Wer weiß, was die wilden Elefanten antreibt? Ganz China rätselt seit Wochen über eine Herde von Dickhäutern, die sich auf eine Odyssee nach Norden gemacht hat.

Warum haben sie die subtropischen Wälder ihres Naturschutzgebietes in Xishuangbanna an der Südwestgrenze zu Laos und Myanmar verlassen? Mehr als 500 Kilometer haben sie schon zurückgelegt. Auf dem Weg haben sie Felder verwüstet, Ernten geplündert, sind über Straßen durch Dörfer und Städte gezogen. Einige Hundert Zwischenfälle wurden gezählt. Die Schäden werden auf umgerechnet mehr als eine Million Euro beziffert.

Die «wahnsinnig süßen» und «niedlichen» Elefanten sind die Stars in sozialen Netzwerken. Drohnen filmen die Herde aus der Luft, wie sie mit ihren jungen Kälbern aneinander gekuschelt, aufgereiht zwischen Bäumen am Boden liegen und friedlich schlafen. Chinas Medien informieren das Milliardenvolk täglich, schicken Eilmeldungen auf Handys: «Wilde Elefantenherde stoppt auf Weg nach Norden, während einsames Männchen zurückbleibt», informiert das renommierte Wirtschaftsmagazin «Caixin» noch am Montag mit einer schnellen Push-Nachricht, als wenn der Aktienhandel angehalten worden wäre.

Die Herde warte in Yimen, «hat am Samstag länger nach dem Männchen gerufen», das 16 Kilometer entfernt sei, weiß Professor Chen Mingyong von der Universität Yunnan dort zu berichten. «Dann bewegte sich der einsame Elefant in Richtung der Gruppe.» Die geschützten asiatischen Elefanten seien sozial, hätten Sinn für Familie, heißt es. Seit mehr als einem Jahr sind sie schon auf dem Weg. Zuletzt drohten sie sogar, in die Sieben-Millionen-Metropole Kunming einzufallen. Es würde zu der 15. Weltartenschutzkonferenz (Cop15) passen, die in der Hauptstadt der Provinz Yunnan zusammenkommen soll - allerdings erst im Oktober.

Es wird auch gescherzt, dass sich die Elefanten wie einst die kommunistischen Revolutionäre in den 30er Jahren auf einen «langen Marsch» gemacht hätten, um vielleicht an den großen Feiern zum 100. Geburtstag der Partei am 1. Juli in Peking teilzunehmen. Der dicht besiedelte Norden ist auf jeden Fall ein Irrweg. Also, ist der Leitelefant unerfahren oder verwirrt? Xie Can von Chinas Akademie der Wissenschaften, Experte für geomagnetische Felder, glaubt, dass etwas mit dem angeborenen Wandertrieb der Elefanten passiert sei. «Es könnte sein, dass ein Magnetsturm, ausgelöst durch ungewöhnliche Sonnenaktivität, den Instinkt ausgelöst hat», wird er zitiert.

Wie so oft ist aber wohl eher der Mensch schuld. So sei das Naturreservat in Xishuangbanna um 40 Prozent geschrumpft, berichtet Professor Zhang Li von der Pädagogischen Universität in Peking. Landwirtschaft und Siedlungen verdrängen den Wald. Besserer Schutz der Elefanten - auch vor Wilderern - hat ihre Zahl in China aber von 180 in den 80er Jahren auf heute 300 steigen lassen.

«Auf der einen Seite haben wir eine wachsende Population, auf der anderen verringert sich das passende Habitat», schildert der Ökologie-Professor im TV-Interview das Dilemma. «Das ist ein klassischer Konflikt zwischen Artenschutz und der Entwicklung der ländlichen Wirtschaft.» Aus seiner Sicht ist es «der Schlüsselfaktor, warum die Elefanten aus ihrer Heimat auswandern». So dürfte es auch sehr schwierig werden, die Elefanten zum Rückweg zu bewegen.

Die großen Tiere, die aggressiv werden können, wenn sie sich bedroht fühlen, werden ohnehin als gestresst beschrieben. Schon wegen des Rummels. Hunderte Schaulustige versammeln sich, wenn ihre Ankunft erwartet wird. Flugkörper mit Kameras kreisen über ihren Köpfen. Ein Krisenstab mit 300 Helfern verfolgt seit Wochen jeden Schritt. Informationen, wo die Tiere gerade genau sind, werden in Echtzeit an Dorfkomitees gegeben. Mit Lastern oder Müllwagen werden ihnen dann Straßen versperrt, um sie fernzuhalten.

Die schlauen Elefanten haben längst gelernt, dass in der Landwirtschaft leichter gehaltvollere Nahrung zu finden ist als in den Wäldern ihres Reservats, wo sie meist nur kleine Pflanzen fressen, wie Experten schildern. Dorfbewohner locken sie daher mit tonnenweise Nahrung wie Zuckerrohr, Bananen, Mais und anderem Getreide weg von ihren Feldern und Siedlungen. So finden die Tiere, die täglich 200 bis 300 Kilogramm futtern können, immer wieder ganz einfach Nahrung auf ihrer Wanderung - und entfernen sich damit weiter von ihrer natürlichen Lebensweise.

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