Bamberg
Medizinrecht

Behandlungsfehler: Hilfe für Patienten

Bei unserer Telefonaktion schilderten Betroffene ihre gesundheitlichen Probleme, die sie nach einer ärztlichen Fehlbehandlung haben. Zwei Expertinnen erklärten, welche Rechte Patienten haben.
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Gerade bei Operationen  passieren immer wieder Fehler. Foto: Friso Gentsch/dpa/Archiv
Gerade bei Operationen passieren immer wieder Fehler. Foto: Friso Gentsch/dpa/Archiv
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Ungewöhnlich starke oder über Jahre anhaltende Schmerzen nach einer Operation. Infektionen und Komplikationen nach dem Einsatz von Gelenkprothesen. Immer wieder klagt der Patient über seine gesundheitlichen Probleme. Ist eine - falsche - Behandlung daran schuld? Bei unserer Telefonaktion konnten Betroffene ihren Verdacht äußern und sich informieren, wie sie zu ihrem Recht kommen.

Antworten auf alle Fragen zu den Themen Behandlungsvertrag und Medizinrecht bekamen die Anrufer von der Coburger Anwältin Bettina Lesch-Lasaridis und der Patientenberaterin Claudia Schlund von der Nürnberger Beratungsstelle der Unabhängigen Patientenberatung (UPD)Deutschland.

Sie stellen bei den Telefonaten schnell fest, dass in fast allen Fällen eine Klärung mit dem behandelnden Arzt gar nicht stattgefunden oder ein Gespräch zu keinem Ergebnis geführt hat. "Viele Patienten wurden mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen", haben die Expertinnen erfahren. "Die vorgebrachten Symptome wie ungewöhnlich starke oder über Jahre anhaltende Schmerzen nach einer Operation, Infektionen und Komplikationen nach dem Einsatz von Gelenkprothesen wurden von den Ärzten abgetan."

Vertrauen gestört


Wenn der Verdacht auf einen Behandlungsfehler erst einmal im Raum steht, ist nicht nur das Arzt-Patienten-Verhältnis belastet und das Vertrauen weg. Sondern: Ohne Klärung kommt es zu keiner guten Weiterbehandlung. "Das ist für den Patienten tragisch", sagt Schlund. "Dabei würde oft schon eine Entschuldigung des Arztes reichen oder zumindest ein offenes Ohr", weiß die Patientenberaterin aus ihrer täglichen Arbeit.

Im Folgenden eine Zusammenfassung der wichtigsten Fragen und Antworten unserer Telefonaktion.

Ich habe den Verdacht, dass ich falsch behandelt wurde. Was soll ich tun?
Wenden Sie sich zunächst mit den Fragen zur Klärung an den behandelnden Arzt. In Fällen, in denen die Ursache für einen Schaden oder für eingetretene Komplikationen mit dem behandelnden nicht Arzt geklärt werden können, kann nur ein medizinisches Gutachten den erforderlichen Nachweis für ein mögliches Verschulden erbringen. Der Patient muss nachweisen, dass ein Behandlungsfehler vorliegt, daraus eine Gesundheitsbeeinträchtigung resultiert und diese zu einer Schadensposition führt, materiell oder immateriell.

Woher bekomme ich ein medizinisches Gutachten?
Gesetzlich Versicherte können ein kostenloses Gutachten von ihrer Krankenkasse erhalten. Alternativ können sich Betroffene auch an die "Gutachterstelle für Arzthaftungsfragen" der Bayerischen Landesärztekammer wenden.

Obwohl ich jahrelang gesundheitliche Probleme hatte, hat mein Arzt mir immer gesagt, es sei alles in Ordnung. Er ist der Sache nicht auf den Grund gegangen. Erst fast zehn Jahre später konnte in einem anderen Krankenhaus der Fehler festgestellt werden. Welche Chancen habe ich jetzt noch?
In solchen Fällen laufen Patienten Gefahr, dass Verjährungsfristen für eine Schadensregulierung ablaufen. Patienten haben nur drei Jahre Zeit ab Kenntnis, dass ein Fehler vorliegt oder vorliegen könnte, um eine Auseinandersetzung zur Schadensregulierung zu beginnen. Insgesamt sollte der Eingriff nicht länger als zehn Jahre zurückliegen.

Mir wurde bisher die Einsicht in meine Akten im behandelnden Krankenhaus verwehrt. Wie komme ich an die Unterlagen heran?
Patienten haben das Recht auf Einsicht in ihre Akten. Der Patient sollte sich nicht abweisen lassen. Am besten fordert man sie - dafür gibt es Vordrucke - schriftlich an. Die Kosten dafür müssen vom Patienten getragen werden.

