Die Erschütterungen erreichten am Dienstagabend (Ortszeit) nach Angaben der chilenischen Erdbebenwarte CSN die Stärke 8,2 - es war das heftigste Beben im Norden des südamerikanischen Landes seit 1877. Aus einem Gefängnis flüchteten Hunderte Insassen.

Das Zentrum des Bebens lag rund 100 Kilometer vor der Küste der Stadt Iquique in 38,9 Kilometern Tiefe unter dem Meer. Aus Angst vor Riesenwellen ordneten die Behörden Evakuierungen entlang der rund 5000 Kilometer langen Küstenlinie an. Am Mittwochmorgen hob das Ozeanographische Institut der Marine (SHOA) die Tsunami-Warnung auf.

Über 60 Nachbeben erreichten eine Stärke von bis zu 6,0. Das Hauptbeben war bis in die fast 500 Kilometer entfernte bolivianische Hauptstadt La Paz zu spüren. Auch im Süden Perus gab es Evakuierungen, neun Menschen wurden dort leicht verletzt, wie die Zeitung «El Comercio» online berichtete.

Erdbeben kommen in Chile häufiger vor. Zuletzt waren am 27. Februar 2010 bei einem Beben der Stärke 8,8 im Süden des Landes mehr als 500 Menschen umgekommen. Das Anden-Land liegt an der Kontaktgrenze der tektonischen Nazca- und der südamerikanischen Platte.

Die größten Tsunami-Wellen erreichten nun mit etwa 2,5 Metern Höhe den Hafen von Iquique. Mehr als hundert Boote wurden schwer beschädigt, wie der Fernsehsender TV Chile berichtete. Hunderte größere Schiffe, darunter die der chilenischen Kriegsflotte, fuhren aus, um Schäden zu vermeiden. «Das Meer erreichte das erste Stockwerk der Marine-Verwaltung», sagte der Bürgermeister von Iquique, Jorge Soria. Zudem brachen Brände in der Stadt aus. In der Stadt Arica an der peruanischen Grenze wurden Lokale am Strand überschwemmt.

Präsidentin Michelle Bachelet erklärte drei Regionen im Norden zum Katastrophengebiet. Das Militär solle den Betroffenen helfen, aber auch Plünderungen vermeiden, sagte sie in einer Fernsehansprache. «Es sind die notwendigen Maßnahmen getroffen worden, um die Bürger und ihren Besitz zu schützen. Das Land hat die ersten Stunden dieses Notfalls gut gemeistert.» Am Mittwoch reiste sie in die betroffene Region.

Es war 20.46 Uhr, als die Menschen den Boden unter ihren Füßen kräftig wanken spürten. Am stärksten traf das Beben Iquique (160 000 Einwohner) sowie Arica (210 000 Einwohner). «Wir hatten große Angst. Uns blieb nur noch, uns hinzukauern und Gott um Gnade zu bitten», berichtete eine Frau dem Radiosender Bio Bio. Dass sich etwas anbahnte, war schon in den vergangenen Wochen zu spüren gewesen: Mehr als 400 kleinere Beben hatten das Land erschüttert.

Es kam zu Erdrutschen und Stromausfällen. In Arica hatte am Mittwochmorgen die Hälfte der Stadt keinen Strom, erklärte Bürgermeister Salvador Urrutia. Die Telefonnetze waren überlastet, wie örtliche Medien berichteten. Flüge und Busverbindungen in die betroffenen Gebiete wurden vorübergehend eingestellt. Auch der Schulunterricht fiel vielerorts aus.

In Iquique nutzten 322 Häftlinge eines Frauengefängnisses einen Mauerfall der Haftanstalt zu einem Massenausbruch. Etwa 100 wurden später wieder gefasst, erklärte der Staatsanwalt dem chilenischen Fernsehen. Zudem gab es vereinzelt Plünderungsversuche. Die Regierung schickte aus Santiago de Chile 100 Polizisten zur Verstärkung der Sicherheit nach Iquique.

Die Evakuierung der Küstenstreifen in Städten wie Arica und Antofagasta sei in der ersten Stunde nach dem Beben problemlos verlaufen, berichtete der Rundfunksender Cooperativa nach Angaben lokaler Behörden. Mehr als 900 000 Einwohner aus den Küstengebieten flüchteten in höher gelegene Gegenden. Am Mittwochmorgen konnten die Menschen wieder in ihre Wohnungen zurück.

Die Schäden lassen sich nach Angaben des weltgrößten Rückversicherers MunichRe noch nicht beziffern. «Jedoch werden die Gesamtschäden sicher bei weitem unter denen des schweren Erdbebens vom Februar 2010 mit einer Magnitude von 8,8 liegen», sagte der Erdbebenexperte des Konzerns, Alexander Allmann, am Mittwoch in München. Damals hatten die Schäden eine Höhe von rund 30 Milliarden Dollar erreichet.