Der überaus beliebte «Rosinenbomber»-Pilot Gail Halvorsen ist tot. Nach Angaben seiner Familie ist der bis ins hohe Alter rüstige 101-jährige US-Amerikaner «recht überraschend» am Mittwochabend (Ortszeit) im US-Bundesstaat Utah gestorben.

«Wir werden ihn sehr vermissen», sagte seine Tochter Denise Williams am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur.

Ihr Vater sei an einer Lungenentzündung gestorben, nachdem er sich schwer verschluckt habe. Noch zu Wochenbeginn habe er in Zoom-Treffen mit Schülern über seine Erlebnisse als Soldat bei der Berliner Luftbrücke gesprochen. «Er liebte es, Kindern davon zu erzählen und ihnen den Rat zu geben, immer ihr Bestes zu geben», sagte Williams.

Auch der Direktor seiner Stiftung im Bundesstaat Utah, James Stewart, würdigte den Verstorbenen. «Das Leben von Gail Halvorsen zeigt wirklich, wie eine Person, die etwas so Einfaches tut wie einen Kaugummi zu teilen, den Lauf der Geschichte der Menschheit verändern kann», sagte Stewart. Halverson sei bis zuletzt mit Menschen in den USA in Kontakt gewesen, die als Kinder in Deutschland die Berlin-Blockade miterlebt hatten. «Er sprach über die Liebe für seine Berlin-Kinder, wie er sie nannte», sagte Stewart der dpa.

Mit Bundesverdienstkreuz geehrt

Der frühere US-Pilot, der unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden war, wurde im Oktober 2020 100 Jahre alt. Mitte Dezember 2020 erkrankte er an Covid-19, erholte sich aber wieder.

Halvorsen hatte zu den Piloten gehört, die wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg das von sowjetischen Truppen abgeriegelte West-Berlin über Monate aus der Luft in sogenannten Rosinenbombern unter anderem mit Lebensmitteln und Kohle versorgten. Es war seine Idee, bei der Berliner Luftbrücke auch Süßigkeiten für die Kinder abzuwerfen. Als «Candy Bomber» wurde der junge Pilot zu einem Symbol für die Hilfsaktion.

Kurz vor seinem 100. Geburtstag zeigte sich Halvorsen in einem Videogespräch mit der dpa stolz in seiner über 70 Jahre alten Pilotenjacke. Er sprach auch noch ein paar Brocken Deutsch. «Das ist meine zweite Heimat», sagte er damals mit einem verschmitztem Lächeln. Sein rundes Jubiläum hätte er gerne in Berlin gefeiert.

Mit 98 Jahren hatte er Berlin zuletzt besucht, als Ehrengast bei den Feiern zum 70. Jahrestag des Endes der Luftbrücke. Mit fast 280 000 Flügen brachten Amerikaner, Briten und Franzosen von Juni 1948 bis Mai 1949 den mehr als zwei Millionen Einwohnern Lebensmittel und Kohle.

Kaugummi machten ihn berühmt

Die Idee, Süßigkeiten abzuwerfen, kam ihm, als er eines Tages am Ende des Rollfelds auf dem früheren Flughafen Tempelhof eine Gruppe Kinder hinter einem Stacheldrahtzaun traf. «Ich hatte noch zwei Streifen Kaugummi, die sie sich in kleinen Stücken teilten», erzählte Halvorsen. «Ich versprach ihnen, am nächsten Tag mehr Süßigkeiten abzuwerfen. Und weil ja alle paar Minuten ein Flugzeug landete, würde ich als Erkennungszeichen beim Anflug mit den Flügeln wackeln.»

Von da an hatte er den Spitznamen «Onkel Wackelflügel» (Mr. Wigglywing). Der junge Pilot schnürte Schokoriegel und Kaugummi zu kleinen Bündeln und befestigte diese an Taschentüchern, die wie Fallschirme vom Himmel fielen.

Halvorsens süße Geste war beste Werbung für die Berliner Luftbrücke, sie half der deutsch-amerikanischen Freundschaft mit auf die Sprünge. Die Kameraden des Piloten machten bei der Aktion mit. Mehr als 23 Tonnen Schokolade und Bonbons warfen sie in den nächsten Monaten ab.

Mit Deutschland blieb Halvorsen verbunden. Anfang der 70er Jahre war er vier Jahre lang Kommandant des Flughafens Tempelhof, den er als «Candy Bomber» angeflogen hatte. Nach diesem letzten Einsatz und mehr als 8000 Militär-Flugstunden setzte er sich im heimatlichen Utah zur Ruhe. Dort hatte er eine große Familie: Fünf Kinder, 24 Enkel und 65 Urenkel, so zählte seine Tochter Denise auf.

Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) betonte, Halvorsens zutiefst menschliche Handlung sei nie vergessen worden. «Er hatte viele Freunde in unserer Stadt und ist ein Leben lang immer wieder hierhergekommen.» Berlin sei seine zweite Heimat gewesen. «Wir werden seinen mitreißenden Schwung auch im höchsten Alter sehr vermissen.»

Jürgen Lillteicher, Leiter des Alliiertenmuseums in Berlin, würdigte den «Rosinenbomber»-Piloten als «ungemein charismatischen und liebenswerten Menschen». Halvorsen sei immer engagiert gewesen, sagte der Historiker. Und er sei ein Beispiel dafür gewesen, wie aus Feinden Freunde werden konnten.