Freiburg im Breisgau
Gruppenvergewaltigung

Nach Gruppenvergewaltigung von 18-Jähriger: Wie Freiburg mit der Angst lebt

Wieder sind die Menschen im südbadischen Freiburg in Sorge: Im Oktober wurde eine 18-Jährige nahe einer Diskothek von mindestens acht Männern vergewaltigt. Junge Frauen gehen aktuell nicht mehr allein auf die Straße.
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Das Hans-Bunte-Areal in Freiburg: Das Tor zur Diskothek ist verschlossen. In einem Gebüsch, das an das Grundstück angrenzt, sollen mehrere junge Männer am 14. Oktober eine 18-Jährige vergewaltigt haben. Mirjam Moll
Das Hans-Bunte-Areal in Freiburg: Das Tor zur Diskothek ist verschlossen. In einem Gebüsch, das an das Grundstück angrenzt, sollen mehrere junge Männer am 14. Oktober eine 18-Jährige vergewaltigt haben. Mirjam Moll

ein Artikel von Mirjam Moll

Wer an diesem Nachmittag ins Industriegebiet Nord in Freiburg kommt, hat es eilig. Im Baumarkt einkaufen, noch ins Fitnessstudio gegenüber gehen oder in die Autowerkstatt. Dabei ist es ein sonniger Tag. Wer entlang der Bundesstraße spazieren geht, hört das Herbstlaub unter seine Füßen rascheln.

Gruppenvergewaltigung in Freiburg: Eine Stadt in Aufruhr

Dort, an der Ecke, liegt die Diskothek, über die nun alle reden: das Hans-Bunte-Areal. Das Tor mit der Holzverkleidung ist verschlossen. Ein Schild weist darauf hin, dass Foto- und Filmaufnahmen verboten sind. Rechts daneben ein Gebüsch. Hier soll eine 18-Jährige am 14. Oktober von einer Gruppe Männern vergewaltigt worden sein, sieben Syrer und ein Deutscher sitzen in Untersuchungshaft.

Wieder ist die Stadt in Aufruhr. Wieder ist Freiburg zum Tatort geworden. Wie schon vor zwei Jahren, im November 2016, als Maria L. tot an der Dreisam aufgefunden wird. Die 19-jährige Studentin wurde, wie sich Wochen später herausstellt, von einem 17-jährigen Flüchtling aus Afghanistan vergewaltigt und getötet. Und wieder ist eine erbitterte Debatte über die Sicherheit junger Frauen in der Stadt ausgebrochen.

Auch die 25-Jährige, die einige hundert Meter weiter ihre Einkäufe im Fahrradkorb verstaut, hat von der Gruppenvergewaltigung gehört. Wer nicht? "Es ist natürlich schockierend, was passiert ist", sagt die Studentin. "Aber ich habe den Eindruck, dass die Tat selbst gerade in den Hintergrund gerät."

In Freiburg wird in diesen Tagen vor allem über die Tatverdächtigen gesprochen, die sieben Syrer im Alter zwischen 19 und 29 Jahren und den 25-jährigen Deutschen. Um das Opfer geht es kaum. Oder das, was die Männer unweit der Großraum-Disco getan haben sollen. Dabei, sagt die 25-Jährige, müsse doch die Tat aufgeklärt werden. Ob sie verunsichert ist? "Ich will mich von so etwas einfach nicht beeinflussen lassen", erklärt sie. "Als junge Frau allein muss man sowieso immer aufpassen."

Als Frau allein ins Industriegebiet?

Auf keinen Fall, sagen viele hier. Die 18-Jährige war an jenem Abend mit einer Freundin in dem Technoklub, sie nimmt Drogen, wird zu einem Drink eingeladen. Nach Polizeiangaben lernt sie dort auch Majd H. kennen, den Hauptverdächtigen. Ob er ihr K.o.-Tropfen in ihr Getränk gemischt hat, versucht die Polizei derzeit herauszufinden. Ebenso unklar ist, in welchem Zustand die junge Frau ist, als sie den Club mit dem Fremden kurz nach Mitternacht verlässt. Sie kommt nur wenige Meter weit, bevor sie auf das dichte Waldstück direkt neben dem Club gezerrt wird. Dort, so heißt es, hat Majd H. sie vergewaltigt. Danach kehrt er in den Club zurück und gibt seinen Freunden Bescheid. Einer nach dem anderen vergeht sich an der Frau.

