Vor einem Monat hat die Eisenbahnkatastrophe von Santiago de Compostela ganz Spanien erschüttert. Beim schlimmsten Zugunglück in der jüngeren Geschichte des Landes wurden 79 Menschen getötet und rund 150 verletzt. Nach Ansicht der Ermittler trägt der Lokführer Francisco José Garzón die Hauptschuld für die Katastrophe im Nordwesten Spaniens. Das Unglück sei dadurch ausgelöst worden, dass der 52-Jährige am 24. Juli mit einem Schnellzug mit stark überhöhter Geschwindigkeit (etwa 190 km/h) in eine Kurve eingebogen sei, in der nur Tempo 80 zugelassen war, betonte der Untersuchungsrichter Luis Aláez.

Der Jurist geht aber auch davon aus, dass der Lokführer nicht der Alleinschuldige ist.
Der Richter hält es für erwiesen, dass die Sicherheit der Bahnstrecke erhebliche Mängel aufgewiesen habe und Verantwortliche der staatlichen Gesellschaft für die Verwaltung des Eisenbahnnetzes (Adif) eine Mitverantwortung trügen.

"Obwohl ein Fehler oder ein Ablenkung des Lokführers absehbar waren, fehlte ein System, das den Zug automatisch gebremst hätte", gab der Richter zu Protokoll. "Es hätten besondere Vorkehrungen getroffen werden müssen, um den Lokführer rechtzeitig zu warnen, aber dies war nicht der Fall gewesen."

Kurz vor dem Bahnhof entgleist

Der Schnellzug war auf der Strecke Madrid-Ferrol wenige Kilometer vor dem Bahnhof der Pilgerstadt Santiago entgleist. Mehrere Waggons überschlugen sich und verkeilten sich ineinander. Der Lokführer hatte vor dem Einbiegen in die Kurve auf dem Handy einen Anruf des Schaffners erhalten und war vermutlich davon abgelenkt worden, dass er den Zug hätte abbremsen müssen. Als er die Bremsen zog, war es bereits zu spät.

Teresa Gómez-Limón hatte in dem Unglückszug gesessen und die Katastrophe verletzt überlebt. Die Politikerin, die für die konservative Volkspartei (PP) von Ministerpräsident Mariano Rajoy im Madrider Regionalparlament sitzt, hält den staatlichen Bahngesellschaften Adif und Renfe vor, für die Katastrophe mitverantwortlich zu sein.

Adif verwaltet das Gleisnetz, Renfe betreibt den Zugverkehr. Die Politikerin geht mit ihrer eigenen Partei hart ins Gericht. "Die Präsidenten beider staatlichen Bahngesellschaften hätten sofort abgelöst werden müssen", empörte sich die Abgeordnete, die noch immer einen Fuß in Gips hat. "In anderen Ländern hätte man diese Herren längst gefeuert."

Chefs weisen alle Verantwortung ab

Die PP wies darauf hin, dass die Unglücksstrecke unter der vorigen Regierung der Sozialisten in Betrieb genommen worden sei. Auch die Bahnchefs wiesen jede Verantwortung von sich. "Über Systeme der Sicherheit entscheiden nicht die Unternehmenschefs, sondern Teams von Ingenieuren und Technikern", sagte der Renfe-Präsident Julio Gómez Pomar bei einer Anhörung im Parlament.

Unmittelbar nach der Katastrophe verstärkte die Bahn drastisch die Sicherheitsvorkehrungen. Das Tempolimit für die Todeskurve wurde von 80 auf 30 km/h herabgesetzt. Die Lokführer erhalten mehrere Kilometer vor der Kurve eine Serie von elektronischen Signale, das Tempo stufenweise zu drosseln. "Hätte man diese Signale nicht vor dem Unglück setzen können?", fragt Gómez-Limón. "Dann wäre die Katastrophe vermieden worden." Vor dem Unglück war das Tempolimit abrupt von 200 auf 80 km/h herabgesetzt worden. Eine Vorrichtung, die einen Zug bei Überschreiten von Tempo 80 automatisch gebremst hätte, war an dieser Stelle nicht in Betrieb.

Der Ermittlungsrichter Aláez will nun den oder die Mitarbeiter von Adif als Beschuldigte vernehmen, die für die Sicherheit der Strecke zuständig waren. Der Jurist trug der Bahngesellschaft auf, die Betreffenden namhaft zu machen. Damit löste er in dem Unternehmen eine gewisse Ratlosigkeit aus; denn mit der Sicherheit haben dort mehrere Abteilungen und Mitarbeiter zu tun. Die einen entscheiden über die Streckenführung, andere über die Signale und wiederum andere über die Bremssysteme. Laut Medienberichten wurde erwartet, dass das Staatsunternehmen dem Richter eine lange Liste mit Namen von Mitarbeitern zukommen lassen wird. dpa