Der eigene Sohn oder die beste Freundin stirbt. Ganz plötzlich. Jeder steht unter Schock. Die Beerdigung muss organisiert, Formalitäten geregelt und der Freundes- und Bekanntenkreis informiert werden. Heutzutage läuft die Verbreitung der Todesnachricht und gleichzeitig auch die Trauerverarbeitung oft über Soziale Netzwerke wie Facebook oder Gedenkseiten ab. Das ist für viele eine neue und ungewohnte Form der Trauer und meist ergibt sich dieses Problem bei jüngeren Leuten. Doch auch ältere Menschen, die sich immer öfters in Sozialen Netzwerken aufhalten, haben noch verschiedene Online-Konten, obwohl sie tot sind. Dadurch werden sie zu sogenannten "Daten-Leichen": Ihre Daten sind weiterhin im Internet gespeichert, aber die Konten werden nicht mehr aktiv genutzt.

Trauerbewältigung durch Web-Portale

Carmen Henning ist Praktikantin an der Professur für Pathopsychologie an der Universität Bamberg und hat sich mit dem Thema auseinandergesetzt. Sie erklärt: "Wenn eine Person, die einem nahe steht, stirbt ist es für Trauernde oft hilfreich und sinnvoll, sich in sozialen Netzwerken oder Trauerportalen auszutauschen. Oft besteht bei Trauernden eine Suizidgefahr, doch diese wird durch den anonymen Austausch im Internet geschwächt. Dort können sie sich mit anderen, die ähnliches erlebt haben, austauschen und sich gegenseitig bei der Trauerbewältigung unterstützen."

Trauerportale gibt es viele, bekannte sind "Straße der Besten" oder das Trauerportal von inFranken.de (trauer.infranken.de). Hier kann man Gedenkseiten erstellen, virtuelle Kerzen anzünden oder auch Traueranzeigen aufgeben und einsehen. Und es gibt noch weitere Möglichkeiten, im Internet weiterhin präsent zu sein: Auf Stayalive.de kann man vor seinem Tod eine "digitale Unsterblichkeit" beantragen oder auch andere Familienmitglieder unsterblich machen.

Trauerhilfe rund um die Uhr

Laut Carmen Henning fühlten sich viele Trauernde besonders an Feiertagen, wie Weihnachten oder Ostern, wenn Mitmenschen die Zeit mit ihren Familien glücklich zusammen verbringen, aber auch nachts besonders alleine. In solchen Fällen kann man sich in Foren einloggen oder auf Seiten Gedenkkerzen anzünden. Solche Portale bieten sozusagen einen "Rund um die Uhr-Service". "Persönliche Gedenkseiten lassen sich mit Gräbern vergleichen", erklärt Carmen Henning, "man kann sie besuchen, Fotos des Verstorbenen anschauen und Kerzen anzünden - natürlich virtuelle Kerzen. Der Vorteil von Gedenkseiten ist ebenfalls der, dass diese Seiten Tag und Nacht verfügbar sind. Und man kann dank eines Besucherzählers beobachten, wie viele Menschen die Seite besuchen."

Gedenkseiten auf Facebook


Ist jemand gestorben, können Hinterbliebene das Facebook-Konto des Verstorbenen in den Gedenkzustand versetzen lassen. Dazu benötigt Facebook eine berechtigte Aufforderung. Diese besteht aus dem Facebook-Namen des Verstorbenen, einem Link zu seiner Chronik, seiner E-Mail-Adresse, der Angabe zu der Beziehung des Verstorbenen, dem Todesdatum und einem Todesnachweis, der beispielsweise durch einen Link zu einem Nachruf belegt werden kann. Facebook erklärt in seinem Hilfebereich, dass niemand Zugriff auf ein Konto hat, das sich im Gedenkzustand befindet. Das Profil- oder Titelbild, Beiträge, Freunde oder Privatsphäre-Einstellungen können im Gedenkzustand nicht mehr geändert oder hinzugefügt werden.

Abhängig von den Privatsphäre-Einstellungen des verstorbenen Nutzers können Freunde in der in den Gedenkzustand versetzten Chronik Erinnerungen teilen. Jeder kann private Nachrichten an den verstorbenen Nutzer senden. Vom verstorbenen Nutzer geteilte Inhalte (z. B. Fotos, Beiträge) bleiben auf Facebook verfügbar und sind für das Publikum, mit dem sie geteilt wurden, sichtbar.
Chroniken von Konten im Gedenkzustand erscheinen nicht öffentlich, etwa als "Person, die du vielleicht kennst" oder als Geburtstagserinnerung. Es ist nicht möglich, eine Chronik zum Gedenken zu erstellen. In diesem Fall empfiehlt Facebook, eine Seite oder Gruppe zu erstellen.

Löschung Facebook-Konto: Sterbeurkunde oder rechtsgültiger Nachweis nötig

Möchte man das Konto eines Verstorbenen komplett entfernen, ist neben Daten zum Verstorbenen besonders ein Nachweis wichtig, der belegt, dass man ein direktes Familienmitglied ist. Dies können eine Geburtsurkunde des Verstorbenen, eine Sterbeurkunde des Verstorbenen oder ein rechtsgültiger Nachweis einer Behörde sein.

Laut Priska Lauber, Leiterin des ambulanten Hospizdienstes, haben Hospizvereine in Oberfranken noch keine Facebook-Seiten. Im Bamberger Hospiz sei die Erstellung einer Facebook-Seite derzeit auch noch kein Thema.

