Bamberg
Zeitreise

Auf den Spuren einer versunkenen Welt

Von verschwundenen Gärten erzählen Führungen durch Bambergs Geschichte. Der Röhrenbrunnen lebt als eines der peinlichsten Kapitel des 20. Jahrhunderts auf. Einen vergessenen Friedhof in der Stadtmitte und vieles mehr können Menschen entdecken, die den Blick zurück in die Vergangenheit lenken.
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Legendär: Der Röhrenbrunnen (hier bei seiner Einweihung im April 1977). Nach einigen Monaten wurde die "Spaghettiorgel" wieder abgebrochen. Foto: Emil Bauer
Legendär: Der Röhrenbrunnen (hier bei seiner Einweihung im April 1977). Nach einigen Monaten wurde die "Spaghettiorgel" wieder abgebrochen. Foto: Emil Bauer
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Touristen aus aller Welt pilgern ins "Fränkische Rom", um den Dom zu besichtigen, Klein Venedig, die Altenburg und andere Sehenswürdigkeiten der Welterbestadt. Was aber gibt's für Einheimische noch zu entdecken, die alle malerischen Winkel und Ecken längst erkundet haben? Vieles, sofern man in die über tausendjährige Vergangenheit der Stadt an der Regnitz eintaucht. Dann lebt ein anderes Bamberg mit all den Menschen auf, die hier Geschichte schrieben.



Gestorben mit 45 Jahren an einem Gehirnleiden
Also: Runter von der Couch und raus Richtung Villa Remeis: Die erste Station auf Lore Kleemanns Ausflug in die Vergangenheit, den die Denkmalpflegerin unter dem Titel "Grüne Ausblicke - Verborgene Einblicke" gestaltete. In den Blickpunkt rückt der Hobbyastronom, Kunst-, Theater- und Literaturfreund, der bei seinem Tod dafür sorgte, dass "dieser herrliche Flecken Erde allen stets zugänglich" ist: Karl Remeis, gestorben 1882 mit nur 45 Jahren an einem schweren Rückenmark- und Gehirnleiden. Kein anderer sorgte auch dafür, dass Bamberg eine Sternwarte bekam, nachdem sich diese Bedingung an Remeis Vermächtnis an die Stadt knüpfte.


Einen Traum erfüllt
Schon mal vom Stadionschen Garten gehört? Vermutlich nicht, nachdem er im späten 18. Jahrhundert aus dem Stadtbild verschwand. Auf dem Gelände des heutigen Hotels Residenzschloss erfüllte sich Domdekan Konrad von Stadion seinen Traum von einer grünen Oase mit Buchsbaumornamenten, Orangen-, Zitronen- und Pomeranzen-Bäumen. Frühere Besitzer hatten das gleich am Wasser gelegene Areal ebenfalls zu Freizeitzwecken genutzt, wobei im 15. Jahrhundert schon ein "Sandgarten außerhalb des Tores" zeitgenössischen Aufzeichnungen zufolge existierte.


"Dynamisches Pissoir"

Nichts erinnert heute auch mehr an den Röhrenbrunnen vor St. Martin, dem Lore Kleemann die zwölfte Station auf ihrem Trip in Bambergs Vergangenheit widmet. Ein Debakel, das den Blätterwald über Monate hin rauschen ließ. Am Gründonnerstag des Jahres 1977 wurde das Gesamtkunstwerk aus mattglänzenden Röhren in Betrieb genommen. Zahllose Schaulustige hielten in der damals noch neuen Fußgängerzone den Atem an: Allerdings entrann statt der erwarteten Fontäne nur ein beschaulicher Wasserstrahl den Röhren. So hagelte es "in Leserbriefen und Zeitungsartikeln erbitterte Proteste gegen die ,Spaghettiorgel', das ,dynamische Pissoir' und ,entartete Wasserspiel'", wie Menschen landauf und landab in der Zeit lesen konnten. Nein, Bamberg war noch nicht reif für das auch als "Prostatabrunnen" geschmähte Werk, das der Stadtrat ein knappes Jahr später wieder entfernen ließ. Zumindest hatte der Club moderner Hausfrauen zuvor noch Gelegenheit gefunden, sämtliche 96 Röhren im Fasching mit Hütchen zu verkleiden.


Perlen auf dem Grund?
Weitaus weniger spektakulär, aber langlebig: der aus dem 16. Jahrhundert stammende Leschenbrunnen in der Lugbank, benannt nach einem Bierbrauer. So schöpfte die Zunft auch hier über Jahrhunderte reines, frisches Quellwasser. Ob die Brauer wohl von der Legende wussten, nach der auf dem Grund des Leschenbrunnens kostbare, weiß schimmernde Perlen liegen. Nur wer frei von Schuld ist, kann sie angeblich aus dem Wasser holen. Sobald aber eine sündige Hand nach dem Schatz greift, soll er zu Schaum zerfließen.

"Skurriles, Erstaunliches und Absonderliches" verspricht Christine Freise-Wonkas Führung "Bamberg zum Wundern". Auf dem Maxplatz erinnert die Kunstgeschichtlerin ans Katharinenspital (heute Karstadt), dessen Geschichte als "Hospital des heiligen Martin außerhalb der Mauern von Bamberg" im 13. Jahrhundert begann. Ausgedient hatte Anfang des 19. Jahrhunderts die Einrichtung, die nicht mehr "modernen" Vorstellungen von Medizinern wie Dr. Adalbert Friedrich Marcus entsprach. "Besonders die Jüngeren sind in enge Verschläge verwiesen, in denen zum Teil nicht einmal Fenster angebracht sind", beklagte sich der Leiter des neuen Bamberger Krankenhauses. Patienten würden im beständigen Halbdunkel und "einer nie erneuerten Luftpfütze" liegen. So erreichte der Mediziner auch, dass die "Pfründner" 1804 auf den Michaelsberg zogen - in die vormalige Abtei Michaelsberg, aus der das Bürgerspital wurde.


Letzte Ruhestätte
Um die einstige Martinskirche auf dem heutigen Maxplatz befand sich einst ein Friedhof. Daran erinnern zwei Pfeiler mit weißer Urne am Sparkassengebäude und dem historischen Krackhardt-Haus gleich gegenüber: Überreste der Abgrenzung zur Straße hin. Schon aber kommt Christine Freise-Wonka auf ein anrüchiges Kapitel der Bamberger Geschichte zu sprechen, das den Ruf der Domstadt auf unrühmliche Weise prägte: das älteste Gewerbe der Welt.

So kam die wenige Meter vom Maxplatz gelegene Frauenstraße zu ihrem Namen, nachdem sich hier ab 1456 das "Frauenhaus gemeiner Stat Bamberg" befand und zahlungskräftige Kunden anlockte. Waren die "Weyber" zuvor noch dem Scharfrichter unterstellt, wie die Kunstgeschichtlerin berichtet, so regierte sie nun ein "Frauenwirt". Der sackte einen Teil des Liebeslohnes ein, musste dafür aber auch Abgaben an die Stadt zahlen. Rote Kopftücher trugen die Dirnen, die die Bamberger folglich "Rosen" nannten. Und nachdem die "Rosen" in der "Rosengasse" auf Freier warteten, erklärt sich auch dieser Straßenname.

Besonders in der Domstadt blühte das horizontale Gewerbe, nachdem Frauenhäuser Freise-Wonka zufolge schon in den frühesten Stadtrechnungen auftauchten. Bezeichnend seien die "Dunkelmännerbriefe", verfasst 1515 als Spottschrift auf die Dominikaner: "Darin werden für Polen die Diebe, für Nürnberg die Künstler, für Pommern die Schweine, für Prag die Juden und für Bamberg die Huren als Charakteristikum genannt", so die Kunstgeschichtlerin.


Zu hell und freundlich
Viele andere Geschichten könnten Führungen noch erzählen. Bis hin zu den Domglocken, um die sich eine weitere Legende rankt, nach der Kaiserin Kunigunde mit ihrem Ring ein Loch in die nach ihr benannte Kunigundenglocke schlug. Zu hell und freundlich hatte sie zuvor im Gegensatz zur Glocke des Kaisers geklungen, was Heinrich betrübte. In einer anderen Version stritt sich das Herrscherpaar und Kunigundes Wut traf den Zankapfel.
Der Name dessen, der die mittlerweile über 700 Jahre alte Heinrichsglocke goss, ist nicht überliefert. Dabei ist sie eine der vier größten und mit 5200 Kilogramm schwersten Glocken des 14. Jahrhunderts, die es im deutschen Sprachraum noch gibt. Schon sind wir bei einer Führung angelangt, die Martin Köhl als Leiter der Bamberger Volkshochschule anbietet. Interessenten besuchen mit ihm den Nordostturm des Doms, um die Turmuhrenstube kennenzulernen und die Zwerchgalerie. Zuletzt folgt eine Klangprobe an der Heinrichsglocke, deren Stimme mittlerweile via YouTube in aller Welt zu hören ist.

Rechtzeitig anmelden

Die Führung "Bamberg zum Wundern - Skurriles, Erstaunliches. Absonderliches" wird am 23. Mai, von 16 bis 18 Uhr angeboten. Die Führung "Grüne Ausblicke - Verborgene Einblicke" wird am 18. Juli von 16 bis 18 Uhr veranstaltet. Die Führung zur Heinrichsglocke findet am 10., 24. und 31. Mai jeweils von 10 bis 11.15 Uhr statt. Weitere Angebote u. a. zur Dombauhütte, zu den Stollenanlagen am Stephansberg, den Hexenprozessen, den Warner Barracks oder auch der Geschichte der Bamberger Juden gibt es über die Homepage der VHS. Eine Teilnahme ist bei allen Führungen nur nach vorheriger Anmeldung bei der VHS übers Netz oder die Nummer 0951/871108 möglich.