affe und Puppe, die aus jeder Schülerinnentasche zu lugen hatten, wollte frau(chen) als trendy gelten.

Namenloses Entsetzen, als mir eines Dezemberdonnerstags so ein Wesen vom Kinderchor-Leiter als Weihnachtsgabe überreicht wurde. So schnell war noch kein anderes Präsent weiterverschenkt. Auf dem Trödelmarkt jedoch: Fehlanzeige.

Auch liebe alte Freunde glänzen durch Abwesenheit: Play-Big-Figuren. Vermutlich werden sie nur noch auf Sammlerbörsen gehandelt. Aufheben hätte man sie müssen. Nicht weggeben.

Glaubensfrage
Play Big oder Playmobil - das konnte bis Anfang der 80er in den Kinderzimmern zur Glaubensfrage werden. Wer erinnert sich? Play Big, das waren die größeren und beweglicheren Männchen, die mehr als nur einen Gesichtsausdruck draufhatten. Playmobil die Langweiligeren, die "Nachgemachten". Die Gewinner der Systemspielzeug-Evolution, wie das 40. Jubiläum heuer zeigt.

Einen Becher "Slime" hätte ich gern. Das Original-Slime. Die heutigen Produkte gleichen Namens haben die Bezeichnung gar nicht mehr verdient. Der Glibber-Grusel-Faktor ist um die Hälfte gesunken.

Was damals gallegrün und seltsam chemisch stinkend aus der Dose rann, war herrlich eklig - und ging arg ans Taschengeld, denn sich das Zeug zu wünschen, war vergeblich. Dabei war "Slime" jederzeit beherrschbar. Glaubten die Mütter nur nicht.

Ein Buch muss her
Zeit wird's, dass Hennes Beschäftigung bekommt in seiner Plastiktüte. Ein Buch muss her. Und es muss ein Schneider-Buch sein. Reiterstorys, logisch. Und möglichst komplett, die Serien. Seinerzeit eher spärlich vertreten im Bücherregal: Internatsgeschichten. Konnte man schließlich auch ausleihen. Was deren Faszination ausmachen soll, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Geschickt verpackte PR vielleicht?

Internat Wespennest. Nie gehört. Aber der Titel der Folge ist gut. Das Schmunzeln dauert so lange, bis die Hand den Buchdeckel erreicht. Gilb ist okay bei dem Alter, Gammel nicht.

Auf der Innenseite des Einbands ein Klassiker: "Dieses Schneider-Buch gehört" - und dann zwei Zeilen. Ein Stempel ist drin: "Bibliothek der Universitäts-Kinderklinik Erlangen". Die gute Laune bekommt einen Dämpfer. Ich habe alle meine Bücher zu Hause lesen können. Gesund.

Überhaupt ist so manches, was auf dem Flohmarkt angeboten wird, in puncto Erhaltungszustand und Sauberkeit eigentlich gar nicht mehr verkehrsfähig.

Jederzeit wieder!
Oh Hennes, was bist Du appetitlich dagegen. Kein Gestank, als Dein Fell getrocknet war (hast wohl bei einem Nichtraucher im Regal gestanden), keine abgegriffenen Stellen. Nur Deine Hörner haben mittlerweile mit dem Fussel-Rasierer Bekanntschaft gemacht. Mit Dir gehe ich gern wieder auf eine Reise in die Vergangenheit.

Und wer jetzt Bock auf seinen ganz persönlichen "Hennes" hat, der sollte über Frankens Flohmärkte schlendern. Dort gibt's Zeitmaschinen für Zweifuffzich. Einfach mal ausprobieren!

Termine für Flohmärke in Franken (und weiter weg) finden sich unter anderem hier und hier.


















 


Verwandte Artikel