«Bei Barrierefreiheit wird in Deutschland fast ausschließlich an den rollstuhlgerechten Eingang oder die Behindertentoilette gedacht, nicht aber an die Bedürfnisse von Kleinwüchsigen», sagte der Vorsitzende des Bundesselbsthilfeverbandes Kleinwüchsiger Menschen, Horst Stengritt, in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Der Verband trifft sich von Mittwoch bis Sonntag im thüringischen Heilbad Heiligenstadt zu seinem Bundeskongress.

In Deutschland leben schätzungsweise rund 100 000 erwachsene Menschen, die unter 1,40 Meter groß sind. Noch nicht einmal Arztpraxen und Krankenhäuser seien baulich auf deren Belange eingestellt, kritisierte Stengritt. «Es kann zum Beispiel nicht sein, dass das Wasser im Reha-Becken einer Klinik 1,25 Meter tief ist.» Auch Busse und Bahnen seien von Barrierefreiheit für Kleinwüchsige zumeist weit entfernt. Es mangele etwa an Einstiegshilfen wie Stufen zum Ausklappen. «Auch die Sitze sind zu hoch.»

Auch Hersteller von Möbeln, Küchenmaschinen oder Kleidung sind nach den Erfahrungen des Verbandschefs kaum auf die Belange Kleinwüchsiger eingestellt. «Hängeschränke in der Küche nützen Kleinwüchsigen gar nichts, genormte Herde oder Arbeitsplatten sind ohne Umbauten völlig ungeeignet.» Deswegen benötigten Kleinwüchsige meist mehr Wohnfläche. «Das kostet natürlich auch mehr.» Viele Betroffene hätten aber nur ein geringes Einkommen. «Vor allem die Älteren sind häufig auf Sozialhilfe angewiesen.»

Kleinwuchs tritt laut Verband in mehr als 100 verschiedenen Formen auf, beispielsweise als hormonell bedingte Wachstumsstörung oder auch als Fehlbildung von Gliedmaßen. Die geringe Körpergröße führt bei den Betroffenen oft zu erheblichen gesundheitlichen Problemen, etwa zu Gehbehinderungen. «Die meisten haben deswegen einen Schwerbehindertenausweis», erläuterte der Verbandschef. Der Verband hat rund 400 Mitglieder.