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Fridays for future

Klimastreik: Hört auf zu jammern, die Schüler haben recht! - Kommentar

Freitags gehen Tausende Schüler auf die Straße statt in die Schule, um gegen die Klimapolitik zu demonstrieren. Die Kritik am Klimastreik entspringt vor allem der Feigheit der Erwachsenen, zuzugeben, dass die Schüler recht haben, findet unser Kommentator.
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Jeden Freitag gehen Tausende Schüler weltweit auf die Straße anstatt in die Schule. Sie wollen damit gegen den Klimawandel aufmerksam machen und protestieren gegen die aus ihrer Sicht verfehlte und sinnlose Klimapolitik.Foto: Philipp Schulze/dpa
Jeden Freitag gehen Tausende Schüler weltweit auf die Straße anstatt in die Schule. Sie wollen damit gegen den Klimawandel aufmerksam machen und protestieren gegen die aus ihrer Sicht verfehlte und sinnlose Klimapolitik.Foto: Philipp Schulze/dpa

Junge Menschen interessieren sich für Politik gehen für die Zukunft der Welt auf die Straße - was klingt wie der Traum eines jeden Sozialkundelehrerenden, ist in diesen Tagen Realität.

Schüler haben die Nase voll von einer Politik, die seit Jahrzehnten nichts tut, um ein reales Problem anzugehen. Und nein, der menschengemachte Klimawandel ist kein Gegenstand einer ausgeglichenen Debatte, er ist keine Eventualität, kein möglicher Worst Case - er ist ein von 99 Prozent der Klimaforscher unbestrittenes Faktum. Also Profis, lieber Christian Lindner, die mit wissenschaftlichen Methoden arbeiten und uns seit Jahrzehnten in den Ohren liegen mit ihren Warnungen.

 

Wer protestiert, wird ausgelacht

Was ist also die Situation? Die Erwachsenen tun nichts und feiern weiter Parties mit Einwegbesteck auf der Titanic und diskutieren darüber, ob Eisberge denn jetzt wirklich existieren. Währenddessen verlieren die Erwachsenen der Zukunft die Geduld.

Aber anstatt den Jugendlichen zuzuhören, sich bei ihnen bei jeder Gelegenheit zu entschuldigen und alles dafür zu tun, dass ihnen noch ein kleines Stück der Welt bleibt, wie sie momentan ist, kippen nun viele eimerweise Hohn und Spott über die jungen Weltverbesserer aus, geben ihnen herablassende Ratschläge oder versuchen die Proteste gleich ganz zu verteufeln.

Liebe Miterwachsene über 30: Würden wir in die Rettung der Welt so viel Energie stecken wie in die endlosen Versuche, die "Fridays for future"-Demos zu kritisieren, wären wir schon auf einem guten Weg.

"Fridays for future": Das sind die Vorwürfe gegen die Proteste

Ich will gar nicht von den schäbigen Angriffen gegen Greta Thunberg, die internationale Symbolfigur des Klimastreiks, anfangen. Die beleidigenden Reden, gerade von geifernden Rechtspopulisten sind so jenseits von sachlicher Kritik, dass sie keiner Wiederholung würdig sind.

Reden wir lieber über die Vorwürfe, die der breiten Masse an protestierenden Schülerinnen und Schülern gemacht werden: Sie wollen angeblich ja nur die Schule schwänzen, ansonsten könnten sie ja wohl auch am Samstag demonstrieren gehen. Die Streikenden seien heuchlerisch, da sie ja ansonsten auch nicht sonderlich klimafreundlich leben. Und einigen gehe es überhaupt nicht ums Klima, sondern nur darum, keinen Unterricht zu haben.

Und schließlich wird teilweise auch förmlich der Untergang des Bildungssystems heraufbeschworen: Wenn wir das jetzt legitimieren, gehen diese Gören ja nur noch demonstrieren und gar nicht mehr in den Unterricht!

Proteste müssen auffallen

Zunächst einmal: Diese Proteste sind nicht die ersten Schülerdemos. Nur in der Vergangenheit haben gerade die Proteste, die brav nach Schulschluss stattfanden, keinerlei Echo erzeugt. Es hat schlicht niemanden interessiert. Alles ging weiter seinen Gang, inhaltsleere Sonntagsreden wurden weiter gehalten und die Welt ging fröhlich weiter vor die Hunde.

Niemand würde Arbeitnehmern ernsthaft empfehlen, doch bitte nur zu streiken, wenn sie auch frei haben. So funktioniert das nicht. Streiks blockieren, fallen auf, machen Ärger.

