"Schau mich an!", fordert die 39-Jährige ihren Mann vor dem Landgericht Darmstadt auf. Sie sitzt in einem Rollstuhl und ist von schwersten Verbrennungen gezeichnet, auch am Kopf, im Gesicht, an den Armen, an den Händen. Ihre Finger wirken verkrüppelt und steif. Dem 41-Jährigen wird versuchter Mord vorgeworfen; er soll seine Frau im September 2016 im Schlafzimmer in der gemeinsamen Wohnung in Rüsselsheim brutal angegriffen, dann mit Benzin übergossen und angezündet haben.

Zunächst sei er mit einer Machete auf sie losgegangen, dann habe er die "um ihr Leben Flehende bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt", trägt Staatsanwalt Nico Kalb am Montag vor. Als sie wieder aufgewacht sei, habe er die auf dem Bett Sitzende mit Benzin überschüttet und sie angesteckt. "Sie schrie vor Schmerz und Panik", sagt Kalb. Der Mann habe die Tür von außen zugehalten, dann aber die am ganzen Körper brennende Frau doch noch gelöscht. "Sie erwachte nach 53 Tagen aus ihrem Koma." Mindestens 24 Operationen seien notwendig gewesen. Schmerzfrei leben könne sie vermutlich nicht mehr. Sie müsse noch mit Amputationen rechnen.

Der bärtige Mann leugnet die Vorwürfe, auch, als der Vorsitzende Richter Volker Wagner zu ihm sagt: "Wenn etwas zu gestehen ist, jetzt ist die Zeit." Der Angeklagte lässt über seinen Verteidiger seine Version mitteilen, die ganz anders klingt als die Anklage: Seine Frau sei drogenabhängig gewesen. Den Brand habe sie selbst verursacht, das Feuer habe sich unkontrolliert ausgebreitet - es sei ein Unfall, den sie ausgelöst habe. Er habe seine Frau "immer geliebt und liebe sie auch heute noch". Das Problem sei eine Schwester der 39-Jährigen gewesen: "Das ist keine normale Frau", behauptet der 41-Jährige. Sie habe die Drogen besorgt.

Die 39-Jährige weint nur selten, als sie ihre Darstellung schildert. Ihre Stimme klingt fest, sie wirkt gefasst. Trotz eines anderen Mannes habe sie an der Beziehung zu ihrem Ehemann festhalten wollen - auch nach dessen Rückkehr aus einer mehrmonatigen Haft. "Ich wollte mich trennen", erzählt sie. "Aber wegen der vier Kinder habe ich ihn wieder aufgenommen. 17 Jahre Ehe wirft man auch nicht so einfach weg." Er habe ihr schon öfter gedroht, aber es nie wahr gemacht. "Deswegen habe ich nicht daran gedacht, dass er jetzt so etwas vorhat. Ich habe gedacht, er macht mir nur Angst."

Doch er sei kaltblütig vorgegangen. "Er war eiskalt in diesem Moment" - habe auch zunächst ihr das Feuerzeug in die Hand gedrückt und sie aufgefordert, sich selbst anzuzünden. "Du tust mir nur noch leid", sagt sie nun zu ihm. "Aber warum hast Du Dich nicht auch übergossen und angezündet?", lässt sie ihrem Schmerz freien Lauf. "Hast Du überhaupt an die vier Kinder gedacht?"

Der 39-Jährigen, die als Nebenklägerin auftritt, zollt die Kammer Respekt. "Was ihre Frau leistet, wie sie in der Öffentlichkeit auftritt, das zeugt von Mut", sagt Wagner in Richtung des Angeklagten. Diesem gibt er mehrere Möglichkeiten, die Tat zu gestehen. Doch er bleibt bei seiner Version. "Ohne Ihnen drohen zu wollen: Wer nicht hören will, muss fühlen", sagt Wagner dann. Auch bei einem versuchten Mord kann eine lebenslange Freiheitsstrafe verhängt werden.
Für den Prozess sind noch mehrere Verhandlungstage bis in die zweite Juni-Hälfte hinein geplant.