Sewerodwinsk

Russland: Raketen-Explosion setzte Radioaktivität frei

16-mal so viel Strahlung wie sonst üblich misst der russische Wetterdienst, nachdem im Norden des Landes ein Raketenmotor explodiert ist. Der Kreml sagt, dass kein Sicherheitsrisiko bestanden habe.
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Russische Atombehörde Rosatom
Das Logo der russischen Atombehörde Rosatom. Foto: Sergei Ilnitsky/EPA/Archiv

Bei der Explosion eines Raketenmotors mit sieben Toten im Norden Russlands ist über einen längeren Zeitraum als bislang bekannt radioaktive Strahlung freigesetzt worden.

Der natürliche Wert sei in der Spitze um das 16-Fache überschritten worden, teilte der russische Wetterdienst Rosgidromet am Dienstag mit. Erhöhte Werte seien innerhalb von zwei Stunden gemessen worden.

Die Verwaltung der nordrussischen Stadt Sewerodwinsk am Weißen Meer hatte zuvor lediglich von einem kurzzeitigen Anstieg von bis zu einer Stunde gesprochen. Viele Menschen reagierten besorgt und deckten sich danach mit Jodtabletten ein. Es gab auch im Ausland die Befürchtung, dass die russischen Behörden - wie in der Vergangenheit - nicht über das wahre Ausmaß informiert hätten.

Der Wetterdienst gab den Höchstwert der atomaren Verstrahlung mit 1,78 Mikrosievert pro Stunde an. Der natürliche Wert im Raum von Sewerodwinsk liege bei 0,11 Mikrosievert. Die Umweltorganisation Greenpeace sprach unter Berufung auf die Stadt von 2,0 Mikrosievert pro Stunde. Deren Experten hielten den Wert «an sich für nicht dramatisch». Es komme vielmehr darauf an, welche strahlenden Stoffe freigesetzt worden sein. Dazu gebe es aber keine offiziellen Angaben.

Der Kreml versicherte, dass alle Behörden die vollständige Sicherheit der Bevölkerung gewährleistet hätten. «Daran sollte kein Zweifel bestehen», sagte Sprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge.

Die Verwaltung des zuständigen Gouverneurs dementierten Berichte, wonach die Bewohner eines Dorfes in der Nähe des Testgeländes in Sicherheit gebracht worden seien. «Das ist völliger Unsinn», hieß es. Dagegen empfahl die Stadt Sewerodwinsk den Dorfbewohnern, ihre Häuser während der Arbeiten auf dem Testgelände vorübergehend zu verlassen.

Zu dem Vorfall kam es am vergangenen Donnerstag in der Nähe der Hafenstadt Sewerodwinsk nahe Archangelsk während eines Raketentests auf einer Plattform im Meer. Die Explosion ereignete sich der Atombehörde Rosatom zufolge, als Treibstoff in Brand geriet.

US-Spezialisten vermuteten bereits kurz nach dem Zwischenfall, dass Russland an einer neuen atomar betriebenen Rakete arbeitet. Präsident Donald Trump twitterte dazu, die Explosion habe die Menschen in der Umgebung und darüber hinaus beunruhigt. Er erwähnte dabei einen möglichen Namen des Raketentyps: «Skyfall». Eine offizielle Bestätigung von russischer Seite gab es nicht.

Die «New York Times» hatte zuvor berichtet, US-Geheimdienste vermuten dahinter den von der Nato als SSC-X-9 «Skyfall» bezeichneten Marschflugkörper. Dieser werde atomar betrieben und könne deshalb besonders weit fliegen. Kremlchef Wladimir Putin hatte im vergangenen Jahr neue Waffen angekündigt, darunter einen atomgetriebenen Marschflugkörper. Ob es sich aber bei dem Test auf dem Militärgelände um genau diesen Waffentyp handelte, blieb unklar.

Rosatomchef Alexej Lichatschow hatte bei der Trauerfeier für die getöteten Experten lediglich gesagt, die Arbeit an neuen Waffentypen werde zu Ende geführt. Details nannte er nicht.

Trump meinte, sein Land lerne aber viel aus der Explosion. «Wir haben eine ähnliche, wenn auch weiter fortgeschrittene Technologie.» Der Kreml widersprach: Russische Waffen seien den amerikanischen voraus. Sprecher Dmitri Peskow empfahl dem US-Präsidenten, sich bei seinen Äußerungen auf die russischen Angaben zu stützen.