W ir nehmen's wortwörtlich und steigen den Bäumen zu Kopfe. Und zwar besteigen wir nicht nur wie in Kindertagen einen Baum. Wir wandern sehr hoch droben durch die Kronen, von Baumwipfel zu Wipfel zu ausladendem Blätterdach. Über einen ganzen Wald hinweg, sogar einen Urwald, zumindest einen, der wieder richtiger Urwald werden soll, was mindestens 300 bis 400 Jahre dauert. Bäume leben in anderen Zeitdimensionen, weshalb wir kurzlebigen Kleinköpfe sie kaum verstehen.
Wer in den Baumkronenpfad des Nationalparks Hainich steigt, wird ziemlich plötzlich aus herkömmlicher Orientierung geworfen, befindet sich nach kurzem Aufstieg durch den Turm in merkwürdiger Dimension. Im Frühling weht einem der Wind heftig um die Nase. Von dem hatte man am Waldboden dort unten doch gar nichts gemerkt!
Als der Hainich, etwa 20 Kilometer nördlich von Gotha bei Bad Langensalza gelegen, 1997 zum Nationalpark erklärt wurde, der alte Buchenwald sogar zusammen mit den Buchenurwäldern der Karpaten ins Unesco-Weltnaturerbe aufgenommen wurde, fragte man sich, wie das Besondere dieses Ortes vermittelt werden könnte. Dass die Kronenregion von Wäldern eine der vielfältigsten Biozonen auf dieser Erde überhaupt umfasst, ist uns kaum bewusst. Urwald? Da liegt doch alles kreuz und quer am sumpfigen Boden und verrottet schmoddrig in der Düsternis. - Ach, wir haben ja keine Ahnung.
Wer die über einen halben Kilometer führende Brücke in zwei weiten Schleifen durch unterschiedliche Höhen bis hinauf auf den 44 Meter hohen Turm nimmt, wird mit ungewohnten An- und Einblicken konfrontiert. Umgeben von unterschiedlichstem Ast- und Blattwerk, je nach Jahreszeit in ungewohntem Lichteinfall, führt der Weg durch die verschiedenen Buchenwald-Gesellschaften, denen neben der Rotbuche auch Eschen, Ahorn, Linden und die seltene Elsbeere angehören, vorbei an Höhlenwohnungen vom Specht bis zu allerlei pelzigem Getier.
Schwindel erregend der Blick nach unten - in frischestes Grün, fröhliche Blumenteppiche, die noch gar nicht so viele umgestürzte Baumstämme bedecken. Sie werden zum zu üppigen Lebensraum für Insekten und Kleintiere. Wir könnten ja in 300 Jahren nochmal vorbeikommen und gucken, sagt unser Ranger süffisant, dann werden ein paar von den Bäumen, die uns jetzt alt erscheinenden, wirklich alt sein und auch mal umstürzen.
21 Mitarbeiter umfasst das Team des Hainich, das pflegt und hegt oder eben sehr gezielt die Finger lässt von bestimmten Prozessen, das forscht und das Infozentrum für die Öffentlichkeit betreibt. Unser Ranger heißt übrigens Gerd Baumbach - wie das halt mit Namen manchmal so ist. Er weiß eine Menge und öffnet uns die Augen, für Lindenblüten, die wir so noch nie gesehen haben, für Tierverstecke, für die Rolle der verschiedenen Specht-Arten, die erst kommen, wenn das Totholz tot genug ist. - Das heißt, der abgestorbene Baum wird ja im Laufe der Jahre immer lebendiger. Besonders wenn der Specht, der "soziale Wohnungsbauer" des Waldes, bequeme Höhlen hinterlässt für andere Tierarten.
So ein Ranger scheint da draußen im Laufe der Jahre immer witziger zu werden, Gerd Baumbach zumindest kann durchaus amüsant informieren.
Auf den unterschiedlichen Plattformen, die den hohen Weg erweitern, gibt es attraktiv aufbereitetes Infomaterial zu unterschiedlichen Themen. Die Wildkatzen sind in dem 7500 Hektar großen Hainich im Thüringer Becken wieder eingezogen. 63 Exemplaren ist man schon auf die Schliche gekommen. Sie verstecken sich gut in Hecken und im Dickicht. Denn der Habicht nimmt sich gerne mal eine mit nach oben, was Katzen nicht so mögen.
Einen solchen Ausflug über den Thüringer Wald hinaus aber, den dürften junge wie alte Oberfranken genießen. Erst Recht, wenn sie nach dem erhabenen Besuch des Urwaldes vielleicht noch im hübschen Städtchen Bad Langensalza vorbeischauen. Dort gibt es skurriler Weise nicht nur eindrucksvolle alte Straßen und Häuser, sondern auch einen fantastischen japanischen Garten. Mit Teehaus. Mit Teezeremonie. - Was doch unsere Welt ganz in unserer Nähe so alles bietet!



INFO:

Der Nationalpark Hainich wurde 1997 gegründet und ist der 13. Nationalpark Deutschlands. Eines der wichtigsten Ziele des 7500 Hektar großen Parks ist der Schutz des heimischen Buchenwaldes. Seit 2011 zählt er zum Unesco-Weltnaturerbe. Er liegt in Städtedreieck Eisenach-Mühlhausen-Bad Langensalza im Süden des etwa 160 Quadratkilometer umfassenden, größten zusammenhängenden Laubwaldes Deutschlands. Die Universität Göttingen betreibt hier geobotanische Baumkronenforschung. Der Baumkronenpfad ist mit dem Lift zugänglich und somit auch für ältere Menschen, Rollstuhlfahrer und Kinderwagen geeignet (nicht der 44 Meter hohe Aussichtsturm). Hunde können kostenfrei in einer Box warten. Geöffnet von 10 bis 19 Uhr. Es gibt viel Anschauungsmaterial für Schüler.
Weitere Informationen unter www. nationalpark-hainich.de







Glückseligkeit in Bad Langensalza

Ein Spaziergang durchs stimmungsvolle historische Bad Langensalza: Die wuchtige Marktkirche aus dem hellen Travertin, reichhaltige, seit 1990 schön renovierte historische Bausubstanz auf gut 50 Hektar, womit Bad Langensalza nach Erfurt und Mühlhausen die drittgrößte Altstadt in Thüringen ist. Als man die Heilquellen fand, wurden zur Gesundung auch mehrere Parks angelegt, darunter der berühmte Rosengarten und - ein beeindruckender Japanischer Garten, der Kofuko no Niva, Garten der Glückseligkeit, mit dem authentischen japanischen Teehaus "Sei Sen An". In dem gibt es echten japanischen Tee in diversen, für uns ausgesprochen gewöhnungsbedürftigen Geschmacksrichtungen, zubereitet in traditionellem Stil. Es war die Gartenarchitektin Silke Hasskerl-Schilling, die Stadt und Bürger von der Anlage eines japanischen Gartens überzeugte. Er besteht seit 2003 - und vermittelt einen Eindruck japanischer Garten-Glückseligkeit. C.H.