Corona-Impfstoffe könnten nach Aussagen des Europäischen Pharmaverbands (EFPIA) pro Einheit zwischen 5 und 15 Euro kosten.

Dies sei ein angemessener Preis pro Dosis, sagte die Vorsitzende der Verbandsgruppe Impfungen Europa, Sue Middleton, bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments am Dienstag in Brüssel.

Mit den derzeit vielerorts wieder steigenden Corona-Zahlen wächst die Sehnsucht nach einem Ausweg - und damit nach Impfstoffen. Wie ist der aktuelle Stand der Forschung? Wann kommt der rettende Piks? Die Anhörung im Gesundheitsausschuss gab Hinweise - obwohl sich die Experten nicht endgültig festlegen wollen:

ZEITRAHMEN: Wann genau ein Impfstoff auf den Markt kommt, ist ungewiss. Keiner der Kandidaten ist bisher abschließend getestet und zugelassen. Auf die Frage, ob es realistisch sei, dass noch in diesem Jahr drei Hersteller eine Zulassung beantragen könnten, sagte Sue Middleton vom Pharmaverband EFPIA: Sie hoffe es.

Der Stand bei den verschiedenen Herstellern ist sehr unterschiedlich. So sagte Jean Stéphenne aus dem Aufsichtsrat der Tübinger Firma Curevac, deren Impfstoff könnte in sechs bis neun Monaten verfügbar sein. Das Mainzer Unternehmen Biontech will hingegen im Oktober schon die Zulassung für seinen Impfstoff beantragen - entscheidende klinische Studien laufen bereits.

Auch der britisch-schwedische Pharmakonzern AstraZeneca und die Universität Oxford haben in den USA bereits die letzte Testphase begonnen. Nachdem ein Studienteilnehmer erkrankte, wurden die Tests weltweit gestoppt, in Großbritannien laufen sie nun aber wieder. Der französische Hersteller Sanofi will im Idealfall im ersten Halbjahr 2021 eine Zulassung für seinen Impfstoff in Kooperation mit dem Unternehmen GSK beantragen.

Die Europäische Arzneimittel-Agentur warnte vor zu hohen Erwartungen. «Erst wenn die Studien ausreichend fortgeschritten sind und wir Beweise für die Sicherheit und Wirksamkeit haben, können wir ein richtiges Gefühl für den Zeitrahmen haben», sagte Fergus Sweeney, Leiter der Task Force für klinische Studien der Behörde. Die Arzneimittel-Agentur will aber bereits während der klinischen Studien Daten auswerten und nicht erst mit Antrag auf eine Zulassung.

Um schneller am Markt zu sein, haben etliche Hersteller bereits mit der Produktion begonnen. Verträge über den Abkauf von Impfdosen mit einzelnen Ländern oder Staatengruppen sollen das Risiko für die Firmen mindern und die Kosten verteilen.

MENGEN: Die Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass für eine wirksame Impfung gegen das Coronavirus jeweils zwei Impfdosen notwendig sein werden. Um die Hälfte der Weltbevölkerung zu impfen, werden laut Middleton deshalb wohl knapp acht Milliarden Impfdosen benötigt. Die globale Kapazität zur Herstellung aller verfügbaren Impfstoffe liege derzeit aber bei nur etwa fünf Milliarden Dosen pro Jahr. Sanofi und GSK haben erklärt, bis Ende 2021 eine Milliarde Einheiten produzieren zu wollen. Curevac will eine ähnliche Menge herstellen. Stéphenne schätzt, dass etwa 60 bis 70 Prozent der Weltbevölkerung geimpft sein müssten, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen.

VERTEILUNG: Die EU-Kommission hat mit den Herstellern Sanofi und GSK sowie mit AstraZeneca Rahmenverträge über die Lieferung von insgesamt bis zu 700 Millionen Dosen Impfstoff geschlossen. Mit weiteren Herstellern sind Sondierungsgespräche abgeschlossen, aber noch keine Verträge unterschrieben. Es wird erwartet, dass insgesamt weitere 705 Millionen Dosen von den Anbietern Biontech und Pfizer, Curevac, Johnson & Johnson und Moderna gesichert werden. Die EU will sich dabei den Kauf von 380 Millionen Dosen als Option offen lassen.

Die Bezugsrechte zwischen den 27 EU-Mitgliedsstaaten sollen nach Bevölkerungszahl verteilt werden. Deutschland stünden damit 18,6 Prozent der Dosen zu. In Bezug auf den Deal mit AstraZeneca entfallen laut Gesundheitsministerium 54 Millionen Impfstoffdosen auf die Bundesrepublik. Das würde zunächst für rund 27 Millionen Menschen hierzulande reichen, wie Gesundheitsminister Jens Spahn sagte. Wie der Vizepräsident des Herstellers Sanofi, Thomas Triomphe, erklärte, könnten die EU-Mitgliedsstaaten nach Zulassung des Sanofi-Impfstoffes aber einzeln entscheiden, ob sie Impfdosen haben wollen oder nicht.

Für eine faire globale Verteilung braucht es Sidney Wong von Ärzte ohne Grenzen zufolge andere Wege. Die Zusage der EU zu 88 Millionen Impfdosen für die 92 ärmsten Länder der Welt sei wichtig, decke dort aber nicht einmal eine Impfrate von 1,5 Prozent ab. Dagegen strebten die EU-Länder derzeit Raten von 30 Prozent und mehr an.

PREIS: Corona-Impfstoffe könnten Middleton zufolge pro Einheit zwischen 5 und 15 Euro kosten. Dies sei ein angemessener Preis pro Dosis. Genaue Preise seien in den bisher geschlossenen Vereinbarungen zwischen Impfstoff-Herstellern und der EU aber nicht festgelegt worden. Triomphe versicherte, dass es einen fairen und niedrigen Preis geben werde. Ein reduzierter Preis solle für Entwicklungsländer gelten. Wie viel genau eine Impfdosis kosten werde, könne man noch nicht sagen. Sollte ein Impfstoff nicht zugelassen werden, erhalten die Hersteller Stéphenne zufolge die Kosten für die klinischen Studien und die bis dahin produzierten Dosen.

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