Feierabend bei Familie Kohlmann. Man sitzt draußen. Eva, zehn, zieht sich gerade die Inliner an. Janis, elf, will auch noch ein paar Runden drehen. Linksrum, rechtsrum, geradeaus. Sein Elektro-Rolli surrt leise die Einfahrt rauf und runter.

Janis ist richtig gut gelaunt. Am Balkon des schmucken Einfamilienhauses in Großbuchfeld, einem kleinen Ort im Landkreis Bamberg, hängt die riesige Bayern-München-Fahne. Und das nicht erst seit dem Triumph gegen Barcelona im Champions-League-Halbfinale. "4:0!", sagt Janis. Fast scheint es so, als würde die nachhaltige Begeisterung über den furiosen Sieg seinen schmalen Körper aus dem Rollstuhl heben. "Thomas Müller zwei, Mario Gomez eins und Arjen Robben eins", zählt Janis die Torschützen auf.

Sein Vater winkt ab. Janis kennt sich eben aus. Janis, das weiß in Großbuchfeld jeder, ist der größte Bayern-München-Fan im Ort. Im Ort? Ach was, "wahrscheinlich auf der ganzen Welt", sagt seine Mutter, die mal wieder das frisch gewaschene Bayern-Trikot ihrem Sohn über den Kopf ziehen musste. Die Flagge ist demnach ein Dauerzustand am Hause Kohlmann. Genauso wie die Begeisterung für den FCB

Wann immer es geht, ist der Elfjährige live dabei. Mittendrin eben. Entweder, wenn seine Eltern Michael und Karin Kohlmann eine Karte für einen Rollstuhlfahrer-Platz in der Allianz-Arena ergattern konnten, oder - wie bei den Champions-League-Spielen - bei Live-Übertragungen im Sportheim des TSV Hirschaid. "Wir sind natürlich auch alle Mitglied beim Bayern-München-Fanclub in Hirschaid", sagt Janis' Mutter. "Echte Freunde" heißt der. Und der Name, so sagt Karin Kohlmann, sei Programm. Janis fährt regelmäßig im Fanbus zu Spielen mit.

Vom Fußballfieber infiziert

Dabei hatten die Kohlmanns mit Fußball bis vor einigen Jahren noch nichts am Hut. Sie wurden infiziert von der Leidenschaft ihres Sohnes, der beileibe nicht nur für Fußball schwärmt. "Wir haben auch eine Dauerkarte bei den Brose Baskets", sagt Janis' Mutter. War da ein kleiner Seufzer zu hören? "Nein, nein!", wehrt sie ab. "Das macht Janis und uns so viel Freude", sagt sie. "Der dirkte Kontakt zu den Spielern ist gerade bei den Brose Baskets toll!"

Janis hat seit seiner Geburt eine Tetraspastik. Das heißt: Er ist in seiner Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt. Der Elfjährige sitzt entweder im Rollstuhl, den er mit der rechten Hand dank eines Doppelreifens in Bewegung setzen kann, oder im Elektro-Rolli. Die linke Hand, aber auch die Atmung und das Sprechen sind durch die erhöhte Eigenspannung der Muskeln in Mitleidenschaft gezogen. Janis ist bei fast allen Dingen des täglichen Lebens auf Hilfe angewiesen: beim Aufstehen, beim Anziehen, beim Waschen, beim Essen, beim Toilettengang. Seine Eltern setzen ihn in den Rollstuhl und heben ihn heraus. Viele Male am Tag.

"Wir machen Ausdauertraining", erzählt seine Mutter, "damit wir das alles schaffen. Aber man will nicht jammern." Das sagt sie, obwohl ihr Mann vergangenes Jahr selbst schwer erkrankte. Inzwischen gehe es ihm aber wieder gut.

Janis fährt jeden Tag um 6.45 Uhr mit einem Bus nach Coburg. Dort befindet sich die einzige Schule für Körperbehinderte in Oberfranken. Am späten Nachmittag ist Janis vom Förderzentrum "Am Hofgarten" wieder zu Hause. Und wird dort schon sehnlichst von seiner Schwester erwartet. "Ich bin strikt dagegen, dass Janis ins Internat geht", sagt die Zehnjährige. Mutter Karin schüttelt den Kopf. Das käme für ihren Mann und sie gegenwärtig auch nicht in Frage. "Obwohl wir manchmal schon an unsere Grenzen kommen." An die eigenen Grenzen kommen - und sie akzeptieren. Das muss auch Janis. Wenn Janis' Schwester mit ihrem Vater zum Skifahren geht, bleibt der Elfjährige mit seiner Mutter zu Hause. "Das finde ich schon manchmal etwas traurig", sagt Eva. "Aber ich bringe ihm jedes mal etwas mit. Das letzte Mal einen Glitzerstein vom höchsten Berg Österreichs und eine kleine Kuhglocke."

Janis nimmt das alles gelassen. Auch die erzwungene Zuschauerrolle beim Sport. "Wir hätten momentan auch gar nicht die Zeit für einen Sportverein", sagt Karin Kohlmann. Janis geht regelmäßig zum therapeutischen Reiten, ab und an zum Schwimmen - und dann seien ja auch noch die vielen Spiele, bei denen er als Fan mit dabei ist, gibt Karin Kohlmann zu bedenken. "Allerdings kenne ich Familien, die für ihre Kinder mit geistiger oder körperlicher Einschränkung auf der Suche sind", sagt sie. Sie berichtet von einem Fall aus ihrem Bekanntenkreis. "Das Kind hat Trisomie-21 und spielt leidenschaftlich Fußball. Die Eltern haben keinen Verein in ihrer Gegend gefunden, der das Kind aufnimmt. So viel zum Thema Inklusion."

Karin und Michael Kohlmann tun ihr Möglichstes, damit Janis nicht allzu viel vermisst. Erst vor einem Jahr haben sich die Kohlmanns ein spezielles Tandem-Fahrrad angeschafft. Janis sitzt vorne, fest angeschnallt und kann - je nachdem wie das Rad eingestellt ist - sogar mittreten. "Das Fahrrad mussten wir natürlich selbst zahlen", sagt Janis' Mutter. Und weiter: "Wir sind Gott sei Dank in der Lage, dass wir uns so etwas leisten können."

Basketball spielen mit Papa

Doch nicht jeder Spaß muss unbedingt gleich viel Geld kosten: Michael Kohlmann holt den Basketball aus dem Haus, einen angemalten orangefarbenen Softball, mit dem er fast jeden Abend nach der Arbeit mit seinem Sohn ein paar Körbe wirft. "Da hat mein Vater noch nie gegen mich gewonnen", sagt Janis und demonstriert gleich einmal, was eine gute Defense aus dem Rollstuhl ist. Er reckt die Arme in die Höhe und wehrt die Bälle ab, die Richtung Korb kommen. "Ich würde schon gerne einmal in einer Rollstuhl-Basketballmannschaft spielen", sagt er. "Aber dafür muss meine linke Hand noch besser werden."

Derzeit trainiert Janis mit seiner Klasse für die Bundesjugendspiele. "50 Meter Sprint im Rollstuhl, Slalom - und Parcoursfahren", zählt er die Disziplinen auf. So richtig begeistert scheint er davon nicht zu sein.

Und ehrlich wie Janis ist, sagt er, was ihm momentan wichtiger ist als Punkte bei den Bundesjugendspielen. Ein Datum, ein Spiel, ein möglicher Sieg: 25. Mai, Champions-League-Finale in London. An diesem Tag wird er mit seiner Famlie zwar im Urlaub sein. Aber das Bayern-Trikot, das steht jetzt schon fest, muss mit. "Irgendwo wird das Finale schon übertragen werden", sagt Janis. Und wenn "seine Bayern" gewinnen, gibt es bei der Rückkehr ein Mega-FCB-Gartenfest. Und die Fahne am Hause Kohlmann - die wird dann wohl nie mehr abgehängt.