Hallstadt

Luisa Neubauer: "Frau Merkel? Vielleicht eine Art Realitätsverlust?"

Luisa Neubauer ist das deutsche Gesicht der "Fridays for Future"-Bewegung. Die klimapolitische Verantwortung auf ihren Schultern nennt sie "unverhältnismäßig" hoch.
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Luisa Neubauer: Klimaschutzaktivistin und "Fridays for Future"-Führungsfrau . Foto: Christian Charisius/dpa
Luisa Neubauer: Klimaschutzaktivistin und "Fridays for Future"-Führungsfrau . Foto: Christian Charisius/dpa

Wer sich für den Klimawandel und den gesellschaftspolitischen Umgang mit ihm interessiert, kommt an Luisa Neubauer nicht vorbei. Zuletzt erregte die 23-Jährige Aufsehen mit ihrer Kritik an den Plänen von Siemens, die Signalanlage für eine neue Kohlemine in Australien beizusteuern. Siemens-Chef Joe Kaeser bot Neubauer daraufhin einen Sitz im Aufsichtsrat an, was diese allerdings ablehnte.

Am 16. Februar liest Luisa Neubauer beim Bamberger Literaturfestival im Hallstadter Kulturboden. Wenige Tage zuvor klappte nach zwei kurzfristig abgesagten Terminen endlich der dritte Versuch eines Telefoninterviews. Luisa Neubauer ist in diesen Tagen eine viel gefragte Frau. Was treibt Sie an: Wut, Angst, Verzweiflung?

Luisa Neubauer: Entrüstung wäre das bessere Wort. Entrüstung über eine zu lasche, der Herausforderung nicht angemessene Klimapolitik der deutschen Regierung. Eine sich zuspitzende Klimakrise wird die Freiheitsräume und Lebenschancen nachfolgender Generationen massiv einschränken.

Verklagen Sie deshalb auch die Bundesregierung vor dem Bundesverfassungsgericht?

Wir sehen uns in unseren Grundrechten verletzt. Ich will Entrüstung aber in etwas Positives umwandeln: Nichts muss so bleiben, wie es ist. Auch die Klimapolitik kann besser werden. Der Wandel durch das sich verändernde Klima wird brutal, wenn nicht gehandelt wird. Ich möchte diesen Wandel gestalten, nicht erdulden. Dafür müssen wir eben jetzt handeln. Und nicht irgendwann später, wenn es schon zu spät ist.

Einige fürchten bereits eine Ökodiktatur.

Das ist ein Kampfbegriff, der mit der Realität nichts zu tun hat. Deutschland ist sicher keine Ökodiktatur. Höchstens eine Autolobbydiktatur.

Echt jetzt? Nein, quatsch. Da habe ich natürlich nicht ernst gemeint.

Dennoch: Versündigt sich jeder, der sich einen SUV anschafft, an Ihrer Zukunft?

Ich fände es ziemlich banal, pauschal auf SUV-Fahrer einzuschlagen. Natürlich könnten wir jetzt symbolpolitisch über die Frage diskutieren, wie Reichtum in Deutschland inszeniert wird und warum Menschen glauben, sich einen SUV kaufen zu müssen. Aber das wäre wirklich nicht meine Priorität. Interessanter ist doch die Frage: Wie können in Deutschland immer noch Autos gebaut werden, die derart weit vom ökologisch Verantwortbaren entfernt sind? Der SUV ist weniger eine Frage des persönlichen Lebensstils als eine politische Herausforderung.

Machen Sie ihren Eltern den Vorwurf, falsch gelebt zu haben?

Es gibt kein nachhaltiges Leben in einer nicht-nachhaltigen Welt. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass meine Eltern und dazu die Mehrheit in ihrer Generation früher ökologisch gelebt hätten. Das haben sie nicht gemacht.

Für eine radikalere Klimapolitik fehlen demokratische Mehrheiten. Richtig?