Erst jetzt reden wir über und manchmal auch mit den jungen Menschen, die da auf die Straße gehen. Vielleicht sind nicht die Protestierenden das Problem, sondern unsere Art, wem wir warum zuhören.

Womöglich sind sogar einige Schüler dabei, die gar kein großes Interesse am Weltretten haben und einfach nur mitkommen, weil ihre Freunde dabei sind oder sie lieber auf der Demo als im Unterricht sind.

Ja, das kann sein. Vielleicht werden einige der "Mitläufer" ja sogar für das Thema begeistert, vielleicht wird ihnen ein Denkanstoß mitgegeben, der irgendwann Früchte trägt. Letztlich ist das egal, diese Schüler sitzen wohl auch ähnlich unbeteiligt im Unterricht. Das entwertet allerdings nicht den Protest als solchen.

Demonstrieren darf nur, wer perfekt ist

Womit wir bei einem sehr entscheidenden Punkt sind: In der Ansicht einiger Kritiker der Freitagsproteste ist der Klimastreik erst dann legitim, wenn 100 Prozent der Schüler zu 100 Prozent hinter dem Thema stehen und sich niemals falsch verhalten. Denn ähnlich wie das Argument der uninteressierten Mitläufer zielt auch der Vorwurf der Heuchelei darauf ab, den Protesten die Wahrhaftigkeit per se abzusprechen. Praktisch - denn dann muss man sich ja auch nicht mit den Argumenten und dem eigentlichen Problem beschäftigten.

Also gehen viele fieberhaft auf die Suche nach Verfehlungen, um eine angebliche Doppelmoral aufzuzeigen. Ha, war das nicht ein Pappbecher in der Hand eines Protestierenden? Dann ist die Sache ja klar: So ernst kann es diesem Exemplar ja gar nicht sein mit dem Klimaschutz! Und einige dieser Rotzgören fliegen sicherlich ab und zu mit den Eltern oder alleine mit einem Flugzeug. Mit einem Flugzeug! Dann hat man offenbar jedes Recht verwirkt, gegen Klimapolitik zu demonstrieren.

 

Liebe Empörte, hört auf, nach Fehlern zu suchen - auch das ist nur der verzweifelte Versuch, sich nicht mit dem eigentlichen Anliegen beschäftigen zu müssen. Niemand muss absolut perfekt ein, um sich für oder gegen etwas einsetzen zu dürfen. Denn streng nach dieser Logik dürfte dann niemand mehr für oder gegen irgendetwas eintreten, denn diesen absoluten Anspruch erfüllt schlicht kein Mensch.

Wird bald nur noch demonstriert?

Hinter der Befürchtung, dass Schüler bald für alles Mögliche auf die Straße gehen, wenn wir jetzt nicht hart durchgreifen, steckt eine empörende Gleichsetzung von Anliegen, die weiter zur Delegitimierung eines wichtigen Anliegens beitragen sollen: Pfiffige Journalisten haben die Frage gestellt, was denn los wäre, wenn Schüler auf einmal streiken, um gegen Geflüchtete auf die Straße zu gehen oder Ähnliches.

Die Sorge um die Umwelt auf eine Stufe zu stellen mit Rassismus und Ausgrenzung, ist eigentlich schon fast zu absurd, um überhaupt beantwortet zu werden, wäre es nicht so eine perfide Methode.

Seien wir ehrlich: Wir alle wissen, dass es an uns gewesen wäre, die Welt zu retten, die ganzen letzten Jahrzehnte. Wir fühlen uns ertappt und haben Angst vor der Frage, wo wir denn waren, als bei den Klimakonferenzen vor 20 Jahren bereits nichts herauskam und allen bereits klar war, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern.

Bleibt laut!

Liebe Protestierenden, liebe Schülerinnen und Schüler: Ja, es ist unangenehm, Versäumen einzugestehen. Deswegen reagieren viele Ältere auch so empfindlich und unverhältnismäßig. Deshalb schaffen es viele nicht, euch auf die Schulter zu klopfen und euch zu wünschen, dass ihr schafft, was wir gar nicht erst versucht haben. Habt aber deswegen keine Nachsicht. Bleibt unangenehm, bleibt laut, denn ihr habt uns wirklich ertappt: Wir haben keinen Plan B.

Der Autor ist selbst 35 Jahre alt und Teil der Generation Versäumnis.



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