Bamberg

Millionen Kinder leiden still: Telefonaktion zum Thema "Kinder aus suchtbelasteten Familien"

In der bundesweiten "Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien" bekommen Betroffene und Interessenten in unserer Redaktion Rat von zwei Expertinnen.
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In Familien, in denen viel Alkohol getrunken wird, nehmen Kinder das Trinken als Möglichkeit zur Problemlösung wahr. Ein fataler Irrglaube, der  oft in ein Suchtverhalten mündet. Foto: dmitrimaruta, adobe stock
In Familien, in denen viel Alkohol getrunken wird, nehmen Kinder das Trinken als Möglichkeit zur Problemlösung wahr. Ein fataler Irrglaube, der oft in ein Suchtverhalten mündet. Foto: dmitrimaruta, adobe stock
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Etwa jedes sechste Kind in Deutschland kommt aus einer Familie, in der Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit herrschen. Ihr Risiko, selbst eine Sucht oder eine psychische oder soziale Störung zu entwickeln, ist hoch. Mit rechtzeitiger Unterstützung können sie sich jedoch zu gesunden Erwachsenen entwickeln. Unter dem Motto "Vergessenen Kindern eine Stimme geben" findet alljährlich im Februar eine Aktionswoche statt, an der sich diese Zeitung mit einer kostenlosen Telefonaktion am Dienstag, 11. Februar, beteiligt.

Das sind unsere Expertinnen

Von 16 bis 18 Uhr stehen in unserer Redaktion zwei Expertinnen Rede und Antwort zu allen Fragen rund um "Kinder aus suchtbelasteten Familien": Prof. Dr. Eva Robel-Tillig ist Chefärztin und Leiterin der Kinderklinik am Klinikum Bamberg. Bei unserer Telefonaktion beantwortet sie unter der Durchwahl 0951/188-226 alle Fragen zu gesundheitlichen Folgen für Kinder aus Suchtfamilien. Stephanie Roth ist Diplompsychologin und Leiterin der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern bei der Caritas Bamberg-Forchheim. Sie ist bei unserer Telefonaktion unter der Durchwahl 0951/188-221 am Redaktionstelefon zu erreichen.

Hohe Dunkelziffer

Die Kinder ("Children of Alcoholics/Children of Addicts", kurz COA) sind in Deutschland nicht etwa eine Randgruppe: Rund 3 Millionen haben nach Angaben der Drogenbeauftragten der Bundesregierung mindestens einen suchtkranken Elternteil.

Die meisten dieser Jungen und Mädchen - etwa 2,65 Millionen - sind mit der Alkoholabhängigkeit eines Elternteils oder beider Eltern konfrontiert, 40 000 bis 60 000 Kinder haben einen opiatabhängigen Elternteil.

Wie viele Kinder darüber hinaus mit Eltern aufwachsen, die ein nichtstoffliches Suchtverhalten wie Spielsucht, Arbeitssucht, Sexsucht oder Online-Sucht zeigen, kann mangels Zahlen nicht annähernd geschätzt werden. Die Drogenbeauftragte geht von einer hohen Dunkelziffer aus.

Mehr Problembewusstsein nötig

Die betroffenen Kinder sind Risikokandidaten. Darauf möchte die "Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien" aufmerksam machen. Sie lenkt jedes Jahr in der Woche um den Valentinstag das Interesse von Öffentlichkeit und Medien auf die Problematik (www.coa-aktionswoche.de).

Die Idee dazu stammt von der National Association for Children fo Alcoholics (NACoA) in den USA. Die NACOA-Organisationen in Großbritannien und Deutschland nahmen die Idee auf. Auch in Schweden und in der Schweiz wird die Aktionswoche begangen.

Heuer findet sie vom 9. bis 15. Februar statt und will Verantwortliche in Bund, Ländern und Gemeinden ansprechen und dazu auffordern, sich für mehr Unterstützungsangebote für COAs und die Aufnahme solcher Hilfen in die Regelversorgung einzusetzen. Außerdem sollen Projekte und Initiativen die Gelegenheit zur Bekanntmachung ihrer Angebote für COAs erhalten.

Spezielle Projekte in Franken

Iin Franken gibt es für Kinder aus suchtbelasteten Familien bereits einige Angebote wie Suchtambulanzen in Kliniken sowie Beratungsstellen bei Wohlfahrtsverbänden. Ebenfalls sind Familienstützpunkte, Jugendämter und Gesundheitsämter qualifizierte Anlaufstellen. Am Landratsamt Bamberg setzt sich der Fachbereich Gesundheit auf diesem Gebiet ein. So wurde beispielsweise die Arbeitsgruppe "Schulterschluss" initiiert, deren Ziel es ist, die Zusammenarbeit von Jugend-, Sucht- und Gesundheitshilfe in Bezug auf die betroffenen Kinder und Jugendlichen zu verbessern.

In diesem Zusammenhang startet im April das neue, kostenfreie Gruppenangebot "Wildfang". Es ist aus der Zusammenarbeit von Caritas, "Wilde Wurzeln Wildnispädagogik" und dem "Schulterschluss"-Arbeitskreis entstanden und wird mit Kindern aus suchtbelasteten Familien Aktionen in der Natur veranstalten. Infos zu diesem Präventionsprojekt gibt es bei der Caritas Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern, Tel. 0951/2995730 oder eb@caritas-bamberg-forchheim.de.

Anonym am Telefon

Bei unserer Telefonaktion am 11. Februar können sich Betroffene, Angehörige und Interessenten bei Eva Robel-Tillig und Stephanie Roth über alle Punkte informieren, die mit dem Thema "Kinder aus Suchtfamilien" zusammenhängen. Die Expertinnen sind mit den Problemen vertraut: Familiendynamik und Belastung für die Kinder, Co-Abhängigkeit, gesundheitliche und Entwicklungsrisiken, höhere Wahrscheinlichkeit für Gewalterfahrungen, Schutz von Kindern. Auch die Kriterien und Arten von Suchtstörungen können am Telefon geklärt werden. Natürlich bekommen die Interessenten auch Tipps für den Umgang mit der Problematik sowie Adressen von Anlaufstellen und Beratungsangeboten. Die Anrufe sind kostenlos und werden auf Wunsch anonym behandelt.