Bremen

Seenotretter nehmen ab 2020 Quereinsteiger an Bord

In Deutschland gibt es immer weniger erfahrene Seeleute. Deshalb droht auch den Seenotrettern der Nachwuchs auszugehen. Ein Ausweg: Landratten sollen zu Seebären werden.
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Seenotretter der DGzRS
Seenotrettungsboot der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) auf der Ostsee. Foto: Bernd Wüstneck

Die deutschen Seenotretter an Nord- und Ostsee wollen mit Quereinsteigern einem absehbaren Personalmangel vorbeugen. Ab 2020 erhielten dabei auch Nicht-Seeleute eine Chance, sagte Antke Reemts, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) in Bremen, der Deutschen Presse-Agentur.

Am Sonntag präsentierte die Gesellschaft anlässlich des «Tages der Seenotretter» an den Stützpunkten entlang der Küsten in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern ihre Arbeit. «Wir kommen auf rund 30 000 Besucher», sagte Reemts am Sonntagnachmittag über die diesjährige Veranstaltung. An der Nordsee gab es Veranstaltungen in Wilhelmshaven, Bremerhaven, Cuxhaven und auf den Inseln. An der Ostsee luden unter anderem die Stationen Laboe, Neustadt, Stralsund und Sassnitz ein. In den vergangenen Jahren nahmen jeweils etwa 20 000 Menschen die Gelegenheit wahr, die Seenotrettungskreuzer und -boote zu besuchen.

Die Rettung von Menschen und Schiffen aus Seenot ist in Deutschland auf besondere Art organisiert. Die DGzRS als moderne Rettungswacht erfüllt eine hoheitliche Aufgabe, ist aber ein über 150 Jahre alter Verein. Sie kooperiert mit staatlichen Stellen wie Marine, Wasserschutzpolizei und Zoll, erhält aber kein Geld vom Staat. Stattdessen finanzieren Spenden die Arbeit. 2018 brachten die Retter bei 2156 Einsätzen 356 Menschen in Sicherheit.

Am vergangenen Freitag mussten die Seenotretter vor dem Ostsee-Bad Wustrow einen ihrer einstigen Schirmherren retten: Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck war mit einem kleinen Segelkutter gekentert - im Flachwasser. Das Seenotrettungsboot «Barsch» barg ihn aus dem Bodden. Nach Angaben der Retter befand sich der 79-Jährige an seinem Boot in der Nähe des Uferschilfgürtels, wo die Wassertiefe nur etwa 90 Zentimeter beträgt. An Bord der «Barsch» versorgten die Seenotretter den Angaben zufolge ihren ehemaligen Schirmherrn mit wärmenden Decken.

Der Altersdurchschnitt der rund 180 Festangestellten der DGzRS liege knapp unter 50 Jahren, sagte Reemts. Also würden neue Kräfte gebraucht. «Aber aus der deutschen Seeschifffahrt kommt nicht viel nach.» Es gebe immer weniger deutsche Kapitäne oder Schiffstechniker. Noch lägen viele Bewerbungen vor ? es sei aber absehbar, dass es künftig nicht genügend Nachwuchs geben werde.

Die Frage eines Umstiegs stelle sich vor allem für verwandte Berufe: «Wir haben viele Anfragen von Rettungssanitätern.» Auch Techniker kämen in Frage, die mit den hochmodernen Schiffsantrieben umgehen können, sagte Reemts. Aber es gebe auf der Insel Borkum auch einen Raumausstatter, der erfolgreich in die Mannschaft des dort stationierten Rettungskreuzers eingerückt sei. Er habe vorher zehn Jahre lang als Freiwilliger die Besatzung unterstützt.

Eine besondere Anforderung: «Die Leute müssen total teamfähig sein», sagte Reemts. Die Seenotretter müssen nicht nur in langen Wachen miteinander auskommen; sie müssen sich bei riskanten Einsätzen in schwersten Stürmen aufeinander verlassen können.

Ab 2020 können Nicht-Seeleute die Ausbildung durchlaufen, die unter anderem am Trainingszentrum der DGzRS in Neustadt in Holstein stattfindet. «Wir haben zum ersten Mal ein reines Ausbildungsboot», sagte Reemts. Einsätze können auch an einem Simulator in der Zentrale in Bremen geübt werden.