Berlin

Wahlkampf um das neue Nährwert-Logo

Welcher Joghurt weniger «Dickmacher» hat und welche Tiefkühlpizza mehr, sollen Verbraucher bald leichter auf Packungen sehen können. Doch wie? Ein von vielen favorisiertes Siegel bekommt Umfrage-Schub.
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Nährwert-Logo
Der sogenannte «Nutri-Score» auf einer Packung Joghurt. Foto: Christophe Gateau

In der Debatte um eine klarere Kennzeichnungen von Zucker, Fett und Salz in Lebensmitteln machen Verbraucherschützer und Gesundheitsexperten Druck für das farbliche Logo Nutri-Score.

Die Organisation Foodwatch und mehrere Medizinverbände legten am Mittwoch eine Umfrage vor, die hohe Zustimmungswerte für das System ergab. Ein im Vergleich dazu abgefragtes zweites Logo des bundeseigenen Max-Rubner-Instituts (MRI) schnitt darin schlechter ab. Die Verbände forderten Bundesministerin Julia Klöckner (CDU) auf, im Kampf gegen Fehlernährung keine Zeit zu verlieren und Nutri-Score einzuführen.

Um das beste Logo, das Supermarktkunden bei Fertigprodukten leichtere Orientierung bieten soll, ist damit eine Art Wahlkampf entbrannt. Denn Klöckner lässt gerade eine eigene Verbraucherbefragung machen - nicht unter zwei, sondern unter vier Modellen. Die Entscheidung, welche Kennzeichnung die Bundesregierung zur freiwilligen Nutzung auf Packungen empfiehlt, soll im Herbst fallen. Klöckner hat betont, sie habe «keine Präferenz». Maßgeblich solle das für Ende September erwartete Ergebnis der Befragung sein, bekräftigte ihr Ressort.

Nun preschen die Verbände mit einer Umfrage vor, die Argumente für Nutri-Score liefert. Als «schnell erfassbar» bewerteten 87 Prozent der Befragten das System. Dass es die Auswahl gesunder Lebensmittel erleichtere, fanden 60 Prozent. Dafür wurden 1003 Teilnehmern ab 18 Jahren beide Modelle erklärt und online beispielhaft gekennzeichnete Produkte gezeigt. Als Gesamt-Einschätzung bevorzugten dann 69 Prozent Nutri-Score, 25 Prozent das Modell des Bundes-Instituts.

Der aus Frankreich stammende Nutri-Score bezieht neben dem Gehalt an Zucker, Fett und Salz empfehlenswerte Bestandteile wie Ballaststoffe in eine Bewertung ein und gibt dann einen einzigen Wert an - in einer Fünf-Stufen-Skala von «A» auf einem dunkelgrünen Feld für die günstigste Bilanz über ein gelbes «C» bis zu einem roten «E» für die ungünstigste. Das zutreffende Feld wird hervorgehoben. Erste Produkte damit sind schon in Supermärkten zu kaufen, die SPD ist auch dafür.

Eine neue Kennzeichnung müsse gerade für besonders von Fehlernährung betroffene Bevölkerungsgruppen verständlich sein, sagte Berthold Koletzko, der Vorsitzende der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Die Verbände, zu denen etwa auch die Diabetes Gesellschaft gehört, verweisen dazu ebenfalls auf die eigene Umfrage: Befragte mit geringer formaler Bildung und starkem Übergewicht bevorzugten demnach zu drei Vierteln Nutri-Score.

Bisher nur im Computer existiert das zweite abgefragte Modell, das das Rubner-Institut auf Bitten des Ministeriums entwickelt hat. Es zeigt Salz, Zucker und Fett pro 100 Gramm in Waben an, die bei niedrigem Gehalt blaugrün gefärbt sind. Daneben zeigt eine große Wabe eine Gesamtbewertung. Je günstiger sie ausfällt, desto mehr von fünf Flächen haben einen schwarzen Stern und sind blaugrün ausgefüllt.

In der Befragung des Ministeriums werden daneben noch zwei weitere Modelle getestet: Das «Keyhole»-Logo aus Skandinavien mit einem weißen Schlüsselloch auf grünem Grund, das nur Produkte mit günstiger Nährwertbewertung bekommen können. Und ein Modell mit fünf Kreisen, das der Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft vorgeschlagen hat.

Auch der Tiefkühlkost-Anbieter Bofrost, der für Bestellungen per Internet bereits den Nutri-Score der Produkte angibt, präsentierte Zahlen einer Befragung von rund 1000 Kunden. Dabei lag Nutri-Score bei der Gesamt-Präferenz mit 36,8 Prozent nur knapp vorn, gefolgt vom Modell der Lebensmittelbranche (36,3 Prozent), wie Bofrost mitteilte.

Die Verbraucherzentralen mahnten Transparenz bei den Untersuchungen des Ministeriums an. «Vor der Einführung die Verbraucher zu befragen, wie gut sie verschiedene Modelle der Kennzeichnung verstehen, ist sinnvoll, um die Akzeptanz zu fördern», sagte Anne Markwardt, Lebensmittel-Expertin beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), der Deutschen Presse-Agentur. Dafür solle Klöckner aber auch nicht nur die Ergebnisse veröffentlichen, sondern die ganze Studie komplett mit allen Fragen. In der Sache wirbt auch der vzbv für Nutri-Score.

Grünen-Ernährungsexpertin Renate Künast forderte, das Logo unverzüglich umzusetzen. Es sei klar und einfach zu erfassen. Die FDP warnte dagegen, Systeme wie Nutri-Score führten teils zu absurden Verzehrempfehlungen. Statt Bewertungssystemen blindlings zu folgen, brauche es mehr Ernährungsbildung, sagte Fraktionsvize Frank Sitta.

In der Debatte wird der Ton auch schon schärfer. Das Ministerium wehrt sich dagegen, dass das Logo des Bundes-Instituts als «Klöckner-Modell» betitelt wird - es sei unabhängig von Vorgaben entwickelt worden. Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker schoss scharf gegen Nutri-Score als «Verbraucherfalle» - eine pauschale Gesamtbewertung eines einzelnen Produkts könne keine Lösung sein:

«Lebensmittel lassen sich nicht pauschal in gut und böse einteilen.»