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Julia Altreuter sitzt in einem Café in der Innenstadt und genießt die letzten Sonnenstrahlen. "Natürlich bin ich geschockt", erzählt die 24-Jährige. "Aber es ist doch überall so, immer mal wieder", fügt sie hinzu. Es klingt, als müsse man als junge Frau heutzutage mit diesem Gefühl einfach leben - dass es "entweder passiert, oder eben nicht". Sie zuckt mit den Schultern: "Ich mache mir nicht so viele Gedanken."

Freiburg: Haftbefehl wurde nicht vollzogen

Acht Verdächtige hat die Polizei mittlerweile gefasst. Und DNA-Analysen legen nahe, dass zwei weitere Männer die Frau vergewaltigt haben. Nach ihnen wird derzeit gefahndet. Gegen Majd H. lag bereits vier Tage vor der Tat ein Haftbefehl vor. Der Syrer, inzwischen 22 Jahre alt, kam 2014 im Zuge einer Familienzusammenführung nach Freiburg. Er hat sich in Deutschland als "Intensivtäter" erwiesen. "Drei Körperverletzungsdelikte und zwei mutmaßliche Taten mit Sexualbezug" legte ihm die Polizei zur Last. Unter anderem soll er 2017 eine Bekannte vergewaltigt haben, auch hier sollen weitere Männer beteiligt gewesen sein. Warum aber wurde der Haftbefehl gegen diesen Mann nicht vollzogen?

Nach Aussage der Polizei scheiterte der erste Versuch einer Festnahme. Medienberichten zufolge soll der Verdächtige zwischenzeitlich abgetaucht gewesen sein. Dann wollte die Kripo aus ermittlungstechnischen Gründen noch einige Tage abwarten, sagt Bernd Belle, der stellvertretende Kripo-Leiter in Freiburg. Gegen Majd H. liefen verdeckte Ermittlungen wegen Drogenhandels. Die Festnahme habe man für den 24. Oktober geplant. Aus Sicht der Ermittler sei kein früherer Zugriff möglich und erforderlich gewesen, so Belle. "Dann haben uns die Ereignisse überholt."

Die Menschen sind erschüttert: Wie kann es sein, dass ein offenbar gefährlicher Mann, gegen den ein Haftbefehl vorliegt, nicht sofort festgenommen wurde? Erst am 21. Oktober, eine Woche nach der mutmaßlichen Vergewaltigung, verhaftet die Polizei Majd H.

Für Julia Hahn ist das unbegreiflich. "Ich mache mir schon Gedanken", sagt die 23-Jährige. Jungen Frauen werde doch auch immer eingeschärft, auf ihre Getränke aufzupassen, nichts offen stehen zu lassen, nicht in dunkle Gassen zu gehen, schon gar nicht alleine. Sie will das Opfer nicht verurteilen. Sie zählt nur die Vorsichtsmaßnahmen auf, die sie nun wieder bewusster umsetzen will. In der Hans-Bunte-Straße ausgehen würde sie wohl trotzdem: "Ich bin neu hier, wenn mich jemand fragen würde, ob ich mitgehe, würde ich das wohl machen."

Freiburgs Polizeipräsident Bernhard Rotzinger hat es sicher gut gemeint mit seinem Ratschlag. Im Interview mit dem "Spiegel" legte er den Bürgern nahe, mit einem gesunden Risikobewusstsein durch die Stadt zu gehen. Und dann sagte er noch, vor allem an die Adresse junger Frauen: "Macht euch nicht wehrlos durch Alkohol oder Drogen." Ein Satz, der Rotzinger viel Kritik einbrachte - weil er damit suggerierte, das Opfer hätte sich selbst besser schützen können oder sogar müssen. Die junge Journalistin Anika Maldacker sieht das ganz anders: "Die Forderung, dass Frauen das gleiche Recht auf Enthemmung und Rausch wie Männer haben, sollten wir immer wieder betonen und aufrechterhalten." Es sollte möglich sein, dass sich Frauen nachts angstfrei bewegen können, schreibt die Autorin in der "Badischen Zeitung".

