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Würzburg
Oper

"Macbeth-Horror-Picture-Show" in Würzburg

Am Mainfrankentheater spielen die Hexen in Giuseppe Verdis "Macbeth" eine Hauptrolle - und der bravouröse Dirigent Enrico Calesso.
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Foto: Theater Würzburg
Foto: Theater Würzburg
Magenta ist nicht nur eine anilinrote Farbe und ein Markenzeichen, sondern auch der Name des Hausmädchens vom legendären Dr. Frank N. Furter. Mit Magentas freigestellten Lippen beginnt der Kultfilm schlechthin, "The Rocky Horror Picture Show". Was das alles mit Giuseppe Verdis "Macbeth" zu tun hat? Eine ganze Menge. Zumindest in Würzburg, am Mainfrankentheater.

Dort hat Stephan Suschke, ab der kommenden Saison der neue Schauspieldirektor des Hauses, die musikdramatische Version von William Shakespeares gleichnamiger Tragödie inszeniert. Es ist schon die fünfte Opernarbeit des Regisseurs in Würzburg, vielleicht aber die bisher schwierigste. Denn sie funktioniert erst nach der Pause, wirkt dann allerdings so eindringlich, dass die Premiere ausgiebig gefeiert wurde.


Ein ganz authentischer Klang



Das Orchester unter Enrico Calesso kam am Sonntag wesentlich schneller in Fahrt. Mit dieser Produktion - gespielt wird die spätere Fassung von 1865 - stellt der Generalmusikdirektor wiederum eindrucksvoll nicht nur seine handwerkliche Kompetenz unter Beweis. Sondern bestätigt einmal mehr, dass italienische Dirigenten für Verdi einfach die Idealbesetzung sein können. Wohlgemerkt sein können, denn längst nicht alle Maestros schaffen das, was Calesso scheinbar mühelos von der Hand geht.

Der aus Treviso stammende, in Venedig und Wien ausgebildete Musiker atmet stets mit den Solisten und Chorsängern (was hörbar viel Sicherheit gibt) und versetzt gleichzeitig das Orchester sehr schnell durchgängig in höchste Aufmerksamkeitsstufe - ob das nun die leisen, zarten Stellen sind oder die dramatischen Steigerungen und Finales, bei denen er seine Energie förmlich in den Graben schaufelt. Und alles klingt authentisch, natürlich und klischeefrei italienisch. Großartig.


Der finstere Titelheld singt berührend



Auch die Sänger leisten mehr, als für ein Haus dieser Größenordnung selbstverständlich ist. Allen voran Gastsolist Adam Kim, ein schön timbrierter Bariton, der dank seiner Artikulation und Dynamik auch dort der Rolle Statur gibt, wo sie von der Regie im Stich gelassen wurde. Seine sängerische Interpretation berührt - und sie unterstreicht, warum Verdi diese Oper eben nicht nach der gern im Mittelpunkt stehenden Lady benannt hat.
Ensemblemitglied Karen Leiber als Macbeths Frau bewältigt die stimmlichen Klippen ihrer Partie ebenso souverän wie ihre langen Roben (heutige Kostüme: Angelika Rieck), die Stolpersteine sein könnten im sich immer wieder drehenden, verschachtelten, mit Treppen und Geländern ausgestatteten Einheitsbau (Bühne: Momme Röhrbein). Was ihrer Figur vielleicht an Dämonie fehlt, macht sie spielerisch wett in der überzeugend choreographierten Schlafwandelszene.


Prostituierte und viel Militärs


Neben der Lady sind bekanntlich die Hexen die wichtigsten Frauen in "Macbeth", schon weil sie mit ihren Vorhersagen die blutige Handlung in Gang setzen. Stephan Suschke zeigt sie als Prostituierte, von denen zwei auch in die anderen Ebenen hineinwirken, indem sie gleichzeitig als Kammerfrauen auftreten: Zwei Hausmädchen (Barbara Schöller und Varvara-Paraskevi Biza), die an die eingangs erwähnte Magenta erinnern, aber erst im zweiten Teil so mitspielen, dass man dahinter einen Plan vermutet.

Die übrigen Männer sind fast alle Militärs. Vazgen Ghazaryan ist ein stimmgewaltiger Banco, und auch zwei Chormitglieder sahnen solistisch eindrucksvoll ab: Yong Bae Shin glänzt als Macduff mit der einzigen veritablen Tenorarie, Hyeong-Joon Ha lässt als Doktor aufhorchen.
Neben weiteren Solisten ist Bancos Sohn Fleance (Sebastian Jahreiß) eine wichtige Figur. Dass der Kinderstatist zu den finsteren Vorahnungen des Vaters mit diesem Fußball spielt, darf man getrost als modisches Regietheater abhaken.


Das Regiekonzept bleibt unklar



Überhaupt stellt sich die Frage nach dem Konzept. Denn erstens wird nicht klar, warum Macbeth und seine Lady überhaupt so und nicht anders handeln. Machtgier aus Langeweile? Und zweitens erschließt sich nicht immer, warum der Regisseur gern schrille Komik und Aberwitz einbaut. Der erste Mord - der Königsmord - findet bei geschlossenen Vorhängen in einem räumlich derart beengten Kabäuschen statt, dass er unmöglich funktionieren kann, ohne die Wächter auf Trab zu bringen.

Und ob die Zuschauer überhaupt mitkriegen, dass die Inszenierung die letzte Prophezeiung negiert, sei dahingestellt: Bancos Sohn Fleance wird ebenfalls umgebracht, Malcolm wird der neue König, was szenisch nicht vorbereitet ist und somit bloß eine gut gemeinte Behauptung.
Trotzdem hat die Inszenierung immer wieder auch packende Momente. Und all jene, die glauben, dass eine Oper und die "Rocky Horror Picture Show" nichts gemein haben können, seien daran erinnert, dass schon in Patrice Chéreaus "Jahrhundert"-Ring 1976 der bucklige Butler Riff Raff im Halbgott Loge eine restlos überzeugende Anverwandlung fand.

Womit sich wiederum ein Kreis schließt. Denn Stephan Suschke betreute als Assistent von Heiner Müller nach dessen Tod die Bayreuther "Tristan"-Inszenierung, die bis 1999 lief und zuletzt just in dem Jahr gespielt wurde, als Sue Blane, jene Kostümbildnerin, die unter anderem auch die Ur-Magenta-Outfits geschaffen hat, mit "Lohengrin" am Grünen Hügel debütierte.


Termine und Karten


Weitere Vorstellungen (jeweils um 19.30 Uhr, Dauer ca. drei Stunden) am 21., 27. und 31. Oktober, 6., 11. und 21. November, 2., 14. und 27. Dezember 2012, 10. und 20. Januar sowie 1. und 3. Februar 2013; letztere Aufführung beginnt um 15 Uhr. Karten gibt es unter Telefon 0931/3908124.