Google- und Twitter-Konten nach dem Tod verwalten

Google hat den sogenannten "Kontoinaktivität-Manager" eingerichtet. Man kann dort einen Zeitraum angeben, nach dem das Google-Konto inaktiv wird, wenn man verschiedene Google-Konten (Gmail, Blogger, Picasa-Webalben, Google+, Youtube, ... ) längere Zeit nicht mehr genutzt hat. Dieser Zeitraum kann zwischen drei und zwölf Monaten liegen. Außerdem besteht die Möglichkeit, eine Person des Vertrauens zu benennen, an die Daten der Google-Konnten nach einem bestuimmten Zeitraum geschickt werden. Man findet den "Kontoinaktivität-Manager" in den Einstellungen des eigenen Google-Kontos.

Twitter gewährt laut seiner amerikanischen Regelungen keinen Zugang der Angehörigen zu Twitter-Accounts von Verstorbenen. Man kann den Account jedoch deaktivieren lassen, indem man die Todesurkunde, die Identität des Verstorbenen und die Identität des Angehörigen einreicht.

Trauer in vier Phasen

Laut Henning gibt es ein Stufenmodell des Trauerns, das sie in vier Bereiche gliedert. In der ersten Phase muss der Mensch den Tod akzeptieren. Diese Phase kann das Internet erschweren, weil der Verstorbene noch sehr präsent ist - ob durch Facebook-Profile oder Bilder auf Trauerseiten. Doch gerade hier sieht Carmen Henning im Internet einen Vorteil: "Man muss beispielsweise keine Telefonketten bilden, um den Tod zu kommunizieren. Es reicht, wenn man eine Facebook-Trauerseite erstellt oder die Chronik in eine Gedenkseite umwandelt."

In der zweiten Phase gilt es, den Schmerz zu überwinden und einer Selbsthilfegruppe im Internet beizutreten oder selbst eine zu gründen. Hier ist das Internet wieder schneller als die Möglichkeiten, sich im echten Leben einer Selbsthilfegruppe anzuschließen.

Carmen Henning erklärt, dass man sich in der dritten Phase der Trauerbewältigung wieder an die eigene Umwelt anpassen muss. Man sollte versuchen, wieder in den Alltag zu finden.
In der vierten Phase muss man eine neue Verbindung zum Verstorbenen aufbauen. Man sollte den Verstorbenen also nicht aus dem eigenen Leben verdrängen, sondern ihn neu einfügen. Das kann man durch Fotos oder auch Gedenkkerzen im Internet tun.

Bestattungsinstitut bietet digitalen Nachlassdienst an

Wem die Erstellung von Gedenkseiten zu viel Arbeit ist oder, wer nicht im Internet trauern möchte, dem kann diese Arbeit abgenommen werden. Jörg Freudensprung von dem Bestattungsunternehmen Pietät Freudensprung in Bamberg nutzt seit Anfang 2014 den digitalen Nachlassdienst der Berliner Columba GmbH. Columba ist seinen Angaben nach ein "Vorreiter", denn das System hilft Hinterbliebenen, digitale Daten nach dem Tod eines Angehörigen zu löschen.

Weil Angehörige nach dem Tod aber oft nicht wüssten, bei welchen Seiten die Verstorbenen angemeldet sind, ist diese Arbeit laut Jörg Freudensprung oft schwierig und unübersichtlich. "Wir geben die Daten des Verstorbenen ein und schicken sie zu Columba. Deren System ist mit vielen Online-Händlern, aber auch sozialen Netzwerken verbunden und kann diese kontaktieren und dafür sorgen, dass Daten von Verstorbenen gelöscht, aber auch Online-Veträge aufgelöst werden", erklärt Freudensprung.

Denn was viele nicht wissen würden: "Online-Verträge erlischen im Gegensatz zu Verträgen im reellen Leben nicht mit dem Tod, sondern laufen solange weiter, bis man die Betreiber der jeweiligen Seiten informiert, dass der Vertragsunterzeichner gestorben ist." So können beispielsweise Twitter-Accounts gelöscht, oder PayPal-Guthaben zurückgezahlt werden. Das Angebot sei speziell für Jüngere interessant, Jörg Freudensprung betont aber: "Unsere Kunden haben es bis jetzt nicht genutzt. Wenn junge Leute sterben, wollen sich die Eltern meistens selbst den digitalen Nachlass ihrer Kinder verwalten."

Jeder trauert anders

Es bleibt in einem Trauerfall natürlich jedem selbst überlassen, wie er mit dem Tod einer geliebten Person umgeht. Doch das Internet wird bei der Trauerbewältigung immer vielfältiger und bietet immer mehr Möglichkeiten, den Tod zu verarbeiten. Denn, das sagt auch Carmen Henning: "Jeder geht mit seiner Trauer anders um. Da bietet das Internet durchaus Möglichkeiten, seine Trauer mit anderen zu teilen."

Trauerseiten im Internet: Ihre Meinung

Haben Sie Erfahrungen mit der Nutzung von Sozialen Netzwerken und Gedenkseiten nach dem Tod gemacht? Dann kommentieren Sie oder schreiben Sie uns eine Mail an leserreporter@infranken.de!

Interessante Websites

Die Stadt Bamberg erklärt auf ihrer Seite, welche Formalitäten in Bamberg in einem Trauerfall zu regeln sind

Der Kontoaktivität-Manager von Google

Gedenkseite auf Facebook

Das Konto eines Verstorbenen auf Facebook löschen