Forderungen nach mehr Freiburger Polizei werden laut

Das Bild von Freiburg, jener Stadt in Südbaden, die als liberal und tolerant gilt, als sonnig und studentisch, hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Seit dem Sexualmord an der 19-jährigen Maria L. im Jahr 2016. Seit kurz danach die 27-jährige Joggerin Carolin G. vergewaltigt und getötet wurde, nur wenige Kilometer entfernt in Endingen.

Dieter Salomon, der im Mai als Freiburger Oberbürgermeister abgewählt wurde, hatte jahrelang mehr Polizei in der Stadt gefordert. Nach dem Mord am Maria L. hat man ihn im Innenministerium in Stuttgart erhört. Im vergangenen Jahr wurde eine "Sicherheitspartnerschaft" von Stadt und Land eingerichtet. Die Zahl der Gewaltdelikte sei zurückgegangen, auch Raub- und Straßenkriminalität seien seither rückläufig, betont Polizeipräsident Rotzinger. Allerdings musste auch er einräumen, dass es mehr Sexualdelikte in der Stadt gibt. Das sei allerdings hauptsächlich auf die Verschärfung des Sexualstrafrechts zurückzuführen, das belegt auch eine Statistik des Bundeskriminalamts. Der Anteil nicht-deutscher Verdächtiger liege bei mehr als 50 Prozent, die Aufklärungsrate bei 70 Prozent.

Jana Holderied helfen solche Zahlen nicht. Die 20-Jährige fühlt sich unwohl in Freiburg. Sie wohnt etwas außerhalb, das Warten auf die Straßenbahn in der Dunkelheit ist ihr unangenehm. Alleine traut sie sich fast nicht mehr raus. "Das war vor diesem Fall aber auch nicht viel besser", stellt sie klar: "Da gab es auch immer wieder Schlägereien und so was in der Stadt."

In der Hans-Bunte-Straße ausgehen? "Auf keinen Fall", sagt die Studentin. Die Tat selbst kann sie nicht nachvollziehen: "Da stimmt menschlich etwas nicht mit diesen Leuten, die so etwas tun. Aber mit der Nationalität hat das nichts zu tun."

Und dennoch sorgt der Fall der 18-Jährigen, der mit einer sofortigen Festnahme womöglich hätte verhindert werden können, für Kopfschütteln bei der Bevölkerung. Freiburgs Polizeipräsident Rotzinger verteidigt das Vorgehen: "Es tut uns weh, wenn Ermittler, die auch übers Wochenende durcharbeiten, kritisiert werden, wenn eine zu planende und geplante Fahndung, Durchsuchung und Festnahme mit Haftbefehl nachträglich so skandalisiert wird."

In Freiburg werden unterdessen die Rufe nach mehr Polizeipräsenz auch in entlegenen Stadtteilen immer lauter. Die CDU-Fraktion der Stadt forderte, den Ordnungsdienst zu erweitern: Zehn neue Stellen und eine Überarbeitung des bisherigen Konzepts seien überfällig. Die Polizei kündigte ein "Maßnahmenpaket zur an der Lage orientierten Fortentwicklung der Sicherheitspartnerschaft" an, das noch in diesem Monat bekanntgegeben werden soll. Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl gab seinerseits bekannt, die vergangenes Jahr eingerichtete Sicherheitspartnerschaft werde fortgeführt und die Polizeipräsenz in Freiburg nochmals ausgebaut.

Strobl ist unter Druck. Auch, weil Majd H. dem Sonderstab "Gefährliche Ausländer" des Innenministeriums schon im August gemeldet worden war. Damals sei allerdings keine "erhebliche strafrechtliche Verurteilung" gegen den Mann vorgelegen, die für eine Ausweisung notwendig gewesen sei. Die FDP kritisiert zudem, Strobl trage die politische Verantwortung für das schreckliche Verbrechen, weil der Haftbefehl gegen Majd H. nicht vollzogen wurde. Strobl sagt: "Das ist schlichtweg schäbig."

Der jungen Frauen, die in Freiburg leben, scheint es um etwas anderes zu gehen. Sie wollen einfach nur mehr Sicherheit. Keine polemische Debatte über Migrationspolitik.