In Deutschland ist jeder Zweite übergewichtig, die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht von einer weltweiten Fettsucht-Epidemie. Auch Andreas Gies vom Umweltbundesamt stellte fest, dass bei Studenten innerhalb von 20 Jahren der durchschnittliche Body-Mass-Index um zehn Prozent gestiegen ist. "Das kann nicht nur durch Chips und Fernsehen kommen", sagt der Abteilungsleiter für Umwelt und Gesundheit.

Gies hat wie viele andere Wissenschaftler die Weichmacher im Plastik unter Verdacht, an der Inflation der Pfunde mitzuwirken: Unter dem Einfluss der sogenannten Phthalate, einer Klasse von Weichmachern, bilden sich einigen Forschungen zufolge mehr Fettzellen.


Weichmacher können zu Verminderung der Samenqualität führen

Durch Weichmacher werden spröde Stoffe biegsamer oder dehnbar: Dazu gehören Kunststoffe wie Verpackungsfolien, aber auch Lacke, Gummi oder Klebstoffe. Die Chemikalien gelangen hauptsächlich über die Nahrung in den Körper. Dort wirken sie als "Hodengift", erklärt Gies. Die Weichmacher stören die Ausschüttung von männlichen Geschlechtshormonen, das ist bereits länger erforscht. Für Ulrich Schweizer, Hormon-Experte und Biochemie-Professor an der Universität Bonn, könnten sie bei Männern zu der "seit Jahrzehnten beobachteten Verminderung der Samenqualität führen".

Zusehends erhärtet sich jetzt aber außerdem der Verdacht, dass die Chemikalien auch Übergewicht und Diabetes mitverursachen. "In epidemiologischen Studien wurden bereits Zusammenhänge zwischen erhöhten Phthalat-Konzentrationen im menschlichen Körper und der Entwicklung von Übergewicht nachgewiesen", sagt Martin von Bergen vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.


Kein wissenschaftlicher Beweis

Manche Wissenschaftler geben allerdings zu bedenken, dass möglicherweise nur zufällig bei der untersuchten Gruppe Übergewicht zusammen mit einer hohen Phthalat-Belastung auftritt. Es liege noch kein wissenschaftlicher Beweis vor, dass die Chemikalie eine Ursache für das Übergewicht beim Menschen sei, betont auch Detlef Wölfle, der am Bundesinstitut für Risikobewertung in der Abteilung Chemikalien- und Produktsicherheit arbeitet.

Die Tücke epidemiologischer Studien offenbart sich in einem alten Beispiel: Vor Jahren sank in Deutschland rapide die Zahl der Störche; gleichzeitig kamen weniger Kinder auf die Welt. Das heißt natürlich mitnichten, dass der Storch die kleinen Kinder bringt. Doch genau solche Fehlschlüsse unterlaufen vielen Wissenschaftlern, wenn zwei Ereignisse gleichzeitig auftreten.

Wölfle weist darauf hin, dass Übergewicht und Diabetes sehr viele Ursachen habe und diese sich über einen langen Zeitraum hinweg entwickelten. So habe er in Bezug auf Phthalate noch zu wenige Informationen. Als Mitschuldige am Übergewicht will er sie gleichzeitig "nicht völlig ausschließen".


Weichmacher-Versuch mit Mäusen

Martin von Bergen vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung wollte es aber genauer wissen und aufspüren, wie und wo die Weichmacher im Körper eingreifen. Seine Arbeitsgruppe versetzte das Trinkwasser von Mäusen mit Weichmachern. Ergebnis: "Bereits in geringen Konzentrationen führen sie zu deutlichen Veränderungen", beobachtete von Bergen. Vor allem weibliche Mäuse nahmen deutlich zu.

Die Forscher untersuchten danach das Blut der dicken Mäuse und stellten fest, dass mehr Fettsäuren im Blut auftreten und der Zuckerstoffwechsel aus dem Ruder lief. Auch Signalstoffe, die das Fettgewebe aussendet und so weitere Organe steuert, waren nun anders zusammensetzt.

Diese Ergebnisse seien allerdings, so betonen die Wissenschaftler, nur erste Hinweise, an welchen Stellen weiter geforscht werden müsse. "Noch ist nicht abschließend geklärt, wie sich die unterschiedlichen Effekte der Phthalate auf den Stoffwechsel untereinander beeinflussen und letztlich zu einer Gewichtzunahme führen", sagte von Bergen. Nicht zuletzt sind Tierversuche nicht eins zu eins auf den Menschen übertragbar.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht keinen Grund zu reagieren, da das in der Studie verwendete Phthalat DEHP (Di2-ethylhexylphthalat) inzwischen in Spielzeug oder Lebensmittelverpackungen verboten sei. Seit 2007 darf DEHP nicht mehr als Weichmacher in Verpackungen fetthaltiger Lebensmittel eingesetzt werden, ab 2015 ist es EU-weit zulassungspflichtig für die Herstellung von Verbraucherprodukten.

Aus der Umwelt verschwunden ist der Stoff allerdings noch lange nicht. Durch Importprodukte ist er weiterhin zugänglich. Laut Gies vom Umweltbundesamt könnte außerdem Gefahr etwa von Weichmachern in PVC-Böden oder Recyclingprodukten ausgehen.

Zudem sind viele unterschiedliche Weichmacher im Einsatz. "Meine größte Sorge ist die Mischung", erklärt Gies. Denn die Stoffe wirken zusammen. Ein einzelner Plastikbecher mag nahezu schadstofffrei sein. "Aber es ist auch nicht das einzelne Auto, das am Kamener Kreuz den Stau verursacht".


Weniger Fertigprodukte, öfter Produktmarken wechseln

Das Umweltbundesamt rät dazu, Speisen häufiger frisch zuzubereiten, weniger Fertigprodukte zu verwenden sowie Produktmarken öfter zu wechseln. Am stärksten sieht das Amt Kleinkinder gefährdet. Denn die Jüngsten stecken nahezu alles in den Mund - nicht nur amtlich zugelassenes Spielzeug - und nehmen über den Hausstaub mehr Schadstoffe auf. Zudem reagiert ihr Körper noch weit empfindlicher auf die Gifte.