Die Regeneration nach meiner Operation verläuft schlecht, weil beim Eingriff Nervengewebe verletzt wurde. Dass das passieren kann, wurde mir bei der Aufklärung vor der OP nicht gesagt. Kann man nachweisen, dass die Aufklärung lückenhaft war?
Die Aufklärung dient der Einwilligung in eine Art "Körperverletzung". Darüber muss der Patient korrekt aufgeklärt werden. Oft wird nicht ausreichend aufgeklärt und wenig im Detail, nach dem Motto ,Unterschreiben Sie das mal‘. Dem Patienten wird gar nicht klar, was da an Folgen dranhängt. Bei einer Verletzung von Nervengewebe ist es sehr schwierig, eine konkrete Prognose für den Verlauf der Regeneration zu stellen. Wird dies den Patienten nicht ausreichend erklärt oder werden unrealistische Erwartungen in Aussicht gestellt, so ist das Ergebnis für die Betroffenen im negativen Fall dramatisch. Wichtig ist zu wissen, dass es keinen Anspruch auf Behandlungserfolg gibt. Ärzte sind lediglich dazu verpflichtet, sich an die Regeln der ärztlichen Kunst zu halten und aktuelle medizinische Erkenntnisse zu berücksichtigen. Eine vollständige Aufklärung ist jedoch Voraussetzung für die wirksame Einwilligung in die Behandlung.

Ich bin 72 Jahre alt und habe neulich ein neues Hüftgelenk bekommen. Jetzt habe ich immer noch Schmerzen. Können sie von einem Behandlungsfehler kommen?
Bei älteren Menschen sind Behandlungsfehler schwerer nachzuweisen, weil oft Folgeerkrankungen mitspielen. Generell gibt es so etwas wie einen schicksalshaften Verlauf nach einer Operation, unabhängig von der Arbeit des Arztes. Bei manchen Patienten treten Folgebeein-trächtigungen auf, die nicht zwingend von einem Behandlungsfehler herrühren müssen. Oft hilft ein Blick in den Aufklärungsbogen einer Operation, außerdem sollte man die nachbehandelnden Ärzte fragen, ob es normal ist, wenn man so lange nach dem Eingriff noch Schmerzen hat oder schlecht laufen kann. Zur Klärung kann man sich an seine Krankenkasse wenden, dann schaut sich das der Medizinische Dienst an. Die Kassen haben ein Interesse daran, dass die Weiterbehandlung oder eventuell notwendige zweite Operation nicht wieder schief geht.

Ich habe bereits ein Gutachten, das einen Behandlungsfehler bestätigt. Wie gehe ich weiter vor?
Wenn Sie die Angelegenheit klären möchten, bleibt oft nur der Gang zum Anwalt. Generell ist die Regulierungsbereitschaft außergerichtlich gering, manchmal kann man aber in kurzer Zeit ein Schmerzensgeld aushandeln. Oft ziehen sich aber solche Prozesse über Jahre hin. Das kann sehr teuer werden. Von Vorteil ist, wenn man eine Rechtschutzversicherung hat.

Ich habe eine Fistel an der Bandscheibe, das wurde nicht erkannt. Jetzt steht deshalb eine größere Operation an. Wie weise ich dem Arzt diesen Fehler nach?
Dass Tumore nicht rechtzeitig diagnostiziert werden, kommt häufig vor. Das kann ein Behandlungsfehler sein, ist aber eine Frage der Beweisbarkeit. Ähnliches gilt bei Implantatversagen. Das muss nicht immer ein Behandlungsfehler sein, vielleicht ist man nur unglücklich gestürzt und dabei wurde das Implantat beschädigt.
Meine Mutter wird im Pflegeheim betreut und hat offene Wunden am Rücken. Ich gehe davon aus, dass sie falsch gelagert wurde und möchte Schmerzensgeld einfordern.
Auch hier gilt das Übliche: Nachweisen. Anhand der Pflegeprotokolle und Arztberichte kann überprüft werden, ob vernachlässigte Pflege vorliegt. Dann kann man Schmerzensgeld einklagen oder die Zuzahlung zu Medikamenten, Folgekosten also.

Wer bezahlt das Schmerzensgeld, wenn ich mit meiner Klage Recht bekomme?
Hinter jedem Arzt, jeder Klinik und Pflegeeinrichtung steht eine Haftpflichtversicherung, die in diesem Fall eintritt. Sie wird in der Regel verklagt.


Hier bekommen Betroffene Hilfe:

Gutachten Kostenlose Gutachten erstellen die Krankenkassen. Betroffene können sich auch an die Gutachterstelle für Arzthaftungsfragen der Bayerischen Landesärztekammer wenden, Tel: 089 3090483-0, www.gutachterstelle-bayern.de .

Vordrucke Schriftliche Informationen und Musterschreiben zur Anforderungen von Patientenunterlagen gibt es bei der UPD Beratungsstelle Nürnberg. Auskunft unter Tel. 0911/2427172, Mail: nuernberg@upd-online.de sowie www.upd-nuernberg.de.