Bayreuth
Museum

Bayreuther Zeitmaschine im Urwelt-Museum Oberfranken

Geologie und Paläontologie müssen nicht staubtrocken sein: Im Urwelt-Museum Oberfranken in Bayreuth bringen Joachim Rabold und sein Team Steine und Fossilien zum Reden.
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Auch das ist ein Teil der Erdgeschichte: begehbares Modell eines Goldkristalls im Urwelt-Museum. Foto: Matthias Hoch
Auch das ist ein Teil der Erdgeschichte: begehbares Modell eines Goldkristalls im Urwelt-Museum. Foto: Matthias Hoch
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Wer durch dieses Treppenhaus geht, braucht die Stufen hoch nur wenige Sekunden. Genau genommen läuft der Besucher im Bayreuther Urwelt-Museum in diesem Wimpernschlag der Zeit an 600 Millionen Jahren Geschichte vorbei: Paläozoikum, die Frühphase des Planeten. Tafeln mit Darstellungen hängen neben Versteinerungen aus dem Devon, Silur, Kambrium. Das sind nicht etwa die Schutzpatrone der Geologen, sondern Erdzeitalter.

Es geht also um Steine, Mineralien, Fossilien. Man mag staubtrockene Forscher erwarten, mit verkniffenen Augen hinter Mikroskopen kauernd, überfrachtete Vitrinen, ellenlange Chemie-Formeln für Pyrit und Bergkristall; eben alles, was an negativen Eindrücken aus früheren Museumsbesuchen haften blieb. Bis Joachim Rabold (Foto links) um die Ecke biegt. Wenn der Museumsleiter mit badischem Akzent (den 20 Bayreuther Jahre nicht auszuwaschen vermochten) loslegt, meint der Zuhörer, wie der kleine Bastian in "Die unendliche Geschichte" in eine Welt voller Magie einzutauchen. Steine können plötzlich reden; Fischsaurier erzählen aus ihrem Leben vor 180 Millionen Jahren, als die Region hier so etwas war wie die Karibik der Frühzeit. Ein Ur-Meer mit einer Lebensfülle, die noch viele Rätsel birgt.

Entdeckungen warten quasi vor der Haustür

"Wir haben das große Glück, dass quasi direkt vor der Haustür die tollsten Entdeckungen auf uns warten", sagt Joachim Rabold und klopft auf Glas. Eine Vitrine, darin ein Ding wie aus einer anderen Welt. Der Schöpfer des "Alien" aus dem gleichnamigen Film hätte hieraus seine Inspiration ziehen können. Ein Temnodontosaurus (Schnittzahn-Saurier), genauer gesagt ein Stück vom Schädel dieses vorsintflutlichen Riesendelfins. Ein Fossil wie aus dem Lehrbuch, entdeckt in der Tongrube Mistelgau, nur wenige Kilometer entfernt. Präparator Stefan Eggmaier hat den Überraschungsfund dem Boden entmeißelt und für die Jetztwelt konserviert.

"Vieles, was wir hier zeigen, ist aus der Region." Joachim Rabold deutet mit weitschweifender Geste in einen der dunkelblau gehaltenen Räume. Eine 500 Kilogramm schwere Amethyst-Druse, indirekt angestrahlt, wird so zum Karfunkel-Gebirge. Nur wenige Detailangaben lenken den Blick des Besuchers ab von der stillen Schönheit. Wer mehr wissen will über die violette Variante des Quarzes, findet in Joachim Rabold einen Experten, der sich verständlich auszudrücken versteht. "Edutainment" nennt er das, also die Vermischung aus Education (Unterricht) und Infotainment (unterhaltender Information). "Wir haben hier ja vor allem Kinder und interessierte Laien. Sie zu begeistern, ihnen die Milliarden Jahre zählende Geschichte unserer Welt buchstäblich begreifbar zu machen: Das muss so ein Museum leisten."

Immer der Dino-Nase nach

Die Besucherzahlen belegen, dass dieses Konzept ankommt: Mehr als 20.000 waren es 2013, Tendenz steigend. Der Plaste-Dino in Lebensgröße weist den Weg zum - leicht versteckten - Eingang in der Kanzleistraße 1. Und in eine Welt, die sich sogar der winzigsten Bausteine des Lebens anzunehmen weiß: der Atome. Die kleinste Einheit in einem Kristallgitter, eine Elementarzelle, begehbar zu machen: Das schwebte den Museumsmachern vor. Ein Bohr'sches Atommodell des Metalls Gold zum Reingucken.

Wie umsetzen? Herausgekommen ist ein Würfel, mit goldenem Brokat-Imitat ummantelt und drei Mal drei Meter groß. Die Unendlichkeit der Materie wird plastisch durch exakt positionierte Spiegel. Ein Wow-Erlebnis. Auch für die, die das drei Tonnen schwere Gebilde einzubauen hatten. Glück nur, dass das Bayreuther Atomium nicht die Statik des Gebäudes in die Knie zwang.

Selbst entdecken: Urzeit-Friedhof unter Ton

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden bei Mistelgau der so genannte Jurensis-Mergel und der Opalinus-Ton für die Herstellung von Ziegeln gewonnen. Bis zum Jahr 2005 diente die Tongrube dem Abbau für die Rohmaterialien. Doch der eigentliche Schatz liegt darunter verborgen: Forscher sprechen vom "Belemniten-Schlachtfeld". Darauf ruhen Myriaden von Toten. Der graue Tonmergel ist für Belemniten, also Kopffüßer wie Tintenfische, aber auch Krokodile vor 185 Millionen Jahren zur letzten Ruhestätte geworden.

Am Ende der Trias-Zeit lag Oberfranken im Bereich eines wüsten- bis steppenhaften Festlandes inmitten eines ausgedehnten tropischen Meeres. Aufgrund nur geringer Wasserbewegungen wies dieses Meer eine stabile Schichtung auf. Herabgesunkene, abgestorbene Organismen konnten in diesem Milieu nicht verwesen und auch nicht von Bodenlebewesen gefressen werden. Daher wurden sie langsam von Feinsedimenten zugedeckt und versteinerten. Zu den herausragenden Funden aus diesem Areal zählen diverse Fischsaurier, die Stefan Eggmaier für das Urwelt-Museum präpariert.

Hinweis: Die Fossiliengrube in Mistelgau ist derzeit nur eingeschränkt im Rahmen von Führungen zu begehen. Informationen gibt die Gemeinde unter der Telefonnummer 09279/9990.