Am Mittwoch (25. Oktober 2017) wurde ein Verdächtiger im "Fall Johanna" festgenommen, der Johanna Bohnacker 1999 entführt, missbraucht und ermordet haben soll. Am Donnerstag gaben die Ermittler neue Informationen bezüglich des verhafteten 41-Jährigen bekannt:
 


Der Mann hat ein Geständnis abgelegt

Aufmerksamen Passanten und einer verbesserten Technik zum Fingerabdruck-Vergleich ist zu verdanken, dass ein Tatverdächtiger 18 Jahre nach dem Mord an der achtjährigen Johanna festgenommen werden konnte. Der 41-Jährige sitzt seit Mittwoch wegen Mordes und besonders schwerer sexueller Nötigung in Haft. Er soll das Mädchen 1999 in den Kofferraum seines Autos gezerrt und gefesselt haben. Laut Staatsanwaltschaft hat der Mann gestanden, dass er sich sexuell an dem Kind vergangen und es dann getötet hat.  



Massenweise Kinderpornografie gefunden

Bei dem Tatverdächtigen hat die Sonderkommission massenweise Kinderpornografie gefunden. Der Leiter der Soko "Johanna", Roland Fritsch, sprach am Donnerstag in Gießen von 17 Millionen Dateien, darunter Hunderte Datenträger und Hunderte Videokassetten. Nach Angaben von Staatsanwalt Thomas Hauburger handelt es sich dabei überwiegend um kinderpornografisches Material.

Ein zweiter Missbrauchsfall hatte die Ermittler auf die Spur des Tatverdächtigen im Fall Johanna geführt. Das berichtete der Sprecher der Staatsanwaltschaft Gießen, Thomas Hauburger.
Passanten hätten im August 2016 einen Mann bei "Fesselungs-Spielen" mit einer 14-Jährigen in einem Maisfeld in der Wetterau beobachtet. In seiner Wohnung seien Beweismittel sichergestellt worden. Eine Fingerabdruck-Spur auf einem Klebeband aus dem Fall Johanna sei identisch gewesen mit dem linken Daumen des Tatverdächtigen. 


Technische Methoden reichten nicht aus

Der Tatverdächtige im Fall Johanna ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft ledig und kinderlos. Er sei vorbestraft - allerdings nicht wegen Sexualdelikten, sondern wegen Betäubungsmittel- und Verkehrsdelikten, sagte Staatsanwalt Thomas Hauburger am Donnerstag. 

Seine Spur zum Mordfall Johanna sei bereits früher überprüft worden, weil er das Automodell fuhr, nach dem bei der Fahndung gesucht worden war. Es seien damals auch Fingerabdrücke genommen worden, aber seinerzeit seien die technischen Methoden noch nicht so gut gewesen, dass man ihn hätte überführen können.

Der "Durchbruch" in den Ermittlungen habe man dank einer "minimalen Fingerabdruckspur" erzielt: Der abgeschnittene und verzerrte Fingerabdruck war auf einem Stück Klebeband gewesen, mit dem Johanna gefesselt war. Er sei identisch gewesen mit dem linken Daumen des Tatverdächtigen, sagte Hauburger. 
 


Ähnliche unaufgeklärte Fälle werden weiter überprüft

Der Verdächtige habe nach den bisherigen Erkenntnissen weder Johanna noch ihre Familie gekannt, sagte Staatsanwalt Hauburger. In den Vernehmungen habe er sich für den Tod des Mädchens verantwortlich gezeigt, diesen aber mehr als Unfall dargestellt. "Wir schenken dieser Einlassung momentan allerdings keinen Glauben", sagte Hauburger. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Verdächtige Johanna tötete, um einen vorangegangenen Missbrauch zu verdecken.

Es gebe derzeit "keine belastbaren Hinweise", dass der Mann für weitere Missbrauchsfälle, Morde oder das Verschwinden von Mädchen verantwortlich ist, sagte der Leiter der Sonderkommission, Roland Fritsch. Es werde nun aber mit Hochdruck weiter ermittelt, um ähnliche unaufgeklärte Fälle in ganz Deutschland zu überprüfen.
 


Die wichtigsten Schritte der Polizei auf der Suche nach dem Mörder:

2. September 1999: Johanna (8) wird auf einem Radweg in Ranstadt-Bobenhausen in ein Auto gezwungen. Die Achtjährige wird sexuell missbraucht und getötet. 

1. April 2000: Ein Spaziergänger findet die sterblichen Überreste des Kindes etwa 100 Kilometer entfernt in einem Waldstück in Alsfeld-Lingelbach (Vogelsbergkreis).

2002: Mehrere hundert Männer aus der nächsten Umgebung des Tatorts werden gebeten, freiwillig ihre Fingerabdrücke abgegeben.

2005: Bei einer zweiten Testreihe werden die Fingerabdrücke aller Personen genommen, die eine Bauschuttdeponie in der Nähe des Entführungsortes genutzt haben.

2007: Die Polizei nimmt die Fingerabdrücke von Männern, die den gleichen Autotyp fahren wie der mutmaßliche Täter, einen VW Jetta mit einem Kennzeichen für Bad Homburg. 

September 2014: 15 Jahre nach Johannas Tod sucht die Polizei in der TV-Sendung "Aktenzeichen XY" erneut nach dem Täter. 

August 2016: Spaziergänger beobachten in einem Maisfeld bei Nidda in der Wetterau einen Mann, der eine 14-Jährige fesselt. Bei den Ermittlungen fallen Parallelen zum Fall Johanna auf.

25. Oktober 2017: Ein 41-Jähriger wird in Friedrichdorf (Hochtaunuskreis) als dringend tatverdächtig festgenommen. Ihm werden Mord und besonders schwere sexuelle Nötigung vorgeworfen.