Es ist eine Tortour für den Körper und auch für den Geist: Zu Fuß 246 Kilometer durch Griechenland von Athen nach Sparta in höchstens 36 Stunden - der 55-jährige Zeiler Extremsportler Hubert Karl hat den Spartathlon schon 16 Mal geschafft, so oft wie kein anderer vor ihm. Qualvolle Schinderei? Nein, sagt Karl, das alles sei eine Herausforderung, die auch Spaß macht. Ein Gespräch mit einem Extremsportler über Motivation, Bewegung und Gesundheit.

Herr Karl, Sie haben bereits über 120 Ultra-Läufe absolviert, also alles was über die Marathon-Distanz von 42 Kilometern hinausgeht. Beschreiben Sie doch mal eine solche Strecke, die einem viel abverlangt, mit wenigen Worten.
Hubert Karl: Es ist eine Genussherausforderung.

Dass es eine Herausforderung ist, ist nachvollziehbar, aber was ist daran Genuss?
Der Genuss besteht darin, dass man bei einem solchen Lauf in andere Sphären vordringen kann. Da lernt man seinen Körper erst richtig kennen. Und ich denke, es ist auch ganz wichtig, dass man über gewisse Grenzen immer mal wieder hinausgeht. Genuss ist für mich auch, neue Laufstrecken, Land und Leute kennen zu lernen, und das Erreichen bestimmter Leistungen.

Sie sind beim Spartathlon von Athen nach Sparta 246 Kilometer am Stück gelaufen. Ein Marathon ist für Sie quasi eine Kurzstrecke?
Das denkt immer jeder. Der Weltkulturerbelauf in Bamberg (21,1 Kilometer, die Red.), da habe ich heuer zum ersten Mal mitgemacht, war für mich auch eine Herausforderung. Da laufe ich ein schnelles Tempo und gehe auch an meine Grenzen. Man schüttelt das nicht so einfach aus den Ärmeln.

Der Laufsport ist jetzt ihr Beruf: Sie helfen Anderen dabei, sich sportlich zu entwickeln, erstellen Trainingspläne und führen sie an bestimmte Ziele heran. Könnten Sie einen Neuling zum Marathon-Läufer machen?
Da bin ich gerade dabei. Eine Frau aus dem Landkreis hat als Laufeinsteigerin das große Ziel Marathon und fragte, ob das möglich wäre. Sie ist für den Berlin-Marathon im September gemeldet. Wir versuchen es auf jeden Fall. Schritt für Schritt, jeden Monat eine gewisse Steigerung, damit sie auch nicht überfordert ist. Ich denke, dass sie dieses Ziel bei einem vernünftigen Aufbau erreichen kann.

In diesem Fall müssen Sie in Sachen Motivation ja kaum mehr nachhelfen. Was tun Sie, wenn Sie zum Beispiel eine Schulklasse betreuen, in denen einige Kinder mit Sport im Grunde genommen nichts zu tun haben wollen?
Dies ist in der heutigen "Sitzgesellschaft", die von Geräten wie Computer, Gameboy, X-Box und so weiter beherrscht wird, ein schwieriges Unterfangen. Im April hatte ich an den Grundschulklassen in Zeil und Sand den Auftrag, die Schüler auf das Sportfest vorzubereiten, wo sie die 800 Meter laufen müssen. 50 Meter sprinten, das kann fast jeder. Aber 800 Meter durchzuhalten, da fängt es schon an. Sich da die Kräfte richtig einzuteilen, ist wichtig.

Kann man so jemanden trotzdem zum Laufsport bringen?
Ja. Oft fehlt es aber an Angeboten. Wichtig ist, die Eltern mit einzubeziehen. Anfangs geht es auch mehr um Bewegung, als um Ausdauerlaufen selbst. Und das Bewusstsein, dass man sich und seinem Körper damit Gutes tut, das muss da sein. Das sind in erster Linie die Voraussetzungen, auf die man später aufbauen kann. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass das Bequeme auf Dauer ungesund ist.

