Rückenprobleme sind die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit. Schon bei den 14- bis 19-Jährigen haben 40 Prozent gelegentlich Schmerzen im Kreuz. Tendenz steigend. "Mehr als 90 Prozent aller Rückenschmerzen sind muskulär bedingt", erklärt der Kulmbacher Physiotherapeuth Jörg Dittrich. In erster Linie handle es sich dabei um Verspannungen. "Oft haben sich muskuläre Dysbalancen gebildet." Das bedeutet ein Ungleichgewicht zwischen Agonist (Spieler) und Antagonist (Gegenspieler), also zwischen einem Muskel und seinem Gegenstück. Ist die Ursache eine Verletzung des Bewegungsapparats, braucht's einen Mediziner. "Meist sind solche Dysbalancen aber durch mangelnde Bewegung oder einseitige Belastung hervorgerufen."

Muskeln verkümmern, wenn sie nicht benutzt werden. "Der Bewegungsapparat heißt aus gutem Grund so und nicht Sitzapparat", sagt Dittrich - wohlwissend, dass bei den meisten Menschen der Begriff "Sitzapparat" passender wäre. Die Folgen sind eine geschwächte Rückenmuskulatur und verkürzte Brustmuskeln. Dadurch verkrampfen auch andere Muskeln, später können die Gelenke Schaden nehmen. Dabei lässt sich das ganz leicht verhindern: "Bei Muskelverspannungen ist es oft ausreichend, wenn die Leute sich mehr bewegen: Gewöhnen Sie sich an, im Büro nicht acht Stunden am Stück zu sitzen. Stehen Sie zum Beispiel beim Telefonieren auf", rät der Physiotherapeut. "Und: Die Treppe nehmen!" Gewohnheiten ändern. Eine gute Haltung lernen. "Dazu gehört aktives Stehen: Brustbein aufrichten und Schultern zurücknehmen." Haltung ist allerdings nicht allein Sache des Rückens. "Die Aufrichtung funktioniert von den Füßen bis in die Haarspitzen."

Selbst herausfinden, was gut tut

Mit aktivem Stehen und weniger Sitzen ist's aber nicht getan, Sport muss sein: "Jeder sollte Zeit haben, drei Mal pro Woche eine halbe Stunde lang etwas für sich zu tun: Zwei Mal ein Dehn- und Kräftigungsprogramm, einmal Ausdauersport wie Walken oder Schwimmen. Dann gehen die Beschwerden auch weg." Wenn nicht, sollte man einen Arzt aufsuchen. Doch meist hilft auch Bewegung. Aber welches Programm ist am besten? Klassische Rückenschule, Kieser-Training, Autogenes Training, Pilates, Callanetics, Spiraldynamik? "Keiner kann das Rad neu erfinden. Der liebe Gott hat uns einen Bewegungsapparat gegeben. Der funktioniert immer auf die gleiche physiologische Art und Weise." Pauschal will Dittrich deshalb keine Empfehlung geben, im Prinzip muss jeder selbst herausfinden, was ihm gut tut und - zumindest ein bisschen - Spaß macht. Dehnübungen für Bauch, Leisten und Brustmuskulatur sollten enthalten sein, außerdem Stabilisationsübungen und Krafttraining, das die Muskeln definiert.

Dittrich warnt allerdings vor übertriebenem Körperkult. Er erzählt Beispiele aus seinen Praxen in Kulmbach und Bayreuth: "Ein junger Mann wollte den Mädchen gefallen, hat nur mit Fünf-Kilo-Hanteln den Bizeps trainiert." Als er zu Dittrich kam, konnte er den Ellenbogen nicht mehr strecken: Dysbalance durch einseitiges Training. Das kennt der Physiotherapeut auch von Frauen, die nur auf einen flachen Bauch hintrainieren. "Einmal hatte ich ein Mädchen, das im Discounter so'n Ding gekauft hat: Das musste sie immer mit den Knien zusammendrücken." Als sie zu ihm kam, humpelte sie. "Die Oberschenkel waren total verkrampft. Das alles gibt's, wenn man einseitig trainiert."


Jörg Dittrich empfiehlt einige einfache Übungen aus der Rückernschule:

Für Schultergürtel und Becken In der Rückenlage rechtes Bein anziehen, mit linker Hand über gestrecktes linkes Bein in Richtung Boden ziehen, rechten Arm zur Seite strecken.

Dehnung des Hüftmuskels In der Seitenlage beide Knie leicht beugen, dann Ferse des oberen Beins Richtung Po ziehen und Knie nach hinten bewegen. Kein Hohlkreuz!

Dehnung der vorderen Rumpfmuskeln In der Bauchlage mit gestreckten Beinen die Unterarme am Boden aufstützen, dann die Wirbelsäule aufrichten.

Kräftigung der seitlichen Rumpf stabili satoren Seitenlage, auf Ellenbogen (unterhalb der Schulter) aufstützen, Hüfte anheben, bis Rumpf und Beine eine Linie bilden.

Rotationsmobilisation der Brustwirbelsäule Im Vierfüßlerstand einen Arm unterm Körper durchführen, Oberkörper mitdrehen.