Und zwar in Läufer und Nicht-Läufer. Zwischen diesen beiden Sorten Mensch besteht in der Tat ein unüberbrückbarer Gegensatz, es liegen Welten, nein Universen zwischen einem Leben in Bewegung und der Kraft aus der Ruhe. Die Wanderung zwischen beiden Welten ist so gut wie unmöglich, und wer's versucht, sieht am Ende selber unmöglich aus. Man denke nur an Joschka Fischer ...

Wer hat das Laufen erfunden? Die Ursprünge der an sich vollkommen unökonomischen Bewegung auf zwei Beinen, die ein Höchstmaß an Koordination, Kraft und Training erfordert und erst nach zahlreichen schmerzhaften Fehlversuchen und selbst dann doch immer nur unvollkommen gelingt (man frage Kleinkinder und Betrunkene), liegen im Dunkel der Urgeschichte, denn kaum ein anderes Wesen auf diesem Planeten versucht sich an solchem Gestelze. Mancher Läufer braucht gar sechs oder acht Beine. Zweibeinig kommen allenfalls Sackgassen der Evolution daher, der Vogel Strauß (der laufen muss, weil er zu blöd zum Fliegen ist) oder der Thyrannosaurus Rex, der auf seinen zwei Beinen ja prompt auch ausgestorben ist.

Entwicklungsgeschichtlich bedingt hat die menschliche Zwei-Bein-Bewegung natürlich den Vorteil, dass zwei weitere Beine und Füße frei bleiben für wichtigere Dinge. Dieser Meilenstein der Evolution versetzt Homo sapiens in die Lage, gleichzeitig zu laufen und zu telefonieren oder den MP3-Spieler zu bedienen. Was ja Katzen und Hunde zum Beispiel nicht können.

Marathon, Pheidippidion, Spartathlon

Trotzdem laufen die im Gegensatz zum Menschen nicht aus Spaß an der Freude in der Gegend herum, sondern zweckgebunden, etwa um vor einem Hund auf den nächsten Baum zu fliehen (Katze) oder einen Läufer zu jagen (Hund). Womit man wieder bei der Kernfrage ist: Wann und wo wurde das Laufen von der puren Fortbewegung zum Lust- und Kultobjekt?

Tatsächlich lässt sich diese Frage sehr präzise beantworten: Es geschah im Jahre 490 vor Christus in Athen. Der Geschichtsschreiber Herodot berichtet, dass während der Perserkriege der griechische Bote Pheidippides von Athen nach Sparta lief, um Hilfe zu holen. Damit wurde er zum Vater aller Langstreckenläufer (die Griechen waren damals, nur am Rande, schon wenig geschäftstüchtig. Hätten sie sich die Idee patentieren lassen, wäre das Land heute steinreich).

Aber, Moment mal, Athen und Sparta? Warum dann Marathonlauf und 42,195 Kilometer? Das liegt daran, dass die Legende vom laufenden Boten gut 500 Jahre später ein wenig aufgepeppt wurde. Der historische Lauf von Athen nach Sparta taugt nämlich nicht zur Massenbewegung. Alleine die Vorstellung, eine 246 Kilometer lange Strecke mit Werbebannern bestücken zu müssen, trieb schon den alten Griechen den Schweiß auf die Stirn. Flugs dampften sie beim Update die Distanz ein, ließen den Unaussprechlichen nur noch von Marathon nach Athen laufen, dort sogleich sozialverträglich ableben und damit unsterblich werden. Sonst hieße der Lauf der Läufe heute nicht mythisch-medienwirksam Marathon, sondern Pheidippidion, und das würde keinen Nichtläufer zum Laufen hinter dem Ofen hervorlocken.

Übrigens: Den echten "Marathonlauf" gibt es heute auch noch, er heißt konsequenterweise Spartathlon und ist eine physische und psychische Herausforderung für alle, die erst nach dem dritten Marathonlauf am Stück so richtig warm werden: Die Ultrasportler (wie Hubert Karl aus Zeil am Main, der Allzeitrekordteilnehmer), müssen die 246 Kilometer lange Strecke von Athen nach Sparta in 36 Stunden schaffen und im Finish lächelnd den guten alten Pheidippides (seine Statue) tätscheln.

Nimmt man eine Karte zur Hand und misst man die Strecke von Marathon nach Athen, kommt man natürlich auch nie und nimmer auf 42,195 Kilometer. Das nächste Rätsel, es sei denn, man geht davon aus, dass der Bote im Zickzack lief, um hier und da den Flüssigkeitsverlust in diversen Tavernen mit griechischem Wein aus Ziegenhäuten nachzufüllen, geharzt. Das würde erklären, warum er im Ziel tot umfiel.

