Anna hängt kopfüber. Konzentriert sucht sie nach einem Felsvorsprung, an dem sie sich festhalten kann. Maximale Körperspannung ist jetzt gefragt. Das Gesicht verzieht sie vor Anstrengung. Plötzlich rutscht ihr linker Fuß ab und sie baumelt mit nur einer Hand gehalten in der Luft. Dann lässt sie sich fallen. - Was nach einem dramatischen Kletterunfall in den Alpen klingt, ist gar nicht so spektakulär. Denn Anna ist auf einer Matte weich gelandet und der Sturz ging nur wenige Meter tief.



Gemeinsam mit ihren Freunden ist sie mal wieder irgendwo in der Fränkischen Schweiz unterwegs, um zu bouldern - also Klettern ohne Sicherung an niedrigen Felsen. Ein Sport, der erst in 1990-er Jahren richtig populär wurde.

Kraft und Technik gefragt
Im Gegensatz zum Klettern besteht ein Boulder teilweise nur aus wenigen Zügen und meist an Felsen, die nicht höher als fünf Meter sind. "Bouldern bedeutet sehr große Anstrengungen in wenigen Zügen. Klettern geht mehr auf Ausdauer. Bouldern ist eine Mischung aus Kraft und Technik", erklärt Anna.

In vielen Städten gibt es Boulder-Hallen, an denen man den Sport richtig trainieren kann. Doch Anna ist lieber im Freien: "Man ist mitten in der Natur und die Felsen geben mir einfach mehr als die Plastikgriffe in der Halle".
Um einen passenden Ort für den Sport zu finden, muss man manchmal richtige Strapazen auf sich nehmen. "Manche Felsen muss man erst richtig suchen, wenn sie irgendwo im Wald versteckt liegen", beschreibt sie die Suche nach Zielen, die meist andere Boulder-Freunde bereits erobert haben.

Bouldern in Gaustadt
Über den Klettersport hat Anna vom Bouldern erfahren und sofort war sie begeistert. Für Leute mit Höhenangst oder die alleine klettern wollen, sei Bouldern genau richtig. In Bamberg betreiben viele Studenten den Sport, da sie den Boulderraum in Gaustadt einfacher erreichen können als die Kletterhalle in Forchheim. Der Raum wird vom Deutschen Alpenverein (DAV) betrieben und kann von seinen Mitglieder für eine Gebühr genutzt werden.

Der 23-jährige Peter hat Anna zum Bouldern gebracht. Jetzt steigt er den Felsen hinauf. Im Voraus hat er die Gegebenheiten genau analysiert. Welcher Vorsprung gibt genügend Halt? Wie greife ich am besten? "Bouldern ist eben sehr gemeinschaftlich, man bespricht viel die Routen und gibt sich Tipps", sagt Anna, während sie das sogenannte "Crashpad", eine Matte, so platziert, dass Peter im Falle eines Sturzes darauf landen würde.

Viele Versuche nötigt
Das ist aber nicht die einzige Maßnahme, um den Sport sicherer zu machen: Mit ausgestreckten Armen folgt sie Peters Bewegungen. Falls er fällt, kann sie seinen Sturz so lenken, dass er möglichst mit den Füßen aufkommt. Das System nennt man auch "Spotten".

"Auf geht's, du schaffst das!", motiviert Anna. Bouldern ist nämlich kein einfacher Sport. Oft braucht man viele Versuche, um den Boulder endlich zu schaffen. "Wenn's nicht klappt, motiviert mich das eigentlich erst recht. Das meiste geht nämlich schon, man muss nur wissen wie", erklärt Anna und ergänzt, dass ein gewisser Ehrgeiz wichtig sei. Natürlich ist eine gute Körperbeherrschung ebenfalls entscheidend. Denn der Körper wird schließlich sehr umfassend beansprucht: "Mal habe ich Muskelkater in den Armen, mal in den Beinen oder den Schultern", erzählt Anna.

Gemeinschaftsgefühl zählt
Nach einigen Versuchen gönnt sich die Gruppe eine Pause. Denn die Gemeinschaft ist bei Boulderern wichtig. So hat Anna schon viele Leute durch den Sport kennen gelernt und verbringt einen großen Teil ihrer Freizeit in der Gruppe. Außerdem kann man das Bouldern auch gut mit Reisen in andere Länder verbinden. Anna und Peter haben im letzten Jahr das bekannte Bouldergebiet in Fontainbleau, Frankreich, bestiegen.

Aber ist die Verletzungsgefahr nicht sehr hoch? "Problematisch kann es werden, wenn man die Matte verfehlt oder ein Stück Fels unerwartet herausbricht", so beschreibt Anna die Risiken. Außerdem seien Sehnenrisse und Bänderdehnungen keine Seltenheit.

Doch für Anna zählt der Spaß und der Ausgleich vom Alltag: "Man kriegt dabei richtig den Kopf frei".