Seit vier Tagen ist Papst Franziskus nun schon auf seiner Pastoralreise in Mexiko unterwegs. Am Montag besuchte er die Region Chiapas und feierte mit den indigenen Gemeinschaften in San Cristóbal de Las Casas. Das Treffen war aus kirchenpolitischer Perspektive brisant, denn Chiapas galt lange als Experimentierfeld für neue Formen des Priestertums und die Umgehung des Zölibats.

Will Franziskus mit seinem Besuch ein neues Kapitel in dieser Frage aufschlagen? Die Sache ist kompliziert und fängt in Chiapas an. 2014 erlaubte der Papst aus Argentinien erneut die Weihe ständiger Diakone, die der Vatikan seit dem Jahr 2000 verboten hatte. Rom fürchtete, dass die indigenen, verheirateten Diakone als Vorstufe eines verheirateten Klerus verstanden werden könnten.


Kippt das Zölibat?

Zeitweise standen in der Diözese von San Cristobal 400 ständige, verheiratete Diakone gerade einmal 70 Priester gegenüber. Franziskus forderte die Bischöfe in der Vergangenheit zu "mutigen Lösungen" auf und ist offen für eine Diskussion. Das ist angesichts der jahrhundertealten Disziplin des Zölibats ein katholisches Politikum.

Zu den Spekulationen über den Zölibat trägt auch eine BBC-Dokumentation über die Beziehung zwischen Johannes Paul II. und der polnisch-stämmigen US-Philosophin Anna-Teresa Tymieniecka bei. Der 2005 verstorbene Karol Wojtyla habe mehr als 30 Jahre lang eine "enge Beziehung" mit der verheirateten Frau gehabt, die sich offenbar in Wojtyla verliebt hatte, schreibt die BBC.
Der Film wird am Dienstagabend im deutschen Fernsehen auf Arte gezeigt. "Es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Papst gegen sein Zölibats-Gebot verstoßen hat", schreibt die BBC.


Neue Formen des Priestertums denkbar

Über die Aufweichung des Zölibats wird auch im Klerus diskutiert. Beim Ad-Limina-Besuch im Vatikan vergangenen November fragten die deutschen Bischöfe Papst Franziskus, ob neue Formen des Priestertums in Gebieten, in denen selten die Messe gefeiert wird, denkbar seien. "Da hat er nicht abgewunken", berichtete der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke. "Ich wünsche mir als Ergänzung zu den zölibatären Priestern verheiratete Seelsorger", fügte Jaschke hinzu.

Vor wenigen Jahren wären Bischöfe für solche Äußerungen gemaßregelt worden. Heute stehen Veränderungen auf der Agenda. Das bedeutet nicht, dass Franziskus den Pflichtzölibat abschaffen wird. Vieles deutet auf regional unterschiedliche Lösungen hin, wie sie dem Programm der "heilsamen Dezentralisierung" des Papstes entsprechen. Noch als Erzbischof hatte Jorge Bergoglio zum Thema Zölibat: gesagt "Wenn die Kirche eines Tages diese Norm revidieren sollte, dann würde sie es wegen eines kulturellen Problems an einem bestimmten Ort in Angriff nehmen, aber nicht für alle gültig und nicht als persönliche Option."

Autor: Julius Müller-Meiningen



Kommentar: "Ein Fingerzeig"

och bis kommenden Donnerstag ist Papst Franziskus auf seiner Pastoralreise in Mexiko unterwegs. Der Papst hat seine Etappen bewusst nach Themen ausgewählt. Es geht um die Armut, um die Macht der Drogenkartelle und um die Flüchtlinge, die in die USA gelangen wollen. Die aus kirchlicher Sicht brisanteste Etappe war der Besuch im Bundesstaat Chiapas.

Dort hat sich zum Unmut des Vatikans in den vergangenen Jahrzehnten ein verheirateter, indigener Klerus herausgebildet, der aus römischer Sicht das Fundament einer der Säulen des katholischen Priestertums bedrohte, den Zölibat. Dass Franziskus mit dem indigenen Klerus, etwa der Maya-Bevölkerung, Messe feierte und zu Mittag aß, ist ein kirchenpolitischer Fingerzeig.

Schon zuvor ließ er die Weihe ständiger verheirateter Diakone in Chiapas wieder zu, die seine Vorgänger verboten hatten. Franziskus ist offen für Veränderungen bei der Disziplin des Zölibats, er wird die Kirche aber nicht von oben revolutionieren.

Vielmehr, und das ist bereits ein bekanntes Schema dieses Papstes, lockert er die Rahmenbedingungen, um der Problemlösung vor Ort mehr Raum zu geben. Das ist der Schlüssel beim Umgang mit den wiederverheirateten Geschiedenen.
Das ist auch sein Weg beim Abschied vom Zölibat. Denn bei allen Beteuerungen, den Pflichtzölibat grundsätzlich nicht anzutasten, aber regionale Lösungen möglich zu machen, ist klar: Wenn Ausnahmen einmal etabliert sind, ist der komplette Abschied vom Zölibat nicht mehr weit.
Autor: Julius Müller-Meiningen