"Du fette Sau", das musste sich Johannes Hertl als Kind oft anhören. Als Fünfjähriger war er stark gebaut und hat für sein Leben gern Fußball in Thüngfeld (Kreis Bamberg) gespielt. "Aber ich saß eigentlich nur auf der Ersatzbank." Und die Kameraden haben ihn gehänselt, immer und immer wieder. "In der vierten oder fünften Klasse habe ich schon über 100 Kilo gewogen", erinnert sich der heute 25-Jährige. Damals riet der Hausarzt zum Abnehmen unter professioneller Anleitung. Die Eltern sagten hoffnungsvoll zu und brachten ihren Sohn für sechs Wochen in eine Klinik. Dort stellte Johannes seine Ernährung um, bewegte sich viel und hielt sich an die vorgegebene Diät. Gut 15 Kilo nahm er ab. "Dann kam der Jojo-Effekt."

Als Johannes 2005 seine Ausbildung begann, wog er 114 Kilo. Bei seiner Größe, 1,82 Meter, entspricht das einem Body-Mass-Index von über 34. In der Kantine futterte der 17-Jährige gleich zwei Schnitzel, und wenn's dann in die Lehrwerkstatt im vierten Stock ging, "hab' ich geschnauft wie ein Hund". Die anderen Azubis lästerten: "Du sprengst die Latzhose." Johannes, der sein ganzes Leben solche Sprüche ertragen musste, fühlte sich immer unwohler. "Ich war immer der Dicke, aber da dachte ich, dass es so nicht weitergehen kann." Und das tat es auch nicht: Seit acht Jahren nennen die Freunde Johannes Hertl "Schmalspur".

Noch im ersten Lehrjahr nahm er knapp 30 Kilo ab. Geschafft hat er es vor allem durch eisernen Willen. "Ich habe natürlich gewusst, dass es besser ist, Obst als Schokolade zu essen - aber wirklich Ahnung hatte ich damals nicht. Mit der Zeit lernt man, liest, wird schlauer." Aber als 17-Jähriger probierte er einfach, was ihm logisch erschien: Erst einmal Fett und Zucker weglassen. Keine gesüßten Getränke, nur noch Wasser. "Ich habe wenig Kohlenhydrate gegessen. Und ich holte das Hometrainer-Fahrrad meiner Mutter vom Dachboden in mein Zimmer." Er trainierte täglich zwei Stunden - das ging, weil er fünf Wochen am Stück Urlaub hatte. "Danach waren 18 Kilo weg."

Ein dreiviertel Jahr, nachdem die Betriebsärztin in der Erstuntersuchung 114 Kilo protokolliert hatte, schrieb sie in die Spalte der zweiten Untersuchung 91 Kilo. Bei der dritten waren es nur noch 85 Kilo. Johannes hatte in wenigen Monaten ein normales Gewicht erreicht. Alle fragten: "Wie hast du das geschafft?" Ohne Sport wäre es nicht gegangen, erklärt der 25-Jährige. Auch nach der vierwöchigen Radikalkur plagte er sich allabendlich auf dem Hometrainer. "30 km/h musste das Display schon anzeigen. Ich bin gesprintet wie nix! Ich habe geschwitzt wie nix! Aber es war gut: Ich bin unter die Dusche und dann gleich ins Bett. Und ich habe richtig gut geschlafen."

Der Vater brachte 140 Kilo auf die Waage

Seitdem ist Johannes Hertl "fast nur noch ein Strich in der Landschaft" - so formuliert es sein Vater Bernd (49). Er erzählt, "ich war als Kind auch eher dick und habe in der Pubertät Gewicht verloren." Bis zum Studium habe er 90 Kilo gewogen, aber anschließend in seinem Job als Programmierer stetig zugenommen - und irgendwann 140 Kilo auf die Waage gebracht. "Ich habe viele Nächte durchgearbeitet", erinnert sich Bernd Hertl. "Da lässt Du Dir spätnachts noch eine Pizza kommen oder trinkst Kaffee mit viel Zucker." Weil er bundesweit IT-Projekte betreute, saß er viel im Auto oder im Flugzeug, Bewegung gleich Null. Gift für den Diabetiker Bernd Hertl, der sich aktuell von einer Bandscheibenoperation erholt. "Meine Gesundheit hat sehr darunter gelitten," sagt er. 2003 war er bei seinem Spitzengewicht angelangt, in den fünf Jahren danach hat er gut 30 Kilo abgenommen. Er ist inzwischen aus der IT-Branche ausgestiegen und hat eine Lehre als Winzer gemacht.

