Klar ist: Es hätte gar nicht so weit kommen dürfen. Thomas Kemmerich und die Thüringer FDP haben sich auf ein Abenteuer eingelassen, dessen Ausgang absehbar war. Es war bekannt, was passieren würde: Die Thüringer AfD im Landtag würde im dritten Wahlgang für den FDP-Kandidaten stimmen. Klarsichtigen Beobachtern war das bewusst. Eben vor diesem Fall hatte auch die Bundes-CDU vor der Wahl gewarnt - das sagte CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer am Mittwochabend im ZDF.

Wer jetzt behauptet, dass keiner mit dem Ausgang - ein FDP-Ministerpräsident gewählt mit den Stimmen der Rechtsradikalen - hätte rechnen können, ist entweder naiv oder lügt. Dem eigenen Streben nach Macht wurden alle Regeln von Anstand und demokratischer Verantwortung geopfert.

FDP regiert mit Stimmen der Höcke-AfD - was nun?

Was jetzt zu tun wäre? Die FDP sollte sich in Thüringen an genau jenen Spruch halten, den 2017 Christian Lindner nach dem Platzen der Jamaika-Verhandlungen geprägt hat: "Lieber gar nicht regieren als schlecht regieren." Was damals eine fadenscheinige Ausrede für feiges Davonrennen aus einer eigentlich aussichtsreichen Verhandlung war, ist jetzt die einzig verbleibende Alternative.

Da hilft auch kein Verweis auf Wahlumfragen - das steht gar nicht zur Debatte. Es darf schlicht nicht sein, dass sich Demokraten in irgendeinem Parlament in Deutschland, vom Stadtrat bis zum Bundestag, auf die Stimmen der AfD stützen. Einer Partei, die in Teilen offen antidemokratisch ist und bekennende Antisemiten und Faschisten in ihren Reihen duldet. Die Aussage, es werde keine Zusammenarbeit mit der AfD geben, ist schlicht falsch, diese hat es mit der Wahl bereits gegeben. Dieser Zug ist abgefahren.

Was Kemmerich zuerst umtrieb, war die Lust auf die Macht und nun die Angst vor deren Verlust, denn Neuwahlen würden nicht nur bedeuten, dass die FDP ihren einzigen Ministerpräsidenten sehr wahrscheinlich wieder verliert, sondern auch, dass die Partei wohl gar nicht mehr in den Landtag kommen würde. Auch die Thüringer CDU zittert vor Neuwahlen, fürchtet doch auch sie sich vor den möglichen Verlusten.

Es geht weder zurück noch vorwärts

Also gibt es jetzt kein Zurück für Kemmerich und die Liberalen und die CDU - aber eben auch keine Perspektive für die Zukunft. Es ist absehbar, dass FDP und CDU bei jeder Abstimmung die Schuld auf Grüne und SPD schieben werden, doch sind diese Parteien nicht für die aktuelle Misere verantwortlich. Was bleibt, ist unsicheres Regieren und das Schielen auf die Stimmen der Höcke-AfD - dem wahren Sieger des Debakels.

Die AfD feiert die Wahl Kemmerichs unterdessen als "Revolution" und sonnt sich im Erfolg. Zu Recht, denn nicht weniger als ein Sieg der AfD war die Wahl Kemmerichs zum Ministerpräsidenten. Der Sieger heißt nicht Kemmerich, sondern Höcke.

Es kann jetzt nur einen Weg geben: Den Rücktritt von Thomas Kemmerich und Neuwahlen. Alles andere führt lediglich zu einer weiteren Normalisierung rechtsradikaler Tendenzen in deutschen Parlamenten. Wenn jetzt nicht die Notbremse gezogen wird, ist es nicht mehr weit bis zum ersten AfD-Minister auf Landesebene. Und dann will wieder keiner etwas gewusst haben.