Nein, das stimmt so nicht. Der Bundestag hat das Pariser Abkommen seinerzeit einstimmig verabschiedet. Das Bekenntnis zum Abkommen steht seither in den Koalitionsverträgen und in fast allen Parteiprogrammen. Es gibt damit grundsätzlich eine klare demokratische Mehrheit für das Pariser Abkommen und seine Ziele. Das muss jetzt umgesetzt und über die Wege gestritten werden. Genau das passiert viel zu zaghaft.

Könnte das damit zusammenhängen, dass Deutschland in den Worten des CDU-Politikers Ralph Brinkhaus ein Volk von "Nackensteak-Essern" ist?

Ach, das ist doch Unsinn. Über 80 Prozent der Deutschen befürworten den Ausbau der Windenergie. Die große Mehrheit der Deutschen befürwortet das Pariser Abkommen. Natürlich müssen Maßnahmen sich durch Sinnhaftigkeit, Wirksamkeit und Akzeptanz beweisen, aber das stellt ja auch niemand in Frage. Wo genau fehlt jetzt da der nötige Resonanzboden für eine ehrgeizige Klimapolitik?

Sind Sie von Frau Merkel enttäuscht? Immerhin lässt Sie sich ja gerne mit Ihnen fotografieren. Für das Protokoll: Ich habe noch nie ein Foto mit Frau Merkel gemacht. Das muss Greta Thunberg gewesen sein.

Ah, okay.

Viel wichtiger ist doch: Was hält Frau Merkel eigentlich davon ab, in der Klimapolitik klare Impulse zu setzen?

Was vermuten Sie denn?

Vielleicht eine Art Realitätsverlust. Möglicherweise kommt auch eine Art Ermüdung hinzu. Das würde ich sie alles gerne selbst fragen anstatt zu mutmaßen. Ich habe allerdings noch nie länger mit ihr gesprochen.

Es hat den Anschein, als adressierten Sie inzwischen weniger die Politik als Unternehmen. Ist dies der Einsicht geschuldet, dass von Politikern nichts mehr zu erwarten ist?

Wir lassen die Regierung überhaupt nicht aus der Verantwortung. Wir erwarten von ihr auch weiterhin den Maßstäben gerecht werden, die nicht wir setzen, sondern unabhängige Wissenschaftler. Andere Akteure sind in diesem Zusammenhang aber ebenso gefragt, und dazu zählen insbesondere Unternehmen und ihre CEOs, Versicherer, Finanzinvestoren.

Gestehen Sie Wirtschaftsführern zu, nicht nur das Klima im Blick haben zu können. Sondern auch Aktienkurse, Renditen, Beschäftigte berücksichtigen zu müssen?

Natürlich, sie müssen multiplen Verantwortungen gerecht werden. Aber am Ende des Tages ist Unternehmertum kein Selbstzweck. Es gibt auch für Unternehmen kein Recht, den Planeten auszubeuten und künftigen Generationen die Lebensgrundlage zu rauben. Unternehmen haben eine Verpflichtung, gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen. Dazu zählt, im Einklang mit den ökologischen Grenzen und internationalen Klimaabkommen zu handeln.

Unternehmer könnten argumentieren, nur Mitarbeitern und Aktionären verpflichtet zu sein.

Das ist ein existentes, aber in meinen Augen irrationales Verantwortungsverständnis. Vielleicht sollte dieser Unternehmer nicht diejenige Person sein, die die Entscheidungen trifft.

Die vielleicht effektivste Form, Einfluss auf Unternehmen zu nehmen, wäre der Kauf ihrer Aktien.

Das wäre eine Möglichkeit, aber nicht zwingend die effektivste. Aber es stimmt, die Aktionäre sind in der Verantwortung. Sie könnten Aktienpakete abstoßen, wenn sie aus ökologischen Gründen mit der Philosophie eines Unternehmens nicht einverstanden sind. Andere Wege sind Proteste oder die Weigerung, Produkte von bestimmten Unternehmen zu kaufen.

Werden Sie auftreten bei der Siemens-Hauptversammlung am 5. Februar?

