New York/ Berlin

Hören die überhaupt zu? Verunsicherung durch Kopfhörer-Trend

Einkaufen und Bahn fahren, aber auch Freunde treffen und angeblich sogar Sex: immer mehr Leute behalten ihre drahtlosen Kopfhörer in allen Lebenslagen im Ohr. Und so manches Gegenüber fragt sich: «Hört der mir eigentlich noch zu?»
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Kopfhörer
Knopf im Ohr: «AirPods», drahlose Kopfhörer von Apple. Foto: Rolf Vennenbernd

Eine typische Straßenszene in New York kann momentan so aussehen: Sie sitzt vor einem Café in der Sonne, er kommt dazu, sie umarmen sich und quatschen. Beide tragen kleine, drahtlose Kopfhörer. Doch keiner denkt dran, sie dabei aus den Ohren zu nehmen.

Ein Trend, der zunehmend auch in Deutschland für Irritationen sorgt. Es geht vor allem um moderne Ohrstecker ohne Kabel, die immer beliebter werden - so wie die weißen «AirPods» von Apple, aber auch andere Marken wie Sennheiser oder Samsung sind auf dem Markt.

Lange Zeit wurden über die kleinen Kopfhörer Witze gemacht, aber nun scheinen sie allgegenwärtig: In der Bahn, im Büro, beim Kinder von der Schule abholen oder in Bars beim Freunde treffen: die Kopfhörer - anders als ihre Vorgänger mit Kabel - bleiben oft drin.

Und das führt zu Diskussionen. Am Washington Square in Manhattan sitzt einer der Dauerträger: «Die sind so komfortabel zu tragen, ich merke oft gar nicht, dass ich sie noch drin habe», sagt der junge Mann. Sein Freund - ohne Kopfhörer - sitzt genervt daneben: «Ich sage ihm immer wieder, dass es mich stört.» Er wisse schließlich nie, ob sein Kumpel sie gerade benutze oder nicht.

Einige Kopfhörer-Träger scheinen dagegen zu denken, dass es egal ist, ob sie die Mini-Lautsprecher tragen, denn sie hören ihrem Gegenüber ja trotzdem zu. Die Frage aber ist: Wem noch? Die kleinen Ohrstecker können nämlich weit mehr, als nur Musik abspielen. Apple kündigte erst kürzlich an, dass die AirPods eingehende Nachrichten künftig bei Bedarf auch automatisch vorlesen sollen.

Michael Niedeggen, Professor für Allgemeine Psychologie und Neuropsychologie an der Freien Universität Berlin, versteht die Vorbehalte. Menschen seien semantisch nicht darauf ausgerichtet, zwei Dinge ähnlichen Ursprungs zur selben Zeit zu verarbeiten. Man könne zwar spazieren und sich dabei unterhalten, auch Schreiben und klassische Musik hören. «Sobald man aber zwei sprachliche Informationen gleichzeitig bekommt, geht das nicht.»

Deshalb könne es auch Auswirkungen auf die Kommunikation haben, wenn man parallel zu einem Gespräch gleichzeitig noch den Kopfhörern lauscht: «Konversationen würden flacher werden, denn ich nehme nicht alle Informationen auf, die mein Gegenüber über mir gerade vermitteln möchte», sagt Niedeggen. Die Folge könne sein, dass Gesprächspartner verstärkt auf Wiederholungen zurückgreifen müssten. Oder aber auf belanglose Phrasen, um das Gespräch am Leben zu halten. Die Qualität der Kommunikation würde leiden.

Schon das Tragen der Kopfhörer - egal ob sie ausgeschaltet sind oder nicht - signalisiere dem Gesprächspartner, dass ihm nicht die volle Aufmerksamkeit geschenkt wird. «Es ist auf jeden Fall das falsche Symbol, was die Wertschätzung des Gegenübers angeht», erklärt Niedeggen. Das sei vergleichbar mit ständigen Blicken auf das Handy.

Das sei auch kniggetechnisch zu beanstanden, meint Patricia Fitzpatrick, die auf ihrer Etikette-Schule in New York gutes Benehmen lehrt. Ihr Urteil zum Kopfhörer-Fall: «Sofern sie die Person respektieren, mit der sie zusammen sind, nehmen sie sie raus.» Ohrstecker seien ein gutes Mittel, um ungewollte Kommunikation - zum Beispiel im Flugzeug - zu unterbinden. Wenn das Gespräch aber gewollt ist, seien sie kontraproduktiv. «Die Unterhaltung muss im Gleichgewicht sein».

Studien zu den Auswirkungen durch veränderte Hör-Gewohnheiten sind den Experten noch nicht bekannt, doch Psychologen sehen mögliche Folgen auch für Kinder. Aktuelle Forschung zum Einfluss von Smartphones auf Eltern zeige, dass deren Sensibilität gegenüber Signalen ihrer Nachkommen abnehme, sagt Professor Markus Paulus, der den Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München hält.

In der Forschung gebe es das sogenannte «Scheinwerfer-Modell», bei dem die Aufmerksamkeit wie ein Licht auf eine bestimmte Sache gerichtet sei. Alles andere bleibe im Dunkeln. Unter der Ablenkung durch Kopfhörer könne deshalb auch die Eltern-Kind-Beziehung leiden. Anders herum merkten auch die Kinder, wenn sie um die Gunst ihrer Eltern buhlen müssten. «Kinder zeigen dann vermehrt riskante Verhaltensweisen, um die Aufmerksamkeit der Eltern zu bekommen.»

Und der Trend scheint nicht nur bis in die Kindererziehung, sondern auch ins Schlafzimmer vorzudringen. Die Tech-Nachrichten-Webseite «cnet» veröffentlichte kürzlich einen Artikel mit der Überschrift: «Lasst Apple AirPods nicht in den Ohren, während ihr Sex habt». Sie bezog sich dabei auf die Umfrage eines US-Online-Händlers, der herausgefunden haben will, dass siebzehn Prozent ihrer Besitzer die Kopfhörer auch dann tragen, während sie mit jemandem schlafen.