Wenn jemand aus einer anderen Sportart zu Ihnen kommt, sagen wir Fußball, und verlangt: "Machen Sie mich bitte fit für die Saison." - Können Sie das leisten?
Ja klar, mein Laufen besteht ja nicht nur aus Laufschuhe anziehen und loslaufen, ich arbeite ja an allem, was dazugehört. Balance, Kraft, Muskelaufbau, Beweglichkeit der Sprunggelenke, das sind auch Voraussetzungen, die ein Fußballer braucht. Und je nach Sportart kann man dann den Fokus auf bestimmte Fähigkeiten legen, beim Fußballer etwa kurze Sprintausdauer und die Beweglichkeit. Die Kondition ist schnell aufgebaut, aber wichtig ist, dass er seine Grundschnelligkeit nicht verliert, also darf man nicht so viel im langen Ausdauerbereich machen. Da geht es eher um kurze intensive Einheiten, mit Steigungen etwa oder mit Gewichten.

Wie wichtig ist für einen Sportler der Punkt Ernährung?
Für mich ein ganz wichtiger Aspekt! Ich denke da langfristig, denn es geht darum, mit Hilfe der Ernährung seine Gesundheit so lange wie möglich zu bewahren. Meine Grundeinstellung hier ist, sich auf möglichst natürliche Art und Weise zu ernähren, also ohne Konservierungsstoffe etwa. Ich versuche auch, alles, was an synthetischen Stoffen in der Nahrung ist, zu meiden. Ich benutze auch keine Nahrungsergänzungsmittel. Dass es im Hochleistungssport auch ohne geht, beweise ich seit Jahren der Konkurrenz. Magnesium und Kalzium zum Beispiel hole ich mir mit einfachen Mitteln: übers Mineralwasser. Wobei es hier so viele Unterschiede gibt, da muss man beim Kauf schon drauf achten. Aber die Werte sind ja angegeben. Das Wasser, das ich für mich entdeckt habe, kommt aus dem Steigerwald und mit zwei Flaschen kann ich nahezu meinen Grundbedarf an Magnesium decken. Bei Sportlern ist Wasser allein aber oft nicht ausreichend. Man sollte dafür sorgen, dass der Körper auch genügend Kalium zur Verfügung hat. Das funktioniert dann hervorragend über die Saftschorle.

Wenn man wie Sie, alle Ihre Läufe zusammengerechnet, bereits über 145.000 Kilometer gelaufen ist und den Körper immer wieder an seine Grenze geführt hat, warum sagt man dann nicht: Ok, das habe ich geschafft, nun ist aber gut?
Ich setze mir halt immer wieder neue Ziele, weil mir das Laufen einfach total Spaß macht. Und als ich mich im Marathon, was Bestzeiten betrifft, nicht mehr weiterentwickelt habe, da altersbedingt die Grundschnelligkeit abfiel, suchte ich eine neue Herausforderung im Ultralauf und wagte einen 100-Kilometer-Lauf. Das klappte gut, ich wurde gleich bayerischer Vizemeister, danach kam ein 24-Stunden-Lauf, und ich habe mich relativ schnell an die nächste Distanz gewagt. Und wenn man irgendwann in diesem Bereich ist, kommt man um den Spartathlon, eines der härtesten Nonstop-Rennen, nicht herum. Das war dann das Ziel. Das erste Mal habe ich es dann geschafft, mit Ach und Krach. Mittlerweile hat sich das dann so verändert, dass ich in der Welt führend bin mit 16 Mal Finishen.

Klingt ganz so, als würde es bei Ihnen im wahrsten Sinne des Wortes perfekt laufen.
Das kann man so nicht ganz sagen. Mir ist es zum Beispiel 1984 und 1985 passiert, dass ich zweimal hintereinander beim Berlin-Marathon eingebrochen bin. Das waren meine Lehrjahre. Unter drei Stunden wollte ich damals laufen und war auch für diesen Bereich trainiert. Aber ich bin den Lauf viel zu schnell angegangen und habe während des Rennens Warnungen in den Wind geschlagen, ich hätte ein zu hohes Tempo. Ich fühlte mich top. Es war mein dritter Marathon und ich hatte zuvor die Zeit 3:01 Stunden geschafft, da dachte ich: beim nächsten Mal, locker! Ja nix war's. Da bin ich halt durchgereicht worden, habe nach 33 Kilometern nur noch Gehpausen gemacht und wollte am liebsten raus, habe mich aber trotzdem durchgequält. Mein Körper war absolut übersäuert. Nach diesen Erlebnissen habe ich mein Laufen analysiert und meine Lehren daraus gezogen. Seitdem läuft's...