Außerdem hilft er ebenso wie seine Frau Vroni und die Söhne Johannes und Daniel in der Brauerei des dritten Sohnes David mit: Der 22-jährige Braumeister gründete im Dezember 2012 seine "Braumanufaktur Hertl" im heimatlichen Thüngfeld bei Schlüsselfeld im Steigerwald und produziert außer Roggenbock, India Pale Ale und dunklem Doppelbock auch einen Whisky-Bock. Viel Arbeit - im Büro, an der Schrotmühle, beim Treber ausfahren, den Brauereiführungen und Brauseminaren. David Hertl ist immer in Bewegung - er hat keine Gewichtsprobleme. Und auch Vater Bernd hält die Arbeit in Brauerei und Weinberg auf Trab. Fünf Kilo will er noch runterkriegen. "Das schaffe ich auch", sagt er und verrät seine Diätgeheimnisse, die sehr an die von Johannes Hertl erinnern: "Bewegung und Ernährungsumstellung." Bernd Hertl fährt viel Rad, joggt, geht Schwimmen. Und in die Sauna. "Das ist jedes Mal ein Erfolgserlebnis, wenn Du hinterher ein Kilo weniger wiegst." Das war nur der Flüssigkeitsverlust, klar, aber auf der Waage sieht es trotzdem gut aus.

Auch fürs Essen fährt Vater Hertl eine Strategie, an die sich mittlerweile fast die ganze Familie hält. "Viel Salat und Gemüse vor dem Essen, dann die Hauptspeise und vom Nachtisch nicht zu viel." An dieser Stelle muss Bernd Hertl lachen - seine Familie schnabuliert allzu gern Schokolade. "Ich habe früher locker drei Tafeln in drei Minuten reingedrückt", sagt er. Aber heute genießt man die Schoki nur noch stückchenweise und nur die mit hohem Kakaogehalt.

Johannes, immer noch rank und schlank, ist Elektroniker und macht gerade seine Meisterausbildung. "Er hält sich an seine gesunden Essgewohnheiten", sagt sein Vater. Und er treibt viel Sport, sechs bis acht Stunden pro Woche. Johannes Hertl geht ins Fitnessstudio - und er fährt Motocross. Bei nationalen Wettbewerben landet er immer unter den ersten Zehn, berichtet sein Vater stolz.


Zahlen und Fakten

15 Prozent der 3- bis 17-Jährigen in Deutschland sind zufolge der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) übergewichtig, gut 6 Prozent von ihnen leiden an Adipositas. Das heißt, der Körperfettanteil an der Gesamtkörpermasse ist gesundheitsgefährdend erhöht. Das Robert-Koch-Institut hat in der Kindergesundheitsstudie "KiGGS" ermittelt, dass mit zunehmendem Alter mehr Kinder betroffen sind: Bei den 3- bis 6-Jährigen sind 9 Prozent zu dick (3 Prozent davon adipös), von den 7- bis 10-Jährigen sind 15 Prozent übergewichtig (6,4 Prozent adipös) und von den 14- bis 17-Jährigen sind 17 Prozent übergewichtig (8,5 Prozent adipös).

Die Häufigkeit von Adipositas bei 14- bis 17-Jährigen aus sozial benachteiligten Familien ist zufolge der KiGGS-Studie drei Mal so hoch wie bei Jugendlichen aus Familien mit hohem Sozialstatus. Demzufolge sind Kinder mit Migrationshintergrund besonders häufig betroffen - allerdings trifft das nicht auf alle Migrantengruppen gleichermaßen zu. Am häufigsten sind Mädchen und Jungen aus der Türkei, Mädchen aus Mittel- und Südeuropa sowie Jungen aus Polen übergewichtig. Im Jugendalter scheint der Migrationshintergrund an Einfluss zu verlieren.

Jeder zweite Erwachsene in Deutschland hat nach den Ergebnissen des Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes einen Body-Mass-Index (BMI) über 25 und gilt damit als übergewichtig. Und so wird der BMI einfach berechnet: Gewicht in Kilogramm geteilt durch Größe in Meter mal Größe in Meter. Genauere Berechnungen beziehen das Geschlecht ein.

Folgen: Übergewicht kann jeder sehen - aber es ist viel mehr als ein rein ästhetisches Problem. Dicke Kinder leiden unter Psychostress, später unter sozialen Problemen beispielsweise bei der Berufs- und Partnerwahl. Die körperlichen Folgen sind vielfältig: Der Haltungs- und Bewegungsapparat wird überlastet, so dass schon früh Schäden an Gelenken auftreten können. Langfristig drohen Herz- und Kreislauferkrankungen, Bluthochdruck und Diabetes. Als besonders kritisch wird die rapide Zunahme des Diabetes vom Typ-2 bei Jugendlichen gesehen. Außerdem haben immer mehr Kinder wegen Übergewicht motorische Defizite und Koordinationsstörungen.

Hilfe: Ob ein Kind zu dick ist, sollte am besten von einem Arzt beurteilt werden. Als Gegenmaßnahme kann langfristig nur ein Konzept Erfolg haben, das neben ausgewogener Ernährung auch eine Sport- und Bewegungstherapie sowie eine Verhaltenstherapie beinhaltet. Anregungen dazu geben z.B. die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter.