Die schwarzen Ton-Raben vor dem Werkstattladen fallen Günter Dippold sofort auf. Er ist in den kleinen Ort Burgstall bei Mitwitz (Landkreis Kronach) gekommen, um Edith Memmel zu treffen. Jetzt steht er vor ihrer Töpferei. Gehört haben die beiden schon voneinander. "Er ist ein sehr guter Festredner", sagt Memmel über den Historiker. "Ich erinnere mich noch gut an ihre Landtagszeit", erzählt Dippold. Memmel war eine der ersten 15 Abgeordneten der Grünen, die 1986 den Einzug in den Landtag schafften. Dort saß sie für eine Periode. Bezirksheimatpfleger Dippold war vor kurzem in seiner Heimatstadt als Kandidat der CSU für das Bürgermeisteramt angetreten - ohne Erfolg. Die Töpfermeisterin nimmt einen der Raben in die Hand und lächelt: "Das sind die aufrechten Schwarzen."

Doch um Politik soll es an diesem Tag nicht gehen. Memmel will Dippold ihr Lebensumfeld zeigen, ihn mitnehmen zu Menschen rund um Mitwitz, die er so wohl nicht treffen würde.

Im Ortsteil Schwärzdorf liegt die erste Entdecker-Station. "Mal was ganz anderes, nichts Historisches", kündigt Memmel an. Kurze Zeit später stehen die beiden in der Werkstatt von Rene Henning. Der 49-Jährige hat vor 16 Jahren seine Firma für Präzisions-Laserschweißarbeiten gegründet. Mit vier Mitarbeitern bedient er heute vor allem große Autozulieferer. Gelaserte Beschriftungen sind Hennings Spezialität. Eine Nische. "Das vermutet man doch gar nicht, dass es hier eine Firma gibt, die für die Großen der Branche arbeitet", sagt Memmel. Kleine, aber feine Betriebe - eine Bereicherung für den ländlichen Raum, empfindet auch Dippold.


Auf der Wustung
In der Nähe von Schwärzdorf, direkt an der Landstraße, befinden sich ein paar Anwesen. Eines davon gehört Mihaela und Rolf Beyer. "Ich bekomme schon sehr lange meinen Honig von den beiden auf der Wustung", erzählt Memmel. "Angerwustung 1" lautet die Adresse der Beyers. Woher kommt eigentlich der Begriff Wustung? Da muss selbst der in solchen Dingen erfahrene Professor Dippold überlegen. "Wüstung ist mir bekannt", sagt er. "Ein Ort, der aufgegeben wurde." Aber Wustung? Rolf Beyer kann weiterhelfen: "Es war eine Form der Erstansiedlung, um ein Gebiet weiter zu erschließen." Dies oft in Form verstreut liegender Einödhöfe oder Weiler.
Seit 1980 lebt Beyer hier, hat das Anwesen seiner Großeltern renoviert. Er und seine Frau Mihaela sind Bienenexperten, veranstalten Seminare über die Heilkraft von Bienenerzeugnissen, bieten Bienentherapien an, Mihaela auch Honigmassagen.



Es geht zunächst in den Kräutergarten der beiden, liebevoll angelegt als "schlafender Druide". "Die Pflanzen wachsen dort, wo sie auch für den Körper geeignet sind", erklärt Beyer. Auf Schiefertafeln hat Mihaela für Gäste die Namen der Kräuter vermerkt. "Unser Grundthema ist die gesunde Lebensweise mit der Natur", erzählt sie. Eine kleine Wunde an Memmels Nase wird sofort mit Hauswurz versorgt. "Der Saft hat heilende Wirkung", sagt die Expertin.


Lustwandeln im "Garten der Sinne"
Ein paar Schritte weiter recken sich große Holzskulpturen in die Höhe. Sie zeigen eine weitere Leidenschaft von Beyer: Der Schreinermeister hat sich von der Kultur der Kelten inspirieren lassen.

Auch Tiere tummeln sich in diesem "Garten der Sinne". Zwei Laufenten watscheln durchs hohe Gras, in großer Zahl schwirren Bienen herum. 30 Bienenvölker besitzen die Beyers. An den Bienenkästen herrscht an diesem schwülwarmen Tag reger Betrieb. Einige sind unterwegs zur noch jungen Streuobstwiese mit 80 Bäumen, die Familie Beyer angelegt hat.

Plötzlich schreit Günter Dippold auf und langt sich ans Ohr. Eine Biene hat ihn gestochen. Mihaela Beyer weiß sofort Rat. Sie pflückt im Kräutergarten Spitzwegerich-Blätter und reicht sie ihm. "Die müssen sie zerkauen und auf die Stich-Stelle legen", erklärt sie. Dippold folgt den Anweisungen (kleines Bild). Kurze Zeit später sagt er: "Es ist tatsächlich besser geworden."

Spätestens bei Kaffee und selbst gebackener Torte im "Café im Alten Haus" in Neundorf sind die Schmerzen vergessen. Kathrin Büttner bewirtet hier seit vier Jahren Gäste an Sonn- und Feiertagen, nachdem sie mit ihrem Mann das alte, leer stehende Haus der Schwiegereltern saniert hat. Kurz vor der Sanierung steht auch eine alte Scheune mitten in Mitwitz. Drei Arzt-Praxen sollen hier Platz finden. Dippold ist begeistert: "So etwas finde ich toll. Es ist unheimlich wichtig, auch Nebengebäude in Dörfern zu erhalten."