Berlin
Armut in Deutschland

Trotz Vollzeitjob unter Hartz IV-Niveau: So viel Mindestlohn wäre für Existenzminimum nötig

Alleinerziehende, die Vollzeit arbeiten und den Mindestlohn beziehen, haben in der Regel ein Einkommen unter dem Hartz-IV-Regelsatzes. Laut einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion müsste der Mindestlohn deutschlandweit deutlich höher sein.
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Kindern von Alleinerziehenden droht deutlich häufiger Armut als ihren Altersgenossen in Paarfamilien.  Marcel Kusch, dpa
Kindern von Alleinerziehenden droht deutlich häufiger Armut als ihren Altersgenossen in Paarfamilien. Marcel Kusch, dpa

Wer als Alleinerziehender in Vollzeit arbeitet und dabei den Mindestlohn bezieht, erzielt in aller Regel ein Einkommen unterhalb des Hartz-IV-Regelsatzes. In allen Regionen Deutschland müsste der Mindestlohn deutlich höher sein, damit das gesetzliche Existenzminimum erreicht wird. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion hervor.

Mindestlohn reicht für Alleinerziehende nicht zum Leben

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Susanne Ferschl hatte nachgefragt, wie hoch in den einzelnen Landkreisen und kreisfreien Städten Deutschlands der Mindestlohn sein müsste, damit ein Alleinerziehender mit einem Vollzeitjob Einkünfte über dem gesetzlichen Hartz-IV-Anspruch erzielt. Ergebnis: In keiner Region genügt der derzeitige Mindestlohn von 8,84 Euro pro Stunde dafür.

Ferschl kritisiert: "Der Mindestlohn ist zu niedrig. Für Alleinerziehende reicht er in ganz Deutschland nicht. Er sichert nicht mal den Bedarf, der offiziell zugestanden wird." Eine Vollzeitstelle zum derzeitigen Mindestlohn von 8,84 Euro pro Stunde bringt nach Angaben der Bundesregierung bei einer durchschnittlichen tariflichen Wochenarbeitszeit von 37,7 Stunden einen Bruttoverdienst von 1338,62 Euro im Monat.

Um nicht mehr auf staatliche Transferleistungen angewiesen zu sein, so heißt es in der Antwort auf die Linken-Anfrage, dürfte ein Mindestlohnempfänger mit einem Kind unter sechs Jahren nicht mehr als 336 Euro für Miete und Nebenkosten ausgeben. Was vielerorts kaum möglich scheint. Wer Hartz-IV-Leistungen bezieht, dem stehen in einer Alleinerziehenden-Bedarfsgemeinschaft im Bundesdurchschnitt 538 Euro im Monat für Unterkunft und Heizung zu. Mehr als 90 Prozent der Bedarfsgemeinschaften haben höhere Wohnkosten als 336 Euro.

Mindestlohn müsste bei knapp elf Euro liegen

Ein bedarfsdeckendes Stundenentgelt müsste im Schnitt laut Ferschl bei knapp elf Euro liegen. In mehr als der Hälfte der 401 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland müsste der Mindestlohn über zehn Euro liegen. In 20 Städten und Kreisen wären sogar über zwölf Euro Mindestlohn nötig. Im bundesweiten Vergleich unterscheiden sich die anerkannten Kosten für die Unterkunft erheblich.

In Hamburg etwa würden der Bedarfsgemeinschaft eines Alleinerziehenden 689 Euro zustehen, folglich wäre dort ein Mindestlohn von 12,55 Euro nötig. In Berlin müsste der Mindestlohn 11,61 Euro betragen, in Hessen 11,47 Euro. Nordrhein-Westfalen und Bayern folgen mit je 11,09 Euro. Dass der Mindestlohn 2019 auf 9,19 Euro und 2020 auf 9,35 Euro steigt, wird nach Darstellung der Linksfraktion daran kaum etwas ändern.

Von unserem Korrespondenten Bernhard Junginger

Schon Ende Oktober hatte Finanzminister Scholz eine Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro gefordert.