Dieses Rätsels Lösung liegt im Jahr 1908. Schon davor waren wiederholt Laufwettbewerbe auf der Langstrecke ausgetragen worden, auch olympisch, wobei aber die Streckenlänge variierte; meist waren es um die 40 Kilometer, manchmal nur gut 30, bisweilen 50 oder mehr. Bei den Olympischen Spielen in London schließlich wurde eine 40 Kilometer lange Strecke so abgesteckt, dass die Läufer kurz vor Schluss ihre heraushängende Zunge der königlichen Loge zeigen mussten.

Das ergab 26 Meilen und 385 Yards gleich 42 195 Meter, bis heute das Maß aller Dinge für jeden, der laufend zu sich selbst finden, seine Grenzen erkennen, Körper und Geist fordern ... oder was auch immer will. Inzwischen geht die Zahl der Laufweisheiten ebenso wie die der Läufer in die Millionen. Vielleicht die schönste: Man muss nicht verrückt sein, um einen Marathon zu laufen; aber es hilft ungemein.

Jagd auf den inneren Schweinehund

Zur Massenbewegung wurde der 42 195-Schritte-Lauf, der bis dahin als Privileg des Höchstleistungssportlers galt, in den 1970er Jahren mit der Trimm-Dich-Bewegung. Als das Laufen, gehasst von jedem Schüler und jedem Bundeswehrsoldaten, plötzlich Joggen hieß, chic wurde (weil die Industrie flugs das passende Outfit dazu lieferte) und die ersten großen Stadtläufe ins Leben gerufen wurden, entdeckten immer mehr Freizeitsportler den inneren Schweinehund und jagten ihn auf den nächsten Baum.

Der Marathon hat etwas Mystisches, er hat eine historische Dimension und ist tatsächlich eine Portion Bewegung, die der gesunde menschliche Körper gerade eben so schaffen kann, wenn man ihn gut vorbereitet und ihm alles abverlangt. Die Gewaltmärsche in kriegerischen Zeiten waren auch um die 40 Kilometer lang, und der Sportmediziner weiß, dass bei einer Ausdauerbelastung nach 30 bis 35 Kilometern der Brennstoff, die Kohlenhydrate, zur Neige geht. An dieser Stelle steht der Mann mit dem Hammer an der Marathonstrecke, von hier ab läuft man auf Reserve oder auf den Felgen, je nachdem. Bisweilen auch auf einer Wolke, zweite Luft, zweiter Frühling, so was in der Art.

Es gibt Läufer, die steigen bei 42 190 Metern aus. Andere laufen durchs Ziel und anschließend noch nach Hause, weil's so schön war. Der Marathon bleibt am Ende doch ein ewiges Rätsel.

Deshalb ist über das, was beim Marathonlauf im Körper und im Kopf passiert, über die richtige Trainingsvorbereitung und Ausrüstung, über den Laufstil und die Laktatwerte im Blut längst ein ganzer Berg von Literatur erschienen, der sich nach unzuverlässigen Schätzungen 42 195 Meter hoch türmen dürfte und immer noch wächst.
Eine ganze Branche baut auf den zwei Beinen auf, die der Mensch zum sinnfreien Rennen braucht. Wenn auch die wenigsten, die auf Gelsohlen und in schweißabsorbierenden High-tech-Hemdchen durch die Landschaft hecheln, jemals einen Marathonlauf in Angriff nehmen werden, so lässt sie doch alleine das Outfit am Mythos teilhaben, der zu einem florierenden Geschäft geworden ist.

Nach dem Frühstück ...

Für das Vergnügen, auf den Spuren eines toten Griechen durchs Ziel zu kriechen, zahlt man bei den bekanntesten Laufveranstaltungen gut und gerne 100 Euro Startgebühr oder mehr. Umgekehrt lockt ein Veranstalter wie der SCC Berlin, der heuer mehr als 40 000 Läufer (das Teilnehmerlimit wurde schon vor Monaten erreicht!) zum 40. Mal zum Hauptstadt-Rennen ruft (am 29. September), die Elite mit horrenden Antrittsgeldern und Prämien für Siege und Rekorde. In Berlin wurde auch der aktuelle Marathon-Weltrekord gelaufen: Patrick Makau Musyoki rannte die 42,195 Kilometer 2011 in zwei Stunden, drei Minuten und 38 Sekunden, schneller als 20 Stundenkilometer im Schnitt. So einer liefe in Athen nach dem Frühstück los und wäre zum Abendessen in Sparta.

Dabei wurde der Kenianer defintiv weder von Furien noch von einem Hund gejagt, sondern allenfalls von seinen Hasen (Tempoläufern) und 40 000 Treibern, die es langsamer angehen ließen und zum Teil erst drei oder vier Stunden nach dem Sieger durch die Ziellinie am Brandenburger Tor trabten. Alle aufrecht, auf zwei Beinen, wie es sich gehört. Ich renne nicht, und ich bin auch nicht auf der Flucht. Ich laufe, also bin ich Mensch.