Ich werde in der Halle sein. Fridays for Future hat Rederecht. Sprechen wird aber jemand anderes für uns, nicht ich. Es sei denn, ich werde angesprochen. Ich habe schon so viel über und mit Siemens-Chef Joe Kaeser gesprochen. Ich bin dankbar, dass am Mittwoch jemand anderes für uns spricht.

Wie haben Sie Herrn Kaeser erlebt?

Ich halte ihn für einen klugen Menschen, der sich der Klimakrise und der gesellschaftlichen Verantwortung seines Unternehmens bewusst ist. Leider hat er es bei dem geplanten Kohlebergwerk in Australien verpasst, das große Ganze ins Auge zu fassen.

Dabei hat sich Siemens ehrgeizige Ziele gesetzt. Bis 2030 will das Unternehmen klimaneutral sein.

Das kann aber nicht funktionieren, wenn sich das Unternehmen gleichzeitig an einer Kohlemine beteiligt, die weitere 60 Jahre Kohle fördern möchte. Die Fähigkeit zur Abstraktion wäre hier nicht zu viel verlangt. Ich hoffe, dass zum Beispiel Bosch die Sache mit den Emissionen besser zu Ende denkt.

Bosch will schon ab diesem Jahr klimaneutral wirtschaften.

Bosch hat natürlich auch einiges in Sachen Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit wiedergutzumachen...

... auf was wollen Sie hinaus?

Darauf, dass Bosch bekanntermaßen in die Abgasmanipulationen verwickelt war. Es gibt keinen Grund, Bosch jetzt heiligzusprechen. Trotzdem ist der Anspruch der Klimaneutralität ein starkes Zeichen.

Wie groß ist Ihre Angst, dass Öffentlichkeit und auch viele junge Leute bald das Interesse an Fridays for Future und dem Klimawandel verlieren könnten?

Wir sprechen hier von der größten Krise, vor der die Menschheit jemals stand; die jeden Tag an Wucht zunimmt und die nur von uns Menschen geregelt werden kann - und muss. Und das soll jetzt aus der Mode geraten? Das hieße ja, dass wir als Gesellschaft etwas fundamental geändert hätten. Das wäre doch das, wofür Sie kämpfen. Das fände ich gar nicht so schlecht. Ich fände es auch toll, wenn sich junge Menschen wieder stärker ihrer Bildung zuwenden könnten, oder ihrer Freizeit und ihren Freunden. Sie sollten nicht einstehen müssen für das, was Erwachsene tun sollten, aber nicht tun.

Wofür hätten Sie selbst künftig gerne wieder mehr Zeit?

Ich sehe meine Freunde und meine Familie, meine Großmutter und meine Patenkinder viel zu selten. Und ich hätte gerne mehr Zeit für mein Studium.

Erst mal fertigstudieren anstatt die Klappe aufreißen: Hören Sie diesen Satz?

Den Satz höre ich. Einerseits finde ich es seltsam, den Anspruch an politische Beteiligung am Studienabschluss oder am Alter festzumachen. Andererseits ist es in der Tat eine völlig unverhältnismäßige Verantwortung, die auf meinen Schultern lastet. Die ergibt sich ja aber aus dem Nicht-Handeln anderer. Gleichzeitig nehme ich mich als sehr privilegiert wahr: Ich kann all das hier machen, was ich machen möchte.

Warum scheinen sich besonders ältere Männer von Ihnen provoziert zu fühlen?

Dafür gibt es sehr, sehr viele Gründe, hier vielleicht einer: Weil sie am meisten zu verlieren haben. Es sind vor allem ältere Männer, die den Status quo organisiert haben und von ihm profitieren. Und jetzt kommen wir daher, und stellen diesen Status quo infrage. Damit können einige nicht umgehen.

Haben Sie eine Vorstellung davon, was Sie in 20 Jahren machen werden?

Ich bin 23, also ist das ein recht unübersehbarer Zeitraum. Ich wünsche mir, auf zwei Dekaden zurückblicken zu können, und zu wissen, ich habe alles in meiner Macht stehende getan, um die Klimakrise zu entschleunigen.

Das Gespräch führte Christoph Hägele.