Atzelsberg
Tourismus

Das Sinnesorgan in der Hand

Heinz Armer zeigt Neulingen den Umgang mit der Wünschelrute. Für den Gästeführer ist das von Sandsteinfelsen durchzogene Gebiet des östlichen Landkreises dafür besonders geeignet.
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Heinz (rechts) und Martin Armer sind mit der Wünschelrute Wasseradern auf der Spur. Foto: Pauline Lindner
Heinz (rechts) und Martin Armer sind mit der Wünschelrute Wasseradern auf der Spur. Foto: Pauline Lindner
Heinz Armer holt weiße, fingerdicke Plastikstangen aus seinem Auto. Entgegen dem ersten Eindruck lassen sich die fast meterlangen Teile gut biegen. Es sind moderne Wünschelruten. Der Gästeführer beim Tourismusverband Karpfenland Aischgrund hat sein Arbeitsgebiet diesmal auf die östliche Seite des Landkreises verlegt. "Wegen der günstigeren geologischen Verhältnisse", erklärt er. Denn er führt Neulinge in die Kunst der Entdeckungen unter der Erde ein. Mit Hilfe der Wünschelrute.

Hinter Schloss Atzelsberg geht es steil ins Tal; einige Sandsteinfelsen ragen offen aus dem Wald. Die rötlichbraune Wand ist von einem tiefen Gesteinsspalt durchzogen. Im Zickzack teilt sich das Gestein in mehrere Blöcke. Das ist der sichtbare Teil von Klüften und Verwerfungen, die den ganzen Berg durchziehen. Nicht selten fließt in diesen Spalten Wasser. Mal tritt es als Quelle aus, mal kann es durch eine Brunnenbohrung an die Oberfläche befördert werden.

"Fähigkeit haben viele Menschen"

Das Auffinden von Wasser ist seit alters die besondere Fähigkeit der Wünschelrutengängerr.
Sieglinde Meyer übt sie seit über 40 Jahren aus. "In mindestens 80 Prozent war ihre Wassersuche erfolgreich", beschreibt Armer die Begabung seiner Mitstreiterin. Sie sieht es recht nüchtern: Die Fähigkeit die Veränderungen im Untergrund zu spüren, haben ihrer Meinung nach viele Menschen, aber sie ist unterschiedlich ausgeprägt. "Und der Rest ist Handwerk", sagt sie.

Damit meint sie zum einen den Gebrauch des einfachen Hilfsmittels der Rute, gleich ob wie früher ein gegabelter Zweig, zwei Metallwinkel oder eben die Plastikschlaufe. "Die Rute ist nur ein Zeiger dessen, was der Mensch wahrnimmt", nimmt Armer der Wünschelrute jegliche mystische Anhaftung.
Handwerk oder Übung ist für sie das bewusste Wahrnehmen und das Deuten der Empfindungen. Sie spricht sogar von Sinnesorgan und vergleicht es mit der Fähigkeit mancher Vogelarten, alljährlich punktgenau über Tausende von Kilometern zu ihren Brut- und Überwinterungsplätzen zu fliegen. Dazu gibt es verschiedene Theorien, die bekanntlich die Vögel alle nicht kennen und trotzdem ankommen. So hält es auch Meyer. Sie agiert auf der Ebene, dass man etwas spürt, und hält sich nicht mit der Frage auf, was man denn spüre.

"Wir arbeiten mit der mentalen Methode", sagt sie dennoch. So bittet sie ihre Schüler die Hand tief in die Gesteinskluft zu stecken, vielleicht auch hineinzuriechen. Der künftige Rutengänger soll sich ein intensives Bild aus mehreren Sinneseindrücken von einer Gesteinskluft machen. Konzentriert auf dieses Bild gehen sie mit ganz sorgfältig gesetzten Schritten vor der Kluft auf und ab. Gelegentlich klappt die waagrecht gehaltene Plastikschlinge auf den Oberkörper zu. Danach tauschen sie ihre "Beobachtungen" und kommen zu erstaunlich gleichen Ergebnissen, wo sich die Kluft unterirdisch fortsetzt.

"Probieren Sie es doch auch mal", lädt Meyer den zuschauenden Laien ein. Die Handflächen nach oben gedreht, soll er die einmal verschlungene Plastikrute greifen. Einfach anfassen. Sie schickt ihn in das kleine Geviert, wo zuvor die anderen geübt haben. Bei ihm schlägt die Rute nicht aus; allerdings muss er einräumen, bei einigen Schritten hätte sich das Anfassgefühl verändert, als hätte sich die Rute etwas drehen wollen. Als hätte man irgendetwas Diffuses gespürt.

Wenn ein Baum verwachsen ist

Eine Wasserader zu finden, sei nicht das Problem. Aber eine Brunnenbohrung macht nur Sinn bei einer gewissen Schüttung. Dazu machen Armer, Meyer und ihre vier Schüler eine Art meditative Konzentrationsübung auf den ersten Metern einer Bachquelle am Atzelsberger Hang. Nach einer Weile geben alle eine Maßeinheit an, wie viel Liter pro Sekunde hier fließen. Eine grobe Messprobe mit einem Becher folgt.

Eine Pause, wie nach jeder hochkonzentrierten Arbeit ist geboten. Danach führt Meyer die Gruppe auf die Obstwiese neben dem Gasthof. Ordentlich in mehreren Reihen stehen alte und jüngere Obstbäume. Der am äußersten Eck fällt sofort auf. Sein Stamm ist richtig spiralig gewunden. Ein Seitenast schlingt sich fast um 360 Grad um den Hauptast. Für Meyer steht der Baum auf einer Störungsstelle. Sind Wasseradern, Bodenverwerfungen oder Klüfte unter ihm? Das soll jeder aus der Gruppe herausfinden. Sie markieren die gefundenen Stellen und diskutieren ihre Ergebnisse.

Uneins sind sie sich über die Fließrichtung einer Wasserader. Derweilen macht sie Meyer auf einen weiteren drehwüchsigen Baum aufmerksam. Ihre Rute "schickt" sie in einem leichten Bogen genau zu diesem Baum. Meyer ist überzeugt, dass genau diese beiden Bäume an einer Wasserader und zusätzlichen Störungen liegen. "Sie möchten dem ausweichen und sind deshalb so verdreht gewachsen", begründet sie den auffälligen Wuchs.


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