Erlangen
Organspende

Organspende rettet Leben: Ein Erlanger Mediziner erklärt die ethischen Hintergründe

Die Organentnahme zur Transplantation für einen kranken Menschen ist bei Einhaltung medizinischer Standards und gerechter Verteilung gut begründbar.
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Aus ethischer Sicht ist die Organspende gut begründbar. Foto: BZgA dpa/lhe
Aus ethischer Sicht ist die Organspende gut begründbar. Foto: BZgA dpa/lhe
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Wie steht es um die ethischen Gesichtspunkte der Organspende? Wir führten dazu ein Interview mit Prof. Dr. med. Andreas Frewer, M.A., Professur für Ethik in der Medizin, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Herr Professor Frewer, eine Organspende kann posthum einem anderen Menschen das Leben retten. Dennoch mag für viele Menschen die Vorstellung schwierig, wenn nicht unheimlich, sein, nach dem Ableben als "Ersatzteillager" zu dienen. Ist es aus ethischen Gründen vertretbar, einem hirntoten Menschen Organe zu entnehmen? Prof. Andreas Frewer: Ja, aus ethischer Sicht ist die Entnahme von Organen zur Transplantation für einen kranken Menschen bei Einhaltung medizinischer Standards und gerechter Verteilung gut begründbar. Ein hirntoter Mensch - dies muss von zwei Experten unabhängig voneinander nach klaren Kriterien überprüft werden - ist noch nie wieder aufgewacht und sollte "die Organe nicht mehr brauchen". Der Begriff "Ersatzteillager" ist unpassend, denn eine Spende kann Leben retten und viel Gutes bewirken.

Soll er nicht einfach in Frieden aus dem Leben scheiden dürfen, ohne dass an seinem Körper herumgeschnitten wird? Natürlich darf das ein Mensch, wenn dies sein Wunsch ist. Das Wort "herumgeschnitten" ist hier nicht geeignet, denn Ärzte- und Pflegeteams mit hochkarätigen Expert(inn)en arbeiten gemeinsam daran, dass die aus dem Körper entnommenen Organe oder Gewebe anderen Menschen helfen können. Das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, die in Deutschland hundertfach mit höchster Präzision nach den Regeln der Heilkunst ausgeführt wird. Selbstverständlich muss darauf geachtet werden, dass auch mit dem hirntoten Menschen respektvoll umgegangen wird. Welche Argumente gibt es aus ethischer Sicht FÜR eine Organspende?

Die Möglichkeit, anderen Menschen zu helfen, ihr Leben zu retten oder ihre Lebensqualität erheblich zu steigern. Dies trifft etwa zu, wenn eine mehrmals in der Woche nötige Dialyse zur Nierenersatztherapie durchgeführt wird, aber nicht nur das jeweils drei- bis vierstündige Verfahren anstrengend ist, sondern bei längerer Anwendung natürlich auch ernste Nebenwirkungen für Betroffene entstehen. Der richtige Begriff Organ-"Spende" sagt es aus: Dies kann ein sehr wichtiger Dienst am Mitmenschen sein, ein Ausdruck von generellem Altruismus für Kranke auf der Warteliste und Solidarität oder sogar Liebe (z.B. bei der Lebendspende an einen Ehepartner).

Ist diese Widerspruchslösung nicht ein Eingriff ins ganz persönliche Leben eines Menschen? Das geht doch gegen die Grundrechte? Ich habe doch ein Recht darauf, "unversehrt" zu bleiben, warum muss ich da widersprechen? Ja, das stimmt, es ist ein weitreichender Eingriff. Und: Ja, es gibt das Grundrecht auf Unversehrtheit des Körpers. Jeder Eingriff bedarf der informierten Zustimmung. Das ist auch der zentrale Kritikpunkt an der diskutierten Widerspruchslösung, die grundsätzliche rechtliche und ethische Fragen aufwirft. Jede neue gesetzliche Regelung sollte daher vorher - durchaus über längere Zeiträume - in der Bevölkerung breit und kritisch diskutiert werden, sonst wird wieder Vertrauen verspielt.

Was wären aus Ihrer Sicht die besten Maßnahmen für die aktuelle Entwicklung in Deutschland? Eine umfassende Aufklärung der Menschen mit noch breiterer Diskussion im gesamten Land.

Deutliche strukturelle Unterstützung für die Transplantationsmedizin an Kliniken, damit ein noch besseres Umfeld für diese wichtige Möglichkeit geschaffen wird. Solidarität mit Schwerkranken und ihren Familien durch mehr soziale und ethische Instrumente. Gründung eines unabhängigen Instituts für Ethik und Qualitätssicherung der Transplantation, um alle Aspekte der Organspende für die Bevölkerung noch transparenter zu gestalten und etwa auch mehr angemessene Formen sowie kreative Ideen für eine Würdigung der Spender und ihrer Familien zu entwickeln.

Das klingt nach sinnvollen Schritten. Wie realistisch ist die Einführung einer Widerspruchslösung? Ob die Einführung dieser Lösung am Ende steht und wie diese im Detail aussehen könnte ("erweitert"/ "doppelt" etc.), muss natürlich auch demokratisch und parlamentarisch abgestimmt werden. Vielleicht gibt es hierbei sogar noch mehr innovative Ideen von Bürgerbeteiligung und Volksabstimmung, denn es betrifft ja wirklich jeden Menschen in unserem Land sowie kooperierende Nationen im Organspende-Verbund